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19. September 2012

Israel „Breaking the Silence“: Ex-Soldaten wollen nicht mehr schweigen

 Von Igal Avidan
Israelische Soldaten bei ihrer Patrouille in Hebron.  Foto: dpa

Yehuda Shaul war Soldat, als er wie ein Zivilist zu denken begann. Er gründete in Israel die Organisation „Breaking the Silence“, um über die Realität und die Übergriffe in den besetzten Gebieten zu berichten. Ein Spaziergang durch Hebron, wo er einst stationiert war.

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Hebron –  

Zwei Männer plauschen miteinander vor einem Souvenirladen. Der eine trägt eine kleine dunkelblaue Kopfbedeckung, eine modische randlose Brille und eine schwarze Windjacke. Yehuda Shaul, bärtig und korpulent, strahlt Selbstbewusstsein aus. Der andere ist ein nachdenklicher, schmächtiger Mann mit kurzem Bart und kurzen Haaren. Im anthrazitgrauen Sakko zur dunkelblauen Hose steht Abed Abadin vor den bunten Keramiken, die er verkauft.

Dieses kurze Gespräch zwischen einem Israeli und einem Palästinenser ist in seiner Nebensächlichkeit ziemlich ungewöhnlich. Denn es findet in Hebron statt. In dieser einzigen geteilten Stadt im Westjordanland plauschen Israelis und Palästinenser nicht miteinander – entweder ignorieren sie sich, beschimpfen sich, oder aber die Israelis erteilen Befehle, die die Palästinenser befolgen. Die wirklichen Herren der Stadt sind jedoch die 850 radikalen jüdischen Siedler, die von 650 Frontsoldaten vor den 175.000 Palästinensern beschützt werden.

Über diese Realität und über den moralischen Preis der Besatzung erfährt die israelische Öffentlichkeit erst etwas, seit es die Bürgerrechtsbewegung „Breaking the Silence“ („Das Schweigen brechen“) gibt. Sie sammelt Videos, Fotos und Aussagen, um über den Alltag im Militärdienst, Übergriffe und Misshandlungen aufzuklären. Yehuda Shaul hat die Organisation 2004 mit anderen ehemaligen Soldaten gegründet.

Schwer bewaffnet in Hebron

Denn auch Shaul war einst einer dieser Soldaten, die schwer bewaffnet durch Hebron patrouillierten. Aber allmächtig waren diese jungen Männer keinesfalls, wie er feststellen musste: „Laut Befehl war es uns strikt verboten einzuschreiten, wenn ein Siedler einen Palästinenser überfiel. Wir durften lediglich die Kommandantur informieren, die wiederum die israelische Polizei anrief“, erzählt er. „Wenn aber ein Palästinenser einen Siedler attackierte, mussten wir sofort reagieren. Diese Sache ärgerte mich wahnsinnig.“

Als Shaul 2003 in Hebron stationiert wurde, wütete bereits die zweite Intifada, blutiger als anderswo im Westjordanland. Immerhin nur angespannte Ruhe herrscht nun, als der 29-jährige Veteran seine Gruppe durch die Altstadt führt. Shaul ist kein Touristenführer, er berichtet über Menschenrechtsverletzungen gegen Palästinenser, vor allem in Hebron, auch solche, die er und seine Kameraden begangen haben.

„Dann schoss ich wieder“


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Die Gruppe macht jetzt Halt vor einem kleinen muslimischen Friedhof. Dahinter, auf dem Hügel, erstreckt sich eine palästinensische Nachbarschaft. Auf dem Gipfel thront ein Militärstützpunkt mit einem Wachturm. Shaul erinnert sich an seine erste Basis in Hebron, den „Schulposten“, eine stillgelegte palästinensische Schule.

