Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

26. Juni 2014

Irak: Zerfall Iraks nutzt Kurden

 Von 
Kurdische Frauen kochen in einer Moschee in Arbil für aus dem von Isis kontrollierten Gebiet geflohene Familien.  Foto: AFP

Die Kurden hoffen auf einen neuen sunnitischen Staat um Erbil und Kirkuk. Das böte auch der Regierung in Ankara viele Vorteile. Derweil unterstützt der Iran die Schiiten und sendet Drohnen.

Drucken per Mail

Die rund 40 Millionen Kurden im Mittleren Osten sind das größte Volk der Erde ohne einen eigenen Staat. Doch die dramatischen Ereignisse im Irak haben ihren Jahrhunderttraum jetzt in greifbare Nähe gerückt.

Kurz bevor der irakische Kurdenführer Masud Barsani jetzt den amerikanischen Außenminister John Kerry in seiner Hauptstadt Erbil empfing, sagte er in einem CNN-Interview, dass die Teilung des Landes für ihn eine Tatsache sei: „Es ist Zeit für die Kurden, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.“
Barsani gilt als der erfahrenste Politiker der gesamten Region, er hat ausgesprochen, was kaum mehr zu ignorieren ist. Der Blitzkrieg der Isis-Rebellen hat im Irak seit dem 10. Juni ein Momentum erzeugt – und die Gewinner der Veränderungen könnten die Kurden sein.

Im Nordirak haben sie schon seit 2005 bewiesen, dass sie sich selbst regieren können. Ihre autonome Region hat ein eigenes Parlament, eine eigene Armee und ist eine prosperierende Insel der Stabilität in einem krisengeschüttelten Umfeld. Zur vollen staatlichen Souveränität fehlt nur noch die Hoheit über das Budget und die Außenpolitik.

Als Barsani jüngst die Schwäche Bagdads nutzte und mit seinen Peschmerga-Truppen die symbolische Kurden-Hauptstadt Kirkuk mitsamt der umliegenden Ölfelder einnahm, hat er die nötigen Grundlagen dafür geschaffen. Wenn er jetzt noch die riesigen Ölfelder an die Pipeline ins türkische Ceyhan anschließt, ist Kurdistan finanziell unabhängig und lebensfähig.

Da die Amerikaner erkennbar kaum noch aktiv Einfluss auf die Entwicklung nehmen, stehen vor allem die sunnitische Türkei und der schiitische Iran nun vor der Frage, wie sie einem möglichen Kurdenstaat begegnen. Die rivalisierenden Regionalmächte haben zwar mehrfach erklärt, dass sie keine Teilung des Iraks wünschen. Doch was tun sie?

Türken fürchten „Isistan“

Der Iran sendet Drohnen zur Unterstützung seines schiitischen Partners nach Bagdad und versetzt seine Truppen in Alarmbereitschaft. Die Hände des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sind gebunden durch die weltgrößte diplomatische Geiselkrise seit dem Sturm auf die US-Botschaft in Teheran 1979, da die Isis-Miliz in Mosul 80 türkische Diplomaten, Konsulatsmitarbeiter und Lastwagenfahrer gefangen nahm. Ankara kann nicht viel tun, braucht das aber auch nicht, denn noch finden die Kämpfe weit weg vom eigenen Territorium statt.

Trotzdem ist in der Türkei eine breite öffentliche Diskussion über die richtige Reaktion in Gang gekommen. Das Land teilt eine 880 Kilometer lange Grenze mit Syrien und 330 Kilometer mit dem Irak. Die Perspektive eines benachbarten Terrorstaates „Isistan“ fürchtet Ankara ebenso wie die Besetzung der Grenzgebiete durch die schiitischen, vom Iran gestützten Regierungen in Bagdad und Damaskus.

Kurdische Peschmerga-Soldaten an der Frontlinie in Sulaiman Bek, gelegen zwischen Bagdad und Kirkuk.  Foto: AFP

Viel hängt jetzt davon ab, ob der irakische Premier Nuri al-Maliki endlich anfängt, die Gräben zwischen Schiiten und Sunniten zuzuschütten, anstatt sie stetig weiter zu vertiefen. Den Vorschlag für eine gemeinsame Notstandsregierung hat er gerade wieder abgelehnt. Da somit die Gefahr wächst, dass der Irak tatsächlich zerfällt, wird die Perspektive eines „kurdischen Puffers“ in Ankara offenbar nicht mehr rundweg abgelehnt.

Das ist der Hintergrund jener aufsehenerregenden Aussage des Erdogan-Vertrauten Hüseyin Celik, der vergangene Woche sagte, den Kurden stehe im Fall des „offiziellen Zerbrechens“ des Iraks das Recht auf einen eigenen Staat zu. Sicher, die kurdische Unabhängigkeit ist für die Türkei noch immer ein rotes Tuch wegen der eigenen, großen kurdischen Minderheit und deren Autonomiestreben. Doch zeigt die Äußerung Celiks, dass die türkische Regierung die Brisanz der Lage erkennt. Die interne Flanke sicherte sie am Donnerstag durch ein neues Gesetzespaket ab, das den Friedensprozess mit der Kurdenguerilla PKK unterstützt.

Kurdisches Öl ist willkommen

Ein stabiler Kurdenstaat um Erbil und Kirkuk böte Ankara auch viele Vorteile. Der Nordirak ist jetzt schon der größte Abnehmer türkischer Exporte im Nahen Osten; das kurdische Öl kann die rohstoffarme Türkei gut gebrauchen. Es wäre ein Deal ganz im Sinne Erdogans, denn der Kurdenstaat würde seine absolute Abhängigkeit von Bagdad gegen die von Ankara eintauschen, da er keinen Zugang zum Meer besitzt.

Hinzu kommt, dass die irakischen Kurden wie die Türken überwiegend konservative Sunniten sind. Insofern ist Erdogans Allianz mit Barsani auch eine Strategie gegen die kurdischen Linken unter Führung des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan, dessen Einfluss in den Kurdengebieten der Türkei und Syriens dominiert. Die Gretchenfrage ist deshalb nicht, ob die Türkei kurdische Staatsbildung toleriert, sondern ob und wie sehr sie den Prozess aktiv unterstützt. Sie wäre gut beraten, das Risiko einzugehen.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Atomwaffen

Worte der Hoffnung

Von  |
Obama: „Aber wir müssen auch den Mut haben, der Logik der Angst zu entkommen und eine Welt anstreben ohne Atomwaffen.“

Barack Obama spricht erneut von einer Welt ohne Atomwaffen. Er weckt damit Erwartungen, die er selbst nicht erfüllen kann. Doch sein Traum könnte ein Ziel für die Menschheit sein. Mehr...

Israel

Netanjahu auf Kollisionskurs

Benjamin Netanjahu hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann.

Israels Regierungschef hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann. Schlechte Aussichten für einen Siedlungsstopp.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung