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Politik
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08. August 2015

Islam - Islamismus: Islamismus - der unbekannte Feind

 Von Susanne Schröter
Verteilung des Korans in Berlin.  Foto: REUTERS

Wir wissen zu wenig über den Islamismus – und finden deswegen keine Mittel gegen ihn. Islamexpertin Susanne Schröter erläutert Präventionsstrategien. Ein Gastbeitrag.

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Etwa 20 000 ausländische Freiwillige aus 74 Ländern kämpfen mittlerweile in den Truppen des „Islamischen Staates“ (IS), davon ungefähr 700 aus Deutschland. Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren verüben grauenvolle Menschenrechtsverletzungen in Syrien und dem Irak oder führen tödliche Anschläge außerhalb des sogenannten Kalifats durch, wie in diesem Jahr in Kopenhagen, Paris, Kuwait City, Tunis, Sousse, Saint-Quentin-Fallavier und wahrscheinlich auch im türkischen Suruç. Gute Strategien der Prävention und Deradikalisierung sind daher bitter notwendig – in Deutschland wie anderswo.

Die Frage ist allerdings, wie diese beschaffen sein sollen. Am politischen Willen etwas zu tun besteht kein Mangel, doch dies reicht nicht aus. Bislang ist es auch in Ländern wie Dänemark oder Großbritannien, die auf eine langjährige Erfahrung mit Präventionsprojekten verweisen können, nicht gelungen, der Attraktivität, die Salafismus und Dschihadismus auf muslimische Jugendliche ausüben, etwas Substanzielles entgegenzusetzen und die Zahl der Ausreisen in den Dschihad zu drosseln. Woran liegt das?

FR-Serie: Zwischen Islam und Islamismus
FR-Serie: Zwischen Islam und Islamismus.
 Foto: REUTERS

von Viktor Funk

In Europa gibt es Menschen, die bereit sind im Namen des Islams zu morden. Junge Männer und Frauen ziehen nach Syrien und in den Irak, um zu töten und für den sogenannten „Islamischen Staat“ zu sterben.

In der deutschen Debatte dominiert die Vorstellung, dass der Islam ein Nährboden für Terrorismus ist. Und je nachdem in welchem politischen Umfeld diese Debatte geführt wird, kann die Religion auch mal zur einzigen Ursache erklärt werden.

Doch diese Auseinandersetzung wird meist ohne Muslime geführt. Auch Medien und Politiker treten an muslimische Verbände oft erst dann heran, wenn diese sich von einem Attentat distanzieren sollen. Aber wie können Unbeteiligte sich von etwas distanzieren, was auch sie gefährdet und was sie nicht unterstützt haben?

Der gesellschaftliche Diskurs über den islamistischen Terror kommt über einen bestimmten Punkt nicht hinaus: Er steckt in der Frage der Ideologie fest, wird eben deshalb ideologisch geführt und erschwert so das Verständnis des Phänomens.

Die FR schaut genauer hin und geht den Fragen nach, woher die Terrororganisation IS kommt; welche Rolle der Westen bei der Entstehung der Terrorgruppen spielt; womit Salafisten europäische Jugendliche verführen – und wie Muslime selbst an den Fanatikern leiden.

Im internationalen Vergleich fällt zunächst auf, dass es bei gesellschaftlichen Akteuren, die mit Prävention und Deradikalisierung befasst sind, keine einheitliche Vorstellung über die Ursachen von Salafismus und Dschihadismus gibt, sondern lediglich eine Vielzahl von Annahmen, die in ihrer Mehrheit politisch, nicht aber wissenschaftlich fundiert sind. Während Linksorientierte Radikalisierung vornehmlich als Folge von Islamophobie und Diskriminierung sozial ausgegrenzter jugendlicher (Post-)Migranten verstehen, machen Konservative einen unregulierten Multikulturalismus verantwortlich, der zu selbst gewählter Abkoppelung ganzer Bevölkerungsgruppen und der Entstehung von Parallelgesellschaften führe.

Uneinigkeit hinsichtlich der Bedeutung des Islams

Im ersten Fall votiert man für verstärkte Investitionen in die Sozial- und Jugendarbeit sowie für Antidiskriminierungsmaßnahmen, im zweiten Beispiel setzt man eher auf Repression und Kontrolle. Beides ist nicht gerade neu und beinhaltet einige ungelöste Schwierigkeiten. Polizeilichen Maßnahmen haftet der Geruch des Undemokratischen an und löst Proteste derjenigen aus, die Gefahren für die offene Gesellschaft befürchten. Zudem stehen sie unter Verdacht, Muslime als Gruppe zu stigmatisieren.

Die Jugend- und Sozialarbeit hingegen gilt vielen als ineffektiv. Obgleich sie als Kernstück der Prävention gefeiert wird, scheint bei näherem Hinschauen zudem, dass hier lediglich zusätzliche finanzielle Mittel für etwas bereitgestellt werden, was längst existiert und nicht erst im letzten Jahr erfunden wurde.