„Die Siedler in Hebron leben im Tal, die Palästinenser auch auf den umliegenden Hügeln. Von dort aus schossen sie jede Nacht auf die Siedler“, berichtet er. Nur habe das Militär keine Ahnung gehabt, woher genau die Schüsse kamen. Drei Kontrollpunkte oberhalb der Stadt seien übernommen worden, jeder der Soldaten erhielt als Ziel 10 bis 15 Häuser im palästinensischen Stadtteil auf der anderen Seite des Tals. Yehuda Shaul erzählt weiter: „Mein Kommandant zeigte mir die Häuser und sagte, wenn die Palästinenser schießen, dann schießen wir zurück. Ich antwortete: ‚Bist du wahnsinnig? Das tue ich auf keinen Fall! Hier sind wir mitten in einer bewohnten Stadt!‘ Und er entgegnete mir, ich würde ohnehin das Ziel kaum treffen, dies sei aber auch gar nicht wichtig.“

Ausstellung & Diskussion

Bis zum 29. September zeigt das Willy-Brandt.Haus in Berlin die Ausstellung „Breaking the Silence. Zeugnisse einer Besatzung – israelische Soldaten berichten“ (Stresemannstraße 28, geöffnet Di-So 12-20 Uhr, Eintritt frei, Personalausweis erforderlich).

Die Zeugenberichte von 146 Ex-Soldaten, die zwischen 2000 und 2010 in Gaza, dem Westjordanland und in Ost-Jerusalem stationiert waren, bilden die Grundlage für das soeben erschienene Buch „Breaking the Silence“ (Econ-Verlag, 416 S., 19,99 Euro).

Die Frankfurter Romanfabrik (Hanauer Landstraße 186) lädt am 24. 9. um 20 Uhr zu einer Diskussionsrunde mit Dana Golan von der Organisation „Breaking the Silence“ ein.

Die Unterredung fand mittags statt, um sechs Uhr abends wurde es dunkel, die Palästinenser schossen auf die Siedlung, Shaul erhielt den Schießbefehl. „Im ersten Moment war ich innerlich zerrissen. Ich ging zum Maschinengewehr und richtete es auf das Ziel, zog die Hebel nur kurz, weil dieses Maschinengewehr 88 Projektile pro Minute abgibt. Ich betete, dass es so wenige wie möglich sind und dass ich niemanden treffe. Dann schoss ich wieder“, sagt er. „Am zweiten Tag war ich weniger aufgeregt, und nach einer Woche wurde das Schießen der Höhepunkt meines Tages.“

Zeugenaussagen wie diese sind das, was „Breaking the Silence“ publik machen will – gegen den Widerstand der israelischen Streitkräfte.

Yehuda Shaul steht mit seiner Gruppe auf dem Gross-Platz gegenüber dem Markt, benannt nach einem ermordeten jungen Israeli. Ein Hund wärmt sich in der Sonne mitten auf der leeren Straße, die auf Shauls altem Foto recht belebt aussieht: „Als Rache für die Erschießung eines jüdischen Babys 2001 verwüsteten die Siedler den Markt. Dann kam die Armee und deklarierte ihn zum Sperrgebiet. Ein Jahr später wurde ein Siedler hier erstochen. Daraufhin eröffnete die Armee diese Straße wieder, aber nur noch für Siedler.“

Zu Beginn seines Militärdienstes sah Shaul hier, wie Siedler ihr Gebet unterbrachen, um zwei palästinensische Jungen zusammenzuschlagen. Die Soldaten, sagt er, hätten sich vor die Jungen gestellt und deshalb auch manchen Fausthieb abbekommen. Bis die herbeigerufene Polizei endlich erschien, seien die Siedler längst davongefahren – und die Polizisten hätten nur mit den Schultern gezuckt.

