Frau Mohagheghi, der Zentralrat der Muslime gibt der Islamkonferenz einen Korb. Ihre Reaktion?
Das ist bedauerlich, es wäre besser gewesen, wenn alle Organisationen aus der ersten Runde auch jetzt dabei wären, wo es um die praktische Umsetzung geht. Gerade wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, sollte man bereit sein, an einem Tisch zu sitzen und miteinander zu sprechen.
Hamideh Mohagheghi, 55, ist islamische Theologin und Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland mit Sitz in Berlin. Sie hat einen Lehrauftrag an der Universität Paderborn, engagiert sich für den interreligiösen Dialog und hat das Frauenrechts-Netzwerk mitgegründet. Seit 1977 lebt die gebürtige Iranerin in Deutschland.
In der Islamkonferenz, deren zweite Runde am Montag beginnt, sind zwei der bekanntesten muslimischen Verbände nicht dabei. Den Islamrat hatte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) ausgeladen. Am Mittwoch sagte der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ab. Das Innenministerium habe keine konkreten Ziele formuliert, und die Hälfte der 2500 Moscheegemeinden sei dort nicht vertreten, begründete der Verbandsvorsitzende Ayyub Axel Köhler in Berlin die Entscheidung. Zudem komme das Thema Islamfeindlichkeit zu kurz, das de Maizière erst auf Druck des Zentralrats auf die Tagesordnung genommen hatte. (rü/dpa)
Schwächt die Absage die Konferenz?
Schwer zu sagen. Aber die praktische Umsetzung geschieht hauptsächlich in den Kommunen und vor Ort, dafür ist die Basis wichtig und zuständig.
Sie sind eine der zehn muslimischen Einzelpersonen, die das Bundesinnenministerium neu berufen hat. Vor allem der Zentralrat, aber auch andere religiöse Verbände finden zehn zuviel und sehen sich unterrepräsentiert. Der Zentralrat sagt sogar, nur die Hälfte der 2500 Moscheegemeinden seien noch in der DIK vertreten.
Die Verbände haben kein Mandat, für den Islam in Deutschland zu sprechen, denn sie repräsentieren das vielfältige Leben der Muslime nicht. Auch ist nur ein kleiner Teil der Muslime in ihnen organisiert - und das auch noch in einer Form, in der die Basis nicht viel von den Entscheidungen der Verbandsspitzen mitbekommt.
Von wem fühlen Sie selbst, als gläubige Muslima, sich denn vertreten?
Das Problem der Vertretung ist etwas Neues für uns Muslime. Ich könnte momentan keine Vertretung für mich benennen.
Aber der Staat braucht organisierte Ansprechpartner, um Fragen wie islamischen Religionsunterricht oder die Besetzung von Lehrstühlen für islamische Theologie zu regeln.
Das sind eher Länder- und Kommunenangelegenheiten. Dafür braucht man keine abgehobenen Verbandsstrukturen. Und die bestehenden islamischen Verbände verfügen kaum über die geeignete theologische und pädagogische Kompetenz, um einen hier in Europa lebbaren Islam zu gestalten. Wir finden in den Verbänden noch einen männerdominierten Islam vor, der der innerislamischen Vielfalt nicht offen gegenübersteht.
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau soll ein Hauptthema der DIK werden. Was erwarten Sie da?
Die DIK sollte den Raum eröffnen, innerislamisch offen über die Rolle der Frau und verbreitete patriarchale Modelle zu diskutieren. Und sie sollte gesamtgesellschaftliche Aufklärung fordern, damit muslimische Frauen, vor allem die kopftuchtragenden, nicht per se als unterdrückt gesehen werden.
Sie tragen selbst ein Kopftuch.
Ja, weil es für mich ein Teil meiner Kleidung und meiner Person ist. Eine religiöse Pflicht zum Kopftuchtragen gibt es nach meiner Meinung nicht. Aber die islamische Theologie lässt vielfältige Interpretationen des Koran zu. Wenn eine gläubige Muslima das Kopftuch als religiöse Pflicht versteht, muss das akzeptiert werden. In einer Demokratie dürfte sie deshalb nicht benachteiligt werden.
Auch über islamischen Religionsunterricht wird auf der DIK viel gesprochen werden. Woran hapert es da besonders?
Uns fehlen noch didaktische Konzepte, die einer pluralen Gesellschaft angemessen sind. Die traditionelle, auch in vielen Koranschulen verbreitete Praxis ist noch, Kindern festgefügtes, vorgefertigtes Wissen beizubringen - wie muss ich beten, welche Regeln muss ich einhalten etc. Dabei müssten die Kinder in die Lage versetzt werden, ihre eigene, individuelle Beziehung zu Gott zu finden und kritische Fragen zu stellen. In meiner sechsjährigen Arbeit in der Fortbildung sehe ich aber auch Fortschritte, wenn die Lehrkräfte ihr theologisches Wissen vertiefen können.
Das klingt, als sei noch viel zu tun. Kann die DIK da überhaupt Fortschritte bringen?
Es wird nicht einfach, aber ich hoffe, Schritt für Schritt gelingt es uns.
Interview: Ursula Rüssmann
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