Auch hinsichtlich der Bedeutung des Islams ist man sich nicht einig. Während die einen betonen, Dschihadismus habe nichts mit dem Islam zu tun, und den Begriff des Islamismus ablehnen, da sie fürchten, er verunglimpfe alle Muslime, sehen andere die Taten des IS durch den Koran und die Sunna legitimiert und fordern eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Texten oder gar eine Reform des Islam.


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Ob die Religion überhaupt eine Rolle bei salafistisch-dschihadistischen Mobilisierungen spielt oder es letztendlich um die Bildung exklusiver Wir-Gruppen, Abenteuer und Macht geht, wäre eine weitere Frage, die Auswirkungen auf die zu treffenden Maßnahmen hat. Wenn man der Ansicht ist, Jugendliche fühlten sich durch die salafistisch-dschihadistische Ideologie angesprochen, würden sich Gegennarrative empfehlen, andernfalls kann man darauf verzichten.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wer eigentlich als radikal zu bezeichnen sei. Sind es nur Personen, die zur Gewalt aufrufen wie der Ex-Rapper Deso Dogg, der in Syrien sein Unwesen treibt, oder auch solche wie der salafistische Prediger Abdul Adhim Kamouss, der Gewalt ablehnt und in seinen Ansprachen vor dem IS warnt? Sollte man quietistische Salafisten in die Präventionsarbeit einbinden oder sie isolieren, weil sie den geistigen Nährboden für den Dschihad bereitstellen? Apropos geistiger Nährboden: Wie verhält es sich mit dem Teil des muslimischen Mainstreams, der letztendlich auch einen islamischen Staat anstrebt, dieses Ziel aber auf einen nicht näher bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft vertagt? Sind diese Muslime Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Migranten beten in einer improvisierten Moschee in Calais.  Foto: REUTERS

Diese und andere Fragen beantworten die Verantwortlichen in Präventionsprojekten und in staatlichen Institutionen unterschiedlich. Man entscheidet analog der eigenen Überzeugungen, so dass wir es – nicht nur in Deutschland – mit einem Flickenteppich von Maßnahmen zu tun haben, die nur bedingt zusammenpassen. Aktuell fehlt es an vielem, unter anderem an verlässlichen Daten über die Hintergründe und Ursachen islamistischer Radikalisierung. Forschung ist in diesem Bereich ein Muss, steht aber noch am Anfang, nicht zuletzt deshalb, weil man das Thema an den Universitäten lange Zeit für anrüchig hielt und sich lieber mit Islamophobie und antimuslimischem Rassismus befasste.

Evaluierung fehlt

Ein weiteres Manko ist die fehlende Evaluierung bereits implementierter neuer oder auch alter Maßnahmen. Wenn beispielsweise die Jugendarbeit nicht den gewünschten Effekt einer Verhinderung von Radikalisierung hatte, dann kann dies an einer unzureichenden personellen und finanziellen Ausstattung, an den falschen Konzepten oder schlicht daran liegen, dass Dschihadismus sich nicht mit solchen Mitteln eindämmen lässt. Bislang existieren weder Indikatoren, nach denen sich bemessen ließe, ob Programme Erfolge zeigen, noch sind unabhängige Evaluierungen geplant.

Wenn man dem Islamismus wirkungsvoll entgegentreten möchte, bedarf es eines abgestimmten, forschungsbasierten Programms, aber auch eines weiten Blickes. Es geht nicht nur um einzelne Jugendliche in Lebenskrisen, sondern um allgemeine Fragen der Einwanderungsgesellschaft, um Partizipationsmöglichkeiten, um Städteplanung, kollektive Identitäten und die Sehnsucht nach einer eigenen „Heimat“, um Herausforderungen einer komplexen Moderne und auch um eine glaubwürdige Außenpolitik.

Wer Waffen an Saudi-Arabien liefert, den Hauptfinanzier und ideologischen Ursumpf des globalen islamischen Terrors, dem fehlen gute Argumente für den Kampf gegen das Kalifat des Abu Bakr al-Baghdadi. Die Doppelzüngigkeit der deutschen Diplomatie liefert den Dschihadisten eine Steilvorlage für die Legitimation des Dschihad als Kampf für Gerechtigkeit. Außen- und Innenpolitik müssen zusammen gedacht werden, denn es ist offensichtlich, dass Konflikte außerhalb Europas Auswirkungen auf unsere eigene Gesellschaft haben.

Holger Münch, der Leiter des Bundeskriminalamtes, forderte einen Masterplan zur Bekämpfung des islamischen Extremismus. Dem ist absolut zuzustimmen. Wenn man nicht nur Symbolpolitik und eine vordergründige Beruhigung der Öffentlichkeit betreiben möchte, benötigt man ein Rahmenkonzept und nicht nur viele kleine Einzelmaßnahmen.

Susanne Schröter ist Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrum globaler Islam“ an der Goethe-Universität Frankfurt.

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