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Iran: Der bloggende Mullah

Mohammed Ali Abtahi ist ein Internetpionier, eine Leitfigur für die iranischen Internetnutzer. Die Menschen verehren ihn als "bloggenden Mullah". Dem Regime ist er ein Dorn im Auge. Jetzt sitzt er in Haft. Von Martin Gehlen

Mohammed Ali Abtahi versteht sich als Bürgerrechtler, er lacht gerne, führt ein Institut für interreligiösen Dialog und seit gut fünf Jahren bestückt er täglich sein Blog - mit Indiskretionen von Empfängen, Lebensberatung für junge Leute oder Insidergeschichten aus den Korridoren der Macht.
Mohammed Ali Abtahi versteht sich als Bürgerrechtler, er lacht gerne, führt ein Institut für interreligiösen Dialog und seit gut fünf Jahren bestückt er täglich sein Blog - mit Indiskretionen von Empfängen, Lebensberatung für junge Leute oder Insidergeschichten aus den Korridoren der Macht.
Foto: rtr

Die Polizisten kamen kurz vor Sonnenaufgang. Für das Regime gehört der Verhaftete zu "den wichtigsten Drahtziehern" der Teheraner Unruhen. Seine Fans verehren ihn als "bloggenden Mullah" - ein Geistlicher, der so gar nicht passt in das Klischee eines iranischen Klerikers.

Mohammed Ali Abtahi versteht sich als Bürgerrechtler, er lacht gerne, führt ein Institut für interreligiösen Dialog und kämpft mit wechselnden Diäten gegen sein Übergewicht. Seit gut fünf Jahren bestückt er täglich sein Blog - mit Indiskretionen von Empfängen, Lebensberatung für junge Leute oder Insidergeschichten aus den Korridoren der Macht.

Von 2001 bis 2004 war der 51-Jährige Vizepräsident unter dem populären Reformer Mohammed Chatami, dann wechselte er vom politischen ins virtuelle Fach. Seither schreibt er täglich auf webneveshteha.com - selbst Zeitungen drucken seine Texte gerne. Abtahi ist gut vernetzt. Der Mann mit dem schwarzen Turban gehört zu den Internetpionieren des Iran und ist eine der Leitfiguren der Szene.

Über 100.000 Blogs gibt es inzwischen in der Islamischen Republik - damit ist das Land unangefochtener Spitzenreiter in der muslimischen Welt. Jeder Iraner ist ein Medium - das war dann auch das neue Konzept der Wahlkampfmanager von Mir Hossein Mussawi. Mit SMS-Botschaften, über Internetplattformen wie Twitter, Facebook und Flickr vernetzten sie sich mit der Bevölkerung, um das Informationsmonopol des staatlichen Radios und Fernsehens zu unterlaufen.

Doch was sich seit dem Wahltag auf den Straßen abspielt, setzt sich auch im Cyberspace fort. Das Regime macht mobil, vor allem gegen das digitale Informationsnetz der Opposition. Das Versenden von SMS geht seit Tagen nicht mehr, viele Internetseiten sind blockiert. Täglich liefern sich staatliche Zensoren und die junge computerfitten Iraner ein Katz-und-Maus-Spiel.

Denn trotz aller Störmanöver, auf Facebook und Flickr sammeln sich immer mehr Handyfilme und Fotos von Straßenschlachten, Knüppeleinsätzen, blutenden Demonstranten, aber auch mit hoffnungsvollen Gesichtern, die an eine Wende glauben. Twitter mit seinen 140-Buchstaben-Tweets ist inzwischen zur Informationsbörse Nummer eins avanciert.

Ursprünglich wollte die Mikroblogger-Plattform am Montag seine Server für 90 Minuten für ein Update herunterfahren, verschob dies jedoch "wegen der Rolle, die Twitter gegenwärtig als Informationsmittel im Iran spielt", wie es auf der Website hieß. "Iranelection", "Tehran" und "Mousavi" stehen ganz oben auf der Trendliste, die nach dem Schneeballprinzip funktioniert. So machte am Montag Mussawis geplante Kundgebung auf dem Freiheitsplatz genauso millionenfach die Runde, wie am Dienstag die Botschaft des Reformkandidaten, alle sollten zuhause bleiben "um nicht in die Falle organisierter Krawalle zu tappen".

"Es war ein großer Schwindel" steht über Mohammed Ali Abtahis letzten Eintrag, den der bloggende Geistliche in der schlaflosen Nacht nach dem Wahltag verfasste. Um zwei Uhr früh fuhr er zu Mehdi Karroubi, erfahren die Leser, dann telefonierte er mit dem Stab von Mussawi und traf im Morgengrauen seinen alten Chef Chatami. "Alle waren geschockt", schreibt er und schließt: "Jetzt werden die jungen Leute wieder über Auswanderung nachdenken und tausend andere Dinge. Wir müssen versuchen, auf den Füßen zu bleiben."

Seither ist sein Blog vom staatlichen Internetprovider gesperrt. Normalerweise hat er pro Tag 30.000 Klicks und mehr als hundert Kommentare. In den letzten Monaten hatte Abtahi in seinen Texten besonders die islamische Sittenpolizei aufs Korn genommen, die jungen Leuten das Leben zur Hölle macht. "Wer erzwingen will, dass alle religiös werden, erzeugt nur Hass", sagte er vor einigen Wochen im Gespräch in seinem Büro. "Und wer die Freiheit sabotiert, macht die Religion kaputt - vielleicht der wichtigste Streitpunkt zwischen uns und Ahmadinedschad."

Autor:  Martin Gehlen
Datum:  16 | 6 | 2009
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