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03. Juli 2014

Isis im Irak: Der neue „Kalif“ fordert die Saudis heraus

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Saudi-Arabien fürchtet, dass das irakische Militär seine Stellungen an der Grenze zum Königreich verlassen hat und das Gebiet nun unbewacht ist. Bagdad bestreitet das.  Foto: dpa

Das saudische Königshaus verliert die Kontrolle über die lange gehätschelten Extremisten. Riad, das die Isis lange finanziert hat, verlegt Truppen an Iraks Grenze, um sich vor „Terroristen“ zu schützen.

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Der Zerfall der irakischen Armee hat das saudi-arabische Herrscherhaus aufgeschreckt. Am Donnerstag meldete der den Saudis gehörende TV-Sender al-Arabiya, das Königreich habe 30.000 Mann an die irakische Grenze kommandiert. Sie seien „ausgeschwärmt“, um das Land vor „terroristischen Gefahren“ zu schützen, nachdem auf der anderen Seite die irakischen Regierungstruppen ihre Stellungen verlassen und das Gebiet unbewacht gelassen hätten. Ein Video in al-Arabiya belegt anscheinend den Abzug. Es soll „in der Wüste westlich von Kerbela“ aufgenommen worden sein. Bagdad widersprach Riad: Die Grenze sei „völlig in der Hand“ der irakischen Truppen.

Die Region gehört zur irakischen Provinz Anbar und ist sunnitisches Stammesgebiet. Viele Stammesführer dort haben sich ebenso mit der dschihadistischen Isis-Front zusammengetan wie Veteranen der einstigen irakischen Armee und der Baath-Partei. Sie vereint die Gegnerschaft zur Bagdader Regierung des Schiiten Nuri al-Maliki.

Doch es handelt sich nicht um einen reinen Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten. Zwar hat Maliki vor zwei Wochen wieder einmal den neunzigjährigen König Abdullah ibn Abdul Asis al-Saud bezichtigt, Saudi-Arabien finanziere die Isis-Kämpfer. Doch den Monarchen treibt weniger die 1400 Jahre alte konfessionelle Rivalität um als die Herausforderung, die der 42-jährige Isis-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi darstellt – sowohl mit seinen Verbalattacken gegen die superreichen und korrupten Monarchen als auch durch die Verkündung, er habe das neue Kalifat begründet, den „Staat für alle Muslime“, den er als Kalif führe.

Der Titel bezeichnet seit dem Tod Mohammeds dessen Nachfolger als Beherrscher der (sunnitischen) Gläubigen. Seit dem Untergang des Osmanischen Reichs besteht kein Kalifat mehr. Seitdem beansprucht der saudische König als Bewahrer der zwei Heiligen Stätten (Mekka und Medina) einen unter den muslimischen Führern herausgehobenen Rang.

Die tatsächliche Bedeutung Saudi-Arabiens ist allerdings wirtschaftlich begründet: Das Land ist der bedeutendste Ölförderer und seit den 50er Jahren eng mit den USA verbündet. Iran ist das seit der Revolution von 1979 nicht mehr, sondern wird in Washington als Verbündeter des syrischen Regimes und Drahtzieher radikal-islamischer Organisationen wie der Hisbollah in Libanon betrachtet. Ein Schauplatz der saudisch-iranischen Auseinandersetzung ist Syrien. Um das Bündnis zwischen Teheran und Damaskus zu schwächen oder gar zu sprengen, finanzierte Saudi-Arabien bisher die Isis und ihre Vorläufer, Nachahmer und Verbündeten, wie es auch vor drei Jahrzehnten die afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjetunion finanzierte – und sich indirekt in Tschetschenien und in Nordafrika einmischte. Jedes Mal mit Duldung und oft mit aktiver Mitwirkung der USA.

Die islamistischen Bewegungen und Kampforganisationen haben sich allerdings großenteils verselbstständigt. Besonders al-Baghdadis „Kalifat“, das aus der Isis hervorgegangen ist, ist auf saudisches Geld derzeit nicht angewiesen. Die vor vier Wochen ausgeräumten Kassen und Banken von Mossul in Nordirak waren reich bestückt, Waffen aus den Beständen der ehemaligen Armee Saddam Husseins sowie aus eroberten Depots, die die USA für Malikis Regime angelegt hatten, Erpressungs- und Schutzgelder machen Baghdadi unabhängig von König Abdullah. Der sieht sich nun durch den Gang der Ereignisse gezwungen, mit dem verhassten Maliki-Regime zusammenzugehen und den eigentlichen Rivalen Teheran als Verbündeten zu akzeptieren.

Die USA tun es notgedrungen ja auch – und hoffen nebenbei endlich eine Lösung im Atomkonflikt mit Teheran erreichen zu können, bei der beide ihr Gesicht wahren.

Das alles hat der greise König Abdullah am Mittwoch (nach Washingtoner Ortszeit Dienstag) mit US-Präsident Barack Obama telefonisch besprochen. Die Kuwaiter Nachrichtenagentur Kuna teilt nur mit, es seien bilaterale Beziehungen und regionale Entwicklungen erörtert worden, und stellt auch keinen Zusammenhang mit der Truppenstationierung an der irakisch-saudischen Wüstengrenze her. Ob der Umstand zur Sprache kam, dass Katar immer weiter auch die Dschihadisten finanziert, von denen Saudi-Arabien abrückt und die auf Washingtoner Listen als Terroristen verbucht sind, geht aus diesen Nachrichten nicht hervor.

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