"Mein Gott ist nicht ihr Gott"

Als er Kommandant wurde, legte Shaul seine Kippa ab. Er blieb orthodox, wollte sich aber von den Siedlern äußerlich absetzen. „Das war mein Protest. Ich wollte sagen: Mein Gott ist nicht ihr Gott.“
Drei Monate vor dem Ende seines Militärdienstes begann Shaul, wie er sagt, zum ersten Mal wie ein Zivilist zu denken: „Plötzlich konnte ich fast alle meiner Aktionen in Uniform nicht mehr rechtfertigen.“ Ihm sei klargeworden, dass er dagegen unbedingt etwas unternehmen müsse: „Ich wandte mich in meiner Not an meine Kameraden, und sehr schnell erkannte ich, dass wir alle gleich dachten. Uns alle schockierte die Erkenntnis, dass die Israelis keine Ahnung von unseren Erfahrungen in Hebron haben.“ Also beschlossen sie, eine Organisation zu gründen und den Israelis, „in deren Namen wir in den besetzten Gebieten unseren Dienst leisteten, einen Spiegel vorzuhalten. Sie sollten den Preis der Besatzung sehen.

Kurz nach ihrer Entlassung eröffneten die frischgebackenen Veteranen im Jahr 2004 die Ausstellung „Wir bringen Hebron nach Tel Aviv“ – mit Fotos und Videoaussagen von 65 Soldaten aus ihrer Einheit. Im Laufe eines Monats kamen 7000 Besucher. Viele davon hatten die gleichen Erfahrungen beim Militärdienst in Nablus oder Ramallah gemacht. „Wir öffneten die Büchse der Pandora“, sagt Yehuda Shaul.

Einen Monat später wurden sie eingeladen, die Ausstellung im israelischen Parlament zu präsentieren. Die Armee war allerdings schneller. Sie schickte Ermittler, beschlagnahmte Gegenstände aus der Ausstellung und lud vier Organisatoren zum Verhör ein. Shaul wurde neun Stunden lang verhört. „Ich hatte das Recht zu schweigen, um mich nicht selbst zu belasten, aber stattdessen legte ich einen Teil meiner Verbrechen dar; nicht alle, denn dafür reichte die Zeit nicht.“ Welche er zu Protokoll gegeben hat? „Ich nahm zum Beispiel Palästinenser als menschliche Schutzschilde, zerstörte Autos mit dem Panzer.“

"Die Schuld liegt nicht bei Soldaten"

Yehuda Shaul - kämpft für die Rechte derer, die seine Regierung zu Feinden erklärt.
Yehuda Shaul - kämpft für die Rechte derer, die seine Regierung zu Feinden erklärt.
 Foto: imago

Yehuda Shaul wurde wegen dieser Vergehen nicht vor Gericht gestellt – weil, wie er vermutet, sonst auch der Brigadekommandant, der die entsprechenden Befehle gab, hätte angeklagt werden müssen. „Ich habe niemals einen Palästinenser geschlagen, niemals Privatbesitz geplündert. Ich habe gegen keinen Befehl verstoßen“, sagt Shaul. „Die Schuld liegt nicht bei den Soldaten in Hebron, sondern in der politischen Mission, die sie ausführen müssen. Jede Armee der Welt würde in Hebron bei der gleichen Aufgabe genauso handeln.“

Es geht „Breaking the Silence“ nicht darum, Soldaten wegen Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung zu ziehen. „Wenn man jeden Soldaten, der einen unschuldigen Palästinenser misshandelte, einsperren würde, dann säße meine ganze Generation hinter Gittern“, konstatiert Yehuda Shaul.

Bis heute haben Shaul und seine Freunde 3000 Zeugenaussagen über Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten gesammelt, auf Video und Audio. Um den guten Ruf der Organisation zu verteidigen, die nicht zu den beliebtesten in Israel zählt, überprüfen Shaul, seine elf Mitarbeiter und 40 Freiwillige die Aussagen penibel.

Die Zeugen kommen meistens auf Vermittlung anderer Zeugen, die schon ausgesagt haben, so weiß man gleich um ihre Identität – also, wo sie wann gedient haben und mit welchem Dienstgrad. Alle Interviews werden durch ehemalige Soldaten geführt, die selber bereits ausgesagt haben. „Die können sofort erkennen, ob der Befragte sie reinlegt“, sagt Shaul.

