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03. Dezember 2010

Iran: Vielehe fürs Regime

 Von Birgit Cerha
Polygamie und Ehe auf Zeit? Eine iranische Braut wartet auf ihre Trauung.  Foto: REUTERS

Irans Führung drängt zu Polygamie und Zeit-Ehe, um damit die Jugend in den Griff zu bekommen und die Frauen von den Universitäten fernzuhalten. Doch ihre Appelle stoßen weitgehend auf taube Ohren.

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TodesUrteil gegen iranischen Pfarrer

Aufgrund seines christlichen Glaubens soll der iranische Pfarrer Yousef Nadarkhani im Iran zum Tode verurteilt worden sein. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM ) sei auch die Ehefrau des Priesters,
Fatemeh Pasandideh, zur lebenslangen Haft verurteilt worden. Beide gehören zu einer iranischen Pfingstgemeinde und sind ehemalige Muslime.
Nach Informationen der IGFM steht in der Islamischen Republik auf die Abkehr vom Islam für Männer die Todesstrafe, für Frauen lebenslange Haft bei täglicher Auspeitschung zu den fünf Pflichtgebeten. Auch dem Pfarrer Behrouz Khanjani drohe möglicherweise die Hinrichtung. Nach IGFM-Angaben sind seit Januar
30 Personen aufgrund ihres neuen Glaubens verhaftet worden. prnb

Shahla Jahed ist gehängt worden, weil sie als Zweitfrau die Erstfrau ihres Mannes ermordet haben soll. Die Hinrichtung am Mittwoch sorgte international zwar deshalb für Aufsehen, weil Jahed die Ehefrau eines populären iranischen Fußballers war. Doch der Fall charakterisiert auch eine Seite des konservativen islamischen Regimes. In den Augen des Chefs der Iranischen Menschenrechtsliga, Karim Lahidji, war die 40-Jährige das „Opfer von Lücken im Justizsystem“ in einer nach wie vor „frauenfeindlichen Gesellschaft“.

Jahed hatte mit dem Ehemann der Ermordeten, eine zeitlich befristete Ehe geführt. Ihr Fall weist auf uralte Praktiken im islamischen Gottesstaat hin, die die herrschenden radikalen Führer unter Berufung auf den Islam dem Volk verstärkt aufzuzwingen versuchen – koste es, was es wolle.

„Selbst wenn wir hunderttausend Menschen exekutieren müssen...“

Schiitische Muslime dürfen nach ihren Glaubensgrundsätzen drei Frauen neben der Hauptfrau haben. Die Beziehungen zu den „Nebenfrauen“ sind manchmal sogenannte Zeit-Ehen. Von Geistlichen abgesegnet dauern sie wenige Stunden oder auch viele Jahre. Die Frau erhält dafür eine vereinbarte Summe und der Mann ist zur finanziellen Sorge für Kinder aus dieser Ehe, die auch erbberechtigt sind, verpflichtet. Diese Praxis wird bis auf die Zeit des Propheten Mohammeds zurückgeführt.

Und das Regime will an dieser umstrittenen Tradition auch weiterhin festhalten. So stellte jüngst der stellvertretende Außenminister Hassan Ghaschghavi klar: „Wir leben in einem islamischen Land und wir handeln nach den Regeln des Korans. Selbst wenn wir hunderttausend Menschen exekutieren müssen, werden wir mit der Durchsetzung dieser Regeln fortfahren.“

Das persische Regime ermuntert sein Volk, früh Kinder zu kriegen und zwar sowohl in einer dauerhaften als auch in einer auf Zeit abgesprochenen Ehe. Lediglich in den 80er und 90er Jahren wich die Regierung von dieser Politik ab.

Als das Bevölkerungswachstum jedoch in den 80er Jahren auf eine Rekordrate von mehr als 3,5 Prozent hinaufgeschnellt war, entschlossen sich die herrschenden Geistlichen zu einem eindrucksvollen, selbst von der Unesco als Vorbild gelobtes Familienplanungs-Programm, das die Geburtenrate auf knapp über ein Prozent senkte – und dies dauerhaft bis heute. Doch inzwischen zeigen sich Irans radikale Führer von dieser Entwicklung mehr und mehr beunruhigt.


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So rief Präsident Ahmadinedschad vor wenigen Tagen die Mädchen des Landes auf, sich doch schon mit 16 Jahren zur Ehe zu entschließen, um „den Satan in Schach zu halten“. Er schloss sich damit den Appellen gleichgesinnter Geistlicher an, die in der Frühehe die einzige Chance sehen, die Jugend „von Sünde und Versuchung“ fernzuhalten, aber auch Irans islamische Gesellschaft zu einem Bollwerk gegen die westlichen Feinde aufzubauen.

Viele Iraner betrachten die Zeit-Ehe als nichts anderes als legitimierte Prostitution

Nach dem Gesetz dürfen Mädchen ab 13 Jahren und Jungen ab 15 heiraten. Bei Zustimmung des Vaters oder Großvaters väterlichen Seits ist eine frühere Verehelichung von Mädchen jedoch gestattet. So geschieht es immer wieder, insbesondere in ländlichen Regionen, das Väter ihre Töchter selbst im Alter von sieben oder acht Jahren verheiraten, um mit dem Brautgeld ihre Schulden zu bezahlen.

Doch insbesondere in den Städten ist in den vergangenen Jahren das Heiratsalter bei Frauen auf bis zu 29 Jahren und bei Männern auf bis zu 34 angestiegen. Ökonomische Gründe, der Wunsch auch bei Frauen, ein Studium zu vollenden und bei Männern darüber hinaus, auch noch den zweijährigen Militärdienst abzuleisten, sind dafür verantwortlich. Und genau diese Entwicklung ist dem Regime und seinen Geistlichen ein Dorn im Auge. Deshalb versuchen sie immer intensiver traditionelle Praktiken wiederzubeleben.

Seit Jahren drängen iranische Führer die Männer des Landes auch zur Zeit-Ehe. Mit der Empfehlung zur Polygamie, wie zur Zeit-Ehe, suchen Irans Führer eine islamische Lösung für den Zeitvertreib der Jugend, der sie fast alle anderen Freuden und vor allem Freiheiten verbieten. Doch ihre Appelle stoßen weitgehend auf taube Ohren.

Insbesondere die städtische Mittelschicht lehnt Vielweiberei entschieden ab. Und viele Iraner betrachten die Zeit-Ehe als nichts anderes als legalisierte Prostitution.

Kein iranischer Vater wird seine Tochter in eine Ehe entlassen, die nur kurze Zeit währt. Jungfräulichkeit gilt auch im Iran, wie in anderen Ländern des Orients, als Ehre vor allem der Väter. Und jeder weiß, dass die Zeit-Ehe für die Frau das Tor zu Armut, Elend und Prostitution öffnet.

Zu der Frage, warum die Vielehe im Iran nicht so gut ankommt, wie in der arabischen Welt, sagt der Geistliche und Politiker Mohammad Taqi Rahbar: „Die iranische Gesellschaft hat gezeigt, dass sie mit diesem Thema Probleme hat. Unsere Kultur passt nicht zur der Idee von Polygamie und ZeitEhe.“

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