So sieht es Irans Ajatollah Ali Chamenei: Den Kampf auf den Straßen haben seine Revolutionären Garden erfolgreich ausgefochten. Jetzt muss der Kampf gegen die geistigen Wurzeln der Unruhen folgen - gegen das subversive westliche Gedankengut, was sich über die Unis im Volk ausgebreitet hat.
Die meisten Humanwissenschaften "basieren auf materialistischen Philosophien und betrachten den Mensch als ein Tier", erklärte der Religionsführer in einer Rede vor ausgesuchten Studenten und Professoren. Er zeigte sich "beunruhigt" darüber, dass zwei Millionen Hörer in geisteswissenschaftlichen Fächern eingeschrieben sind - also 60 Prozent des akademischen Nachwuchses. Wenn man solche Gedanken lehre, "werden Zweifel an den Prinzipien und Misstrauen in unsere Werte gesät", polterte Chamenei, der die heutigte Freitagspredigt zur Ankündigung eines neuen Kulturkampfes gegen "unislamische Einflüsse" nutzen will.
Einen Vorgeschmack hatte das Volk bereits bei den Teheraner Schauprozessen bekommen. So musste einer der brillantesten Vordenker, Saeed Hajjarian, in seinem "Geständnis" von westlichen Soziologen und Philosophen abschwören. Deren Denken habe die Intellektuellen korrumpiert, sagte er und bat um Verzeihung, dass er solche Theorien für seine "unzutreffenden und wertlosen Analysen" herangezogen habe.
Es brodelt an den Hochschulen
Chamenei und Präsident Mahmud Ahmadinedschad wissen, dass es an den Hochschulen brodelt. Und so will das Regime den Nachwuchs zu Beginn des neuen Studienjahres am 23. September besonders hart an die Kandare nehmen. Politisch aktive Studenten werden strikt überwacht oder von der Uni verwiesen; Lehrpläne und Lehrkörper der Human- und Sozialwissenschaften durch "entschiedene Verteidiger des Islam" ideologisch gesäubert. Die Kommission für diese geistige Großzensur ist bereits ernannt. Ihr Chef Hamid Reza Ayatollahi lässt keinen Zweifel daran, wohin die Reise geht. "In unserem Land ist ein großer Teil der Lehrpläne nicht im Einklang mit unserer iranisch-islamischen Kultur", erklärte er. "Eine Revision ist zwingend notwendig - und zwar auf Basis der Empfehlungen des Religionsführers."
Die Disziplinierung der akademischen Jugend soll weiter verschärft werden: Alle Studenten, die vom Geheimdienst der Univerwaltung als politisch aktiv gemeldet wurden, waren schon seit 2006 auf den Einschreibelisten besonders markiert. Professoren wurden reihenweise in den Ruhestand versetzt oder zu Sabbatjahren ohne Rückkehr gezwungen. Wie viele Kommilitonen es diesmal trifft, ist noch unklar - oppositionelle Websites jedoch berichten aus allen großen Uni-Städten von Verhören und Verhaftungen. In Teheran nahmen staatliche Aufseher mehrere dutzend Studenten stundenlang in die Mangel. In Mashad und in anderen Städten wurden Hochschüler verhaftet.
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