Aussagen, die sich nicht überprüfen lassen, werden ignoriert. Geht es beispielsweise um den Beschuss eines Unbewaffneten, dann muss der Interviewpartner das durch zwei Zeugen bestätigen lassen. Anderenfalls wird seine Aussage nicht veröffentlicht.

800 Israelis haben ausgesagt, alle leisteten ihren Wehrdienst nach Beginn der zweiten Intifada im September 2000, sind also im Alter zwischen 18 und 30. Ihre Aussagen erscheinen in Broschüren, auf der Website der Organisation und in den Medien. Zudem organisiert „Breaking the Silence“ Vorträge, vor allem für junge Israelis vor der Einberufung, sowie Führungen, zum Beispiel nach Hebron. Die Ausstellung mit Fotos, die sie in den besetzten Gebieten knipsten, tourt ein- bis zweimal im Jahr im Ausland, derzeit ist sie im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen.

Orthodox und humanistisch

Das Militär kritisiert, dass viele Aussagen anonym und daher nicht überprüfbar seien. Shaul erklärt, dass fast alle Zeugenaussagen Verbrechen auch nach dem israelischen Gesetz beschreiben. „Jeder Zeuge könnte daher direkt im Gefängnis landen. Ein Soldat, der im Dienst ist, darf mit uns überhaupt nicht sprechen und könnte allein dafür hinter Gitter kommen.“ Deswegen werden fast alle veröffentlichten Aussagen anonymisiert – und auch, um zu verhindern, dass die Einheit oder die Familie Druck auf den Zeugen ausübt. „Wir sehen uns als Journalisten, die das Recht haben, ihre Quellen anonym zu halten“, sagt Shaul. R

und 60 Ex-Soldaten haben sich bereits geoutet, von 22 von ihnen wurden die Video-Aussagen auf www.breakingthesilence.org.il gestellt.

Es geht weiter zur Al-Shuhada-Straße, der Haupt-Durchgangsstraße. Sie liegt im israelisch kontrollierten Teil von Hebron, in dem die Bewegungsfreiheit der Palästinenser stark eingeschränkt ist, die Al-Shuhada-Straße dürfen sie überhaupt nicht befahren. Während Yehuda Shaul davon erzählt, wird die Gruppe von zwei jüdischen Siedlerkindern beschimpft. Shaul ignoriert das.

Er hatte dreieinhalb Jahre die gewaltsamen Störungen der einheimischen Siedler ertragen müssen, bis er vor Gericht die Sicherheitskräfte in Hebron zwingen konnte, solche Führungen zu schützen.

Zum Schluss sitzen wir unweit des Souvenirladens auf der Hauptstraße, die durch eine niedrige Betonwand geteilt ist. Israelis dürfen auf zwei Spuren gehen oder fahren, Palästinenser auf ihrer Spur nur laufen. Wir blicken auf die Höhle der Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob und ihrer Frauen Sara, Rebekka und Lea. „Unsere jüdischen Wurzeln sind in Hebron, nicht in Tel Aviv“, sagt Shaul. „Ich möchte aber auf jeden Fall in einer Demokratie leben. Ich bin zwar orthodox in meinem Glauben, aber ich lebe mit humanistischen und demokratischen Werten. Und das, was wir hier in Hebron tun, ist sicherlich nicht jüdisch.“

Yehuda Shaul ist sich sicher, dass er ein Ende der Besatzung erleben wird. Bis dahin fängt sein Arbeitstag eben weiter um sieben Uhr morgens an und endet um Mitternacht. „Aber ich tue es gern“, sagt er. „Weil ich so mit dem Gefühl ins Bett gehe, ich folge meinem Glauben. Das ist ein großes Geschenk, das nur wenigen zuteil wird.“

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