kalaydo.de Anzeigen

Islamkonferenz: "Die Verbände haben kein Mandat"

Die Theologin Hamideh Mohagheghi spricht im FR-Interview über die Islamkonferenz-Absage des Zentralrats der Muslime.

Hamideh Mohagheghi, 55, ist islamische Theologin und Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland mit Sitz in Berlin.
Hamideh Mohagheghi, 55, ist islamische Theologin und Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland mit Sitz in Berlin.
Foto: privat

Frau Mohagheghi, der Zentralrat der Muslime gibt der Islamkonferenz einen Korb. Ihre Reaktion?

Das ist bedauerlich, es wäre besser gewesen, wenn alle Organisationen aus der ersten Runde auch jetzt dabei wären, wo es um die praktische Umsetzung geht. Gerade wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, sollte man bereit sein, an einem Tisch zu sitzen und miteinander zu sprechen.

Zur Person

Hamideh Mohagheghi, 55, ist islamische Theologin und Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland mit Sitz in Berlin. Sie hat einen Lehrauftrag an der Universität Paderborn, engagiert sich für den interreligiösen Dialog und hat das Frauenrechts-Netzwerk mitgegründet. Seit 1977 lebt die gebürtige Iranerin in Deutschland.

In der Islamkonferenz, deren zweite Runde am Montag beginnt, sind zwei der bekanntesten muslimischen Verbände nicht dabei. Den Islamrat hatte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) ausgeladen. Am Mittwoch sagte der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ab. Das Innenministerium habe keine konkreten Ziele formuliert, und die Hälfte der 2500 Moscheegemeinden sei dort nicht vertreten, begründete der Verbandsvorsitzende Ayyub Axel Köhler in Berlin die Entscheidung. Zudem komme das Thema Islamfeindlichkeit zu kurz, das de Maizière erst auf Druck des Zentralrats auf die Tagesordnung genommen hatte. (rü/dpa)

Schwächt die Absage die Konferenz?

Schwer zu sagen. Aber die praktische Umsetzung geschieht hauptsächlich in den Kommunen und vor Ort, dafür ist die Basis wichtig und zuständig.

Sie sind eine der zehn muslimischen Einzelpersonen, die das Bundesinnenministerium neu berufen hat. Vor allem der Zentralrat, aber auch andere religiöse Verbände finden zehn zuviel und sehen sich unterrepräsentiert. Der Zentralrat sagt sogar, nur die Hälfte der 2500 Moscheegemeinden seien noch in der DIK vertreten.

Die Verbände haben kein Mandat, für den Islam in Deutschland zu sprechen, denn sie repräsentieren das vielfältige Leben der Muslime nicht. Auch ist nur ein kleiner Teil der Muslime in ihnen organisiert - und das auch noch in einer Form, in der die Basis nicht viel von den Entscheidungen der Verbandsspitzen mitbekommt.

Von wem fühlen Sie selbst, als gläubige Muslima, sich denn vertreten?

Das Problem der Vertretung ist etwas Neues für uns Muslime. Ich könnte momentan keine Vertretung für mich benennen.

Aber der Staat braucht organisierte Ansprechpartner, um Fragen wie islamischen Religionsunterricht oder die Besetzung von Lehrstühlen für islamische Theologie zu regeln.

Das sind eher Länder- und Kommunenangelegenheiten. Dafür braucht man keine abgehobenen Verbandsstrukturen. Und die bestehenden islamischen Verbände verfügen kaum über die geeignete theologische und pädagogische Kompetenz, um einen hier in Europa lebbaren Islam zu gestalten. Wir finden in den Verbänden noch einen männerdominierten Islam vor, der der innerislamischen Vielfalt nicht offen gegenübersteht.

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau soll ein Hauptthema der DIK werden. Was erwarten Sie da?

Die DIK sollte den Raum eröffnen, innerislamisch offen über die Rolle der Frau und verbreitete patriarchale Modelle zu diskutieren. Und sie sollte gesamtgesellschaftliche Aufklärung fordern, damit muslimische Frauen, vor allem die kopftuchtragenden, nicht per se als unterdrückt gesehen werden.

Sie tragen selbst ein Kopftuch.

Ja, weil es für mich ein Teil meiner Kleidung und meiner Person ist. Eine religiöse Pflicht zum Kopftuchtragen gibt es nach meiner Meinung nicht. Aber die islamische Theologie lässt vielfältige Interpretationen des Koran zu. Wenn eine gläubige Muslima das Kopftuch als religiöse Pflicht versteht, muss das akzeptiert werden. In einer Demokratie dürfte sie deshalb nicht benachteiligt werden.

Auch über islamischen Religionsunterricht wird auf der DIK viel gesprochen werden. Woran hapert es da besonders?

Uns fehlen noch didaktische Konzepte, die einer pluralen Gesellschaft angemessen sind. Die traditionelle, auch in vielen Koranschulen verbreitete Praxis ist noch, Kindern festgefügtes, vorgefertigtes Wissen beizubringen - wie muss ich beten, welche Regeln muss ich einhalten etc. Dabei müssten die Kinder in die Lage versetzt werden, ihre eigene, individuelle Beziehung zu Gott zu finden und kritische Fragen zu stellen. In meiner sechsjährigen Arbeit in der Fortbildung sehe ich aber auch Fortschritte, wenn die Lehrkräfte ihr theologisches Wissen vertiefen können.

Das klingt, als sei noch viel zu tun. Kann die DIK da überhaupt Fortschritte bringen?

Es wird nicht einfach, aber ich hoffe, Schritt für Schritt gelingt es uns.

Interview: Ursula Rüssmann

Datum:  14 | 5 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!