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Islam-Debatte: Wulff und der Nerv der Konservativen

Konservative sind verstört: Deshalb greift Bundeskanzlerin Angela Merkel noch einmal in Debatte über die Islam-Äußerungen des Bundespräsidenten Christian Wulff in seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit ein.

Gebet in einer Moschee in Dortmund (03.10.2010).
Gebet in einer Moschee in Dortmund (03.10.2010).
Foto: REUTERS
Berlin –  

Bundespräsident Christian Wulff hat mit einer Passage seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit einen Nerv getroffen. Etwas Besseres lässt sich über eine Rede kaum sagen. Dass dies ein Nerv der Konservativen in diesem Land ist, das hätte allerdings kaum jemand von diesem aus der Mitte der CDU stammenden Präsidenten erwartet. Doch seine Aussage über den Islam, der zu Deutschland gehöre wie das Christentum und das Judentum, hat diese Kreise nachhaltig verstört.

Im Präsidialamt nimmt man das gelassen zur Kenntnis. Wichtig für Wulff – wenn auch erwartbar – sind die zustimmenden Reaktionen aus den Verbänden der Muslime, aber auch aus den christlichen Kirchen und vor allem aus dem Regierungslager.

Wortlaut

Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede vom 3. Oktober 2010, Auszüge zum Thema Islam:

„Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben ,Sie sind unser Präsident' dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Mit der gleichen Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben.“

„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ (FR)

Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle, zugleich Vorsitzende der CDU und der FDP, haben sich eindeutig hinter Wulffs Botschaft gestellt. Die aus der Union zu vernehmenden Kritiker stammen nicht aus der ersten Reihe. Es gibt allerdings auch Prominentere, die sich über die Motivation Wulffs wundern, sich aber aus Respekt vor dem Präsidentenamt nicht schon wieder an einer öffentlichen Debatte über das Staatsoberhaupt beteiligen wollen.

Immerhin hielt Merkel es am Mittwoch für angebracht, noch einmal in die Debatte einzugreifen: Sie verwies auf die seit Jahrhunderten prägende Kraft der christlich-jüdischen Tradition hierzulande. Inzwischen lebten auch viele Muslime in Deutschland, die ihre Kultur und Religion mitbrächten. Darauf habe Wulff hingewiesen.

Beunruhigender für einen Präsidenten, dem nach jüngsten Umfragen lediglich 41 Prozent der Bundesbürger eine gute Arbeit bestätigen, sind allerdings Schlagzeilen wie jene der Bild-Zeitung vom Mittwoch: „Warum hofieren Sie den Islam so, Herr Präsident?“ und auch das bürgerliche Leitorgan FAZ zeigt sich ungnädig mit dem seit 100 Tagen im Schloss Bellevue amtierenden Christdemokraten. So etwas erhält ein Echo in vielen kritischen Mails, die das Gästebuch auf der Webseite des Präsidenten lobenswert ungefiltert veröffentlicht.

„Damit muss man leben“, ist dazu aus dem Amt zu hören, und auch die etwas ärgerliche Feststellung, dass Wulffs Satz über den Islam bewusst missverstanden werde. Selbstverständlich sei es nicht um einen Beitrag zur Debatte um die Leitkultur gegangen, sondern um die Beschreibung der Lebenswirklichkeit in Deutschland. Die Bürger muslimischen Glaubens hätten nach der für viele beängstigenden Debatte über die Sarrazin-Thesen Anspruch auf ein schützendes Wort des Präsidenten gehabt.

Mit einer gewissen klammheimlichen Zufriedenheit wird auch auf ein Zitat des in diesen Fragen vollkommen unverdächtigen Wolfgang Schäuble verwiesen, der als Innenminister im Bundestag schon 2006 gesagt hatte: „Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft. Muslime sind in Deutschland willkommen.“ Mag sein, dass die Quelle für Wulffs Worte genau hier liegt.

Autor:  Holger Schmale
Datum:  6 | 10 | 2010
Kommentare:  37
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