"Gibt es noch die Islamische Dschihad Union?" fragt der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling den Islamwissenschaftler Guido Walter Steinberg, nachdem der Gutachter seine Erkenntnisse über die IJU vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf ausgebreitet hat. Zuhörer mögen bei Breidling einen spöttischen Unterton wahrgenommen haben, hatten doch vier Verteidiger bei Beginn des Prozesses gegen die sogenannte Sauerland-Szene am 22. April behauptet, dass diese Organisation "nicht existiert" und der Vorwurf der Zugehörigkeit zu einer ausländischen terroristischen Vereinigung deshalb jeder Grundlage entbehre.
Steinberg, früher als Referent im Bundeskanzleramt auf internationalen Terrorismus spezialisiert und heute für die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin tätig, antwortet: "Die IJU ist eine gefährdete Organisation." Im September sollen der Anführer "Ahmet" und sein Vize "Suleyman" bei einem US-Angriff ums Leben gekommen sein, zuverlässige Informationen über die neuen Chefs fehlen noch. Steinberg betont aber gleichzeitig die Internationalisierung der IJU, die ihr in den beiden letzten Jahren Rekruten und Geld aus dem Ausland beschere.
Krankhafte Persönlichkeitsstörung könne man den Angeklagten nicht attestieren, daher seien sie schuldfähig: Das meinen gleich drei Psychiater. Die Auslöser für ihre Radikalisierung der vier Männer liege in familiären Krisen und Konflikten, schrieben die Gutachter in der vorvergangenen Woche.
Der widersprüchlichste Angeklagte sei Fritz Gelowicz. Er lasse am wenigsten in sein Innenleben schauen. "Narzissmus" und einen Hang zur Großspurigkeit macht der Psychiater Norbert Leygraf bei dem Kind aus einer Scheidungsfamilie aus. Gelowicz, der am Gymnasium scheiterte, später aber doch studierte, sei auf "Außenwirkung" bedacht und dabei erstaunlich wenig emotional.
Sehr religiös sei Gelowicz nicht. "Es bleibt der Eindruck, dass er sich immer noch ein Hintertürchen aufhält." (dpa)
Die Werbung im Internet mit martialischen Videoclips in vielen Sprachen lockt offenbar nicht immer die Richtigen in die Trainingslager von Waziristan in West-Pakistan, denn es gibt schon interne Kritik in der IJU an einem "Dschihad-Tourismus", sprich an Freiwilligen, "denen die Ernsthaftigkeit fehlt". Auch Daniel Schneider hat von Männern berichtet, die nach zwei Tagen schon vom Dschihad genug hatten.
Die IJU war zunächst nur Fachleuten bekannt. Sie ist 2002 aus der Islamischen Bewegung in Usbekistan hervorgegangen, weil diese nicht am Kampf der Taliban teilnehmen wollte. Die IJU machte im Juli 2004 mit Anschlägen gegen usbekische Sicherheitskräfte
und Überfällen auf die israelische und amerikanische Botschaft in Taschkent auf sich aufmerksam. Aktionen in Usbekistan im selben Jahr stuft der Experte als "nicht sehr effektiv" ein, bei Selbstmordanschlägen in zwei Städten seien 47 Menschen getötet worden, darunter die 33 Attentäter.
Das Bundeskriminalamt (BKA) und der Bundesnachrichtendienst (BND), deren Experten ebenfalls als Gutachter im Sauerland-Prozess auftraten, stimmen in der Beurteilung der Gruppe nicht in allen Details überein. So geht das BKA davon aus, es gebe keine Verbindung zum Netzwerk El Kaida, der BND hingegen schon. Nach Steinbergs Erkenntnissen orientiert sich die IJU, nur eine von diversen Dschihad-Organisationen in Fernost, mit maximal 300 Kämpfern an El Kaida und den pakistanischen Taliban. Unter deren Kommando sollen die Kampf-Einheiten der IJU im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan stehen. Mit Bombenanschlägen und Feuerüberfällen auf Polizisten, afghanische Soldaten und die Koalitionstruppen wollen sie in Afghanistan ein islamisches Kalifat schaffen und empfinden laut Steinberg deshalb die deutschen Truppen als Hindernis zu diesem Ziel.
"Die Rekrutierung der Angeklagten war für die IJU ein Glücksfall", so Steinberg, denn es sei das erste Mal gewesen, dass die IJU Freiwilligen aus Europa den Treueeid abnehmen konnte. An diesen fühlten sich auch Gelowicz und Schneider gebunden, als sie von ihrem IJU-Kommandanten den Auftrag erhielten, den "Heiligen Krieg" nach Europa zu tragen, obwohl sie lieber in Afghanistan gekämpft hätten. Dass sie Anschläge in Deutschland planten, lag daran, weil sie sich nur hier auskannten.
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