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14. August 2014

Islamischer Staat IS: Eine Niederlage der Zivilisation

 Von 
IS-Dschihadisten an einem von der irakischen Armee aufgegebenen Checkpoint im Norden Iraks.  Foto: AFP

Arabische Intellektuelle debattieren, warum der Islamische Staat so viel Zulauf hat. Sie sehen in der Stärke des IS die Niederlage der arabischen Zivilisation.

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Der Vormarsch der Organisation Islamischer Staat im Irak hat unter arabischen Intellektuellen eine Debatte ausgelöst. Wie konnte es soweit kommen? Dabei geht es nicht nur um die Frage, wieso es den Kämpfern gelungen ist, die Städte einzunehmen und die irakische Armee zu besiegen. Es geht um mehr. IS ist für sie gleichbedeutend mit der kompletten Niederlage der arabischen Zivilisation.

„IS ist der Inbegriff unseres Versagens. Mit IS ist eine Form des Islams zu Macht gekommen, die alle schlechten Entwicklungen auf den Gipfel treibt. Sie ist ebenso weit von meinen Vorstellungen der Religion entfernt, wie ich davon, auf den Mond zu fliegen“, sagt der bekannte libanesische Journalist Ramy al Khoury. „Der Irak ist alles, was wir sein könnten, und alles, was wir fürchten zu werden.“

Seit Jahrhunderten trauert man in der Region der Blütezeit des Islamischen Reiches nach. In Bagdad und Damaskus blühten die Wissenschaften, Bibliotheken entstanden. Mit dem Fall von Bagdad 1258 setzte der Niedergang ein. Seit langem ist von einem „arabischen Minderwertigkeitskomplex“ in den Feuilletons der großen Zeitungen die Rede.

Brutaler als Osama bin Laden

Der Beginn der arabischen Revolutionen 2011 ließ kurz Hoffnung aufflammen, dass trotz allem auch in diesem Teil der Welt Platz für Menschenrechte und demokratische Ideen sein könnte. Schnell wurden allerdings die Bilder der kreativen Aktivisten auf den Straßen von Tunis und Kairo durch Aufnahmen von bewaffneten Langbärten aus den Nachrichten verdrängt.

Mit IS dominiert nun eine Gruppe die Ereignisse, die intoleranter und brutaler ist als alle bisher bekannten Formen des radikalen Islam. „Im Vergleich zu IS war Osama bin Laden moderat und auch Abu Mussab al-Sarkawi längst nicht so brutal“, sagt ein Journalist, der es wissen muss, seinen Namen aber nicht gedruckt sehen will. Er berichtet seit Jahren über die islamischen Kampfgruppen. Vor einem halben Jahr wandte er sich auch an eine IS-Einheit im Irak, fragte, ob er sie für eine Reportage einen Monat lang begleiten dürfe. „Zum Glück haben sie abgelehnt. Ich hatte echt Angst“, gesteht er. Stattdessen traf er IS-Führer zum Interview in Syrien. Was er da sah, reichte ihm: „Diese Brutalität ist unbeschreiblich.“

Arabische Staaten versagen


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Ihn schockiert vor allem, wie viel Zulauf IS unter jungen Menschen in der Region bekommt. „Das zeigt ganz besonders, wie sehr wir versagt haben. Man kann den Jugendlichen es noch nicht einmal übel nehmen, dass sie sich IS anschließen: Welche Alternativen bieten wir ihnen denn?“

Wie konnte es soweit kommen? Als Antwort auf diese Frage zählen die Kommentatoren gleich eine ganze Liste von Ursachen auf. „Am Anfang standen die Interessen des Westens. Sie bestimmten die Aufteilung der Region in Staaten. Es folgten Jahrzehnte unter megalomanischen Diktaturen, die Korruption und Mittelmäßigkeit förderten, starke Regionalmächte mischten mit, es kam im Irak zu mehreren ausländischen Militärinterventionen und dann folgte die Fragmentierung des Landes. An die Stelle eines starken Mannes traten dezentrale Führer, welche die konfessionellen und ethnischen Identitäten betonten“, sagt Khoury. Auf diesem Nährboden sei die IS herangewachsen.

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Als besonders bedrohlich empfinden Kommentatoren, wie tatenlos arabische Regierungen dem IS begegnen. Sie verlassen sich auf die Hilfe von außen, schlimmer noch: Bei vielen Regierungen wird man den Verdacht nicht los, dass sie versuchen, von der Situation zu profitieren.

Beispiel Saudi-Arabien: Bei vielen Saudis genießt IS durchaus Sympathien. Die schiitische Regierung im Irak ist vielen im streng sunnitischen Saudi-Arabien ein Dorn im Auge. Ähnlich kurzsichtige Erwägungen verhindern auch in den anderen arabischen Hauptstädten eine entschiedene Haltung gegen die Gefahr.

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