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03. Oktober 2014

Israel: Bezahlte Hausbesetzer gesucht

 Von 
Ein höchst umstrittener Plan: Israel will im Ost-Jerusalemer Viertel Givat Hamatos neue Wohnungen für Siedler bauen.  Foto: dpa

Israelische Nationalrechte kaufen Wohnungen in Ost-Jerusalem auf. Gleich 23 Wohnungen auf einen Schlag. Selbst die USA kritisieren die Vorgänge stark.

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Es war stockfinstere Nacht, als eine Gruppe männlicher Siedler, bepackt mit Kisten und flankiert von israelischen Grenzpolizisten und vermummten Spezialeinheiten die beiden Wohnungen im ersten Stock in Beschlag nahmen. „Wir wachten auf, völlig schockiert“, berichtet die vierzigjährige Um Mohammed Hayat, die mit ihrem Mann und zwei Kindern im Parterre, lebt. „Ich glaube an Frieden. Aber das ist ein Familienhaus. Da können doch Fremde nicht einfach erzwingen, hier einzuziehen.“

Bei ihrer nächtlichen Aktion reklamierten die Siedler diese Woche auf einen Schlag gleich 23 Wohnungen in Silwan, einem Ost-Jerusalemer Brennpunkt in Altstadtnähe, als ihren Besitz. Brecheisen brauchten sie nicht. Sie hatten passende Schlüssel dabei, nur in einem Fall brachen sie die Tür auf und warfen die Bewohner auf die Straße.

„Wir haben verlangt, ihre Papiere zu sehen. Was gibt ihnen das Recht, hier zu sein? Aber sie weigern sich, mit uns zu reden“, sagt Um Mohammed Hayat. Sie steht an der Mauer, die das Grundstück einfasst, und blickt ängstlich zum Fenster hoch, von dem zwei jüdische Siedler die Szenerie beobachten. Die beiden dürften zu dem Personal gehören, das Elad, die in Silwan aktive rechte Siedlerorganisation, eigens angeheuert hat. In Anzeigen sucht Elad derzeit „bewaffnete Personen aus Kampfeinheiten“, die bereit seien, sich zwischen zehn und dreißig Tagen zu verpflichten. Sie müssten nichts weiter tun, als auf besagte Wohnungen aufzupassen, bis einzugswillige Siedlerfamilien gefunden seien, erklärte ein Elad-Vertreter dem „Haaretz“-Journalisten Nir Hasson, der sich an dem Job interessiert gezeigt hatte. Gebotener Tageslohn: 500 Schekel, mehr als 100 Euro.

Gefälschte Unterschriften

Eigentlich ist Silwan ein ärmlicher, verslumter Stadtteil. Aber seine Lage am Hang, auf dem einst der biblische König David gesiedelt haben soll, weckt die Begierden von Elad, was abgekürzt „hoch zur Davidstadt“ bedeutet. Seit über zwanzig Jahren verfolgt Elad das Ziel, das arabische Viertel in ein jüdisches zu verwandeln – nicht mit unbedingt koscheren Methoden. Manche Unterschrift auf Kaufverträgen stellte sich später als erpresst oder gefälscht heraus. Inzwischen setzt Elad auf die Überzeugungskraft des Geldes. Kandel Finance, eine ausländische Investmentfirma, wickelte das jüngste Geschäft ab. Mindestens eine Million US-Dollar soll pro Wohnung gezahlt worden sein. Zudem erhält Elad Rückendeckung seitens der Regierung. Naftali Bennett, ultrarechtes Kabinettsmitglied, spazierte dieser Tage samt Gefolge durch Silwan und pries den Neuerwerb als „historisch“.

Washington allerdings kritisierte die Siedlerexpansion, zu der auch ein Bauvorhaben von 2600 Appartements in der Ost-Jerusalemer Siedlung Givat Hamatos zählt, ungewohnt harsch. Diese Entwicklung trage dazu bei, dass selbst enge Verbündete zu Israel auf Abstand gingen und vergifte die Atmosphäre nicht nur zu den Palästinensern sondern auch zu den arabischen Regierungen, mit denen doch Premier Netanjahu Beziehungen anstrebe, wurde US-Außenamtssprecherin Jen Psaki deutlich.

Für die Palästinenser in Silwan ändert das wenig. Durch schleichende Übernahme haben sich über die Jahre hinweg bereits rund 400 israelische Siedler in ihrer Mitte niedergelassen, um sich herum Hochsicherheitszäune gezogen sowie Kameras und Wachposten auf den Dächern postiert. Mit den 23 Wohnungen, über die Elad jetzt zusätzlich verfügt, werden es 200 Siedler mehr sein, insgesamt rund 18 Prozent der einheimischen Bevölkerung. Von der Autonomieregierung in Ramallah bezahlte Anwälte wollen zwar die Kaufverträge anfechten. Aber das ist schon in früheren Fällen fast nie gelungen.

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