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Iran: Die unislamische Republik

Eine Mehrheit der schiitischen Gelehrten im Iran lehnt die religiöse Staatsstruktur ab. Keiner von ihnen hat Ahmadinedschad gewählt, heißt es aus ihrem Umfeld. Von Martin Gehlen

Hardliner Ajatollah Ahmad Chatami beim Freitagsgebet in Teheran - beobachtet von den Ajatollahs Chamenei und Khomeini.
Hardliner Ajatollah Ahmad Chatami beim Freitagsgebet in Teheran - beobachtet von den Ajatollahs Chamenei und Khomeini.
Foto: dpa

Die 14 Großajatollahs des Iran geben sich wortkarg. Sie sind fast alle über 75 Jahre alt, leben in Qom und bilden die höchste theologische Autorität im Land. Glaubt man ihrer Umgebung, hat keiner von ihnen am 12. Juni Mahmud Ahmadinedschad gewählt. Die Mitarbeiter des Präsidenten beklagen sich offen in den Zeitungen, die Großen aus Qom hätten ihrem Chef immer noch nicht zu seinem Wahlsieg gratuliert.

Gegenkandidat Mir Hussein Mussawi adressierte an die schiitische Elite einen Brief mit der Bitte, gegen den Wahlbetrug öffentlich Stellung zu beziehen. Doch die Theologen ergreifen keine Partei, auch wenn sie mehr als sonst durchblicken lassen, was sie denken. Großajatollah Nasser Shirazi erklärte, der Konflikt müsse so gelöst werden, dass keine Zweifel blieben. Kollege Safi Golpaygani forderte den Wächterrat zur Neutralität auf. Und Großajatollah Abdolkarim Mousavi Ardabili redete den Sicherheitskräften in Gewissen, nicht mit Gewalt gegen Demonstranten vorzugehen - das sei "ungesetzlich" und "unislamisch".

Kaum Hardliner wie Chatami

Der iranische Klerus ist ebenso gespalten wie die Bevölkerung; das Wort vom Mullah-Staat hat nie gestimmt. Nach Berechnungen von Wilfried Buchta, einem Kenner des iranischen Regierungssystems, unterstützen von den etwa 5000 Ajatollahs im Iran keine 100 offiziell das Regime oder haben politische Ämter inne - wie etwa der Hardliner Ajatollah Ahmad Chatami, der beim Freitagsgebet für Anführer der "illegalen Demonstrationen" die "Todesstrafe ohne jede Gnade" verlangte.

Ähnlich ist das Bild im mittleren und einfachen Klerus. 28 000 Männer tragen den Titel Hodschatoleslam, haben eine fundierte Theologie-Ausbildung. Doch nur 2000 von ihnen sind Regime-Geistliche wie Ex-Präsident Mohammed Chatami, Präsidentschaftskandidat Mehdi Karubi und der Expertenratsvorsitzende Haschemi Rafsandschani. Von180 000 einfachen Geistlichen seien kaum mehr als 4000 politisch tätig: "Während sich ein Teil der Geistlichen zu einer Art Nomenklatura wandelte, steht der Großteil der Schia-Kleriker, der weiter an der Tradition der politischen Enthaltsamkeit festhält, dem Regime in schweigender Ablehnung gegenüber", schreibt der Experte. Das tun auch die Spitzengelehrten von Qom: Sie alle lehnen die zentrale Staatsidee der Islamischen Republik ab. Dieses Amt eines Obersten Religionsführers ist aus ihrer Sicht eine ungesunde Vermischung von Religion und Politik. Ajatollah Khomeini hatte das Amt 1979 ins Dogmengebäude des schiitischen Islam eingeführt.

Und so wird in Qom immer offener debattiert, den allmächtigen Obersten Religionsführer Ali Chamenei durch einen religiösen Gelehrtenrat zu ersetzen, wie ihn die traditionelle schiitische Lehre favorisiert. Doch im Expertenrat, der als einziges Verfassungsorgan Chamenei absetzen könnte, gibt es für einen solchen Schritt bislang keine Mehrheit. "Absolute Überstützung für den Religiösen Führer", verkündete das 86-köpfige Gremium in einer Ergebenheitsadresse. "Wir hoffen, die Nation wird ihre Ruhe bewahren und ihre Einheit demonstrieren, indem sie den Anordnungen des Obersten Religionsführers folgt."

Autor:  MARTIN GEHLEN
Datum:  26 | 6 | 2009
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