Systematische Folter, sexueller Missbrauch, totgeschlagene Gefangene - die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat jetzt grauenhafte Details über den Alltag in einem geheimen Haftzentrum in Bagdad recherchiert, in dem Iraker Iraker gequält haben sollen.
Die Existenz des Lagers am früheren Muthanna-Flughafen der irakischen Hauptstadt war vor kurzem von der Los Angeles Times enthüllt worden. Das Pikante dabei: Die Armeedivision, die die Haftanstalt führte, ist dem irakischen Noch-Premier Nuri al-Maliki unterstellt. Der beteuert zwar, nichts gewusst zu haben, und hat drei Offiziere sowie den Direktor der irakischen Gefängnisse feuern lassen. Zweifel aber bleiben.
In Muthanna, das inzwischen geschlossen ist, waren über 400 sunnitische Aufstandsverdächtige monatelang ohne Kontakt nach außen festgehalten worden. Die Armee hatte sie bei Razzien im Raum Mossul zwischen September und Dezember 2009 festgenommen. 300 wurden nun in die Al-Rusafa-Haftanstalt verlegt, wo HRW 42 von ihnen befragen konnte. Neben HRW haben auch der britische Sender BBC und Al Dschasira ehemalige Insassen befragt. Die Angaben decken sich.
Folter war offenbar normal
"Meine Hände wurden auf dem Rücken gefesselt und meine Augen verbunden, dann hängten sie mich an den Füßen auf und schlugen mich", berichtet ein Gefangener der Menschenrechtsorganisation: "Mein Kopf wurde in eine Tüte gesteckt, bis ich dachte ich ersticke. Sie weckten mich auf mit Elektroschocks an den Genitalien." Ein Arzt bezeugt, er habe einen Mitgefangenen nach schweren Folterungen in der Zelle sterben sehen.
Ein britisch-irakischer Staatsbürger gibt an, er sei mit einem Stock vergewaltigt worden. Mehrfach klagen Betroffene, sie seien geschlagen worden, bis sie Blut im Urin gehabt hätten. Ein 59-Jähriger wurde vor den Augen seines 29-jährigen Sohnes gefoltert, und beiden wurde die Vergewaltigung des anderen angedroht, wenn sie nicht geständen.
Human Rights Watch geht nach den Interviews davon aus, dass "Folter in Muthanna die Norm" war, und fordert eine unabhängige Untersuchung.
Der innerirakische Folterskandal ist nicht der erste seit dem Sturz Saddam Husseins. Vor allem Abteilungen des Innenministeriums standen wiederholt im Verdacht, Missliebige zu foltern. Die Regierung al-Maliki hat zwar mehrfach zugesagt, solche Menschenrechtsverletzungen zu ahnden - das sei aber bisher nicht passiert, rügte Amnesty International: "Das begünstigt eine Kultur der Straflosigkeit im Land."
Für al-Maliki kommt der Skandal völlig zur Unzeit: Nachdem sein Lager bei den Parlamentswahlen vor zwei Monaten knapp auf dem zweiten Platz gelandet war, sucht er nun verzweifelt nach Koalitionspartnern, um doch noch eine Mehrheit zu schaffen. Bei den Sunniten dürfte er sich nun äußerst schwertun.
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