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16. Januar 2013

Israel: Das Lächeln des Nationalismus

 Von Inge Günther
Er ist klug, modern und hat Charisma. Und gerade das macht Naftali Bennett, den Propagandisten, so gefährlich.  Foto: REUTERS

Naftali Bennett ist Multimillionär und der neue starke Mann der religiösen Rechten in Israel. Er kommt Benjamin Netanjahu im Wahlkampf gefährlich nah.

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BEER SCHEBA –  

Die Lautsprecher sind bis zum Anschlag aufgedreht. Zur stampfenden Musik vom Band heizt ein Live-Sänger im Gewand frommer Juden – schwarzer Anzug und schwarze Kippa – den Zuhörern ein. Das Mikrofon verschwindet fast in seinem Vollbart, während er die vorderen Stuhlreihen zum rhythmischen Mitklatschen animiert. Tatsächlich bringt er ein paar Männer dazu, Schulter an Schulter Hora zu tanzen. So wie es bei jüdischen Hochzeiten oder Bar-Mitzwa-Feiern üblich ist, für die sonst meist das Gemeindezentrum in Beer Scheba, Israels größter Wüstenstadt, angemietet wird. An diesem Abend wird in der mit Gipssäulen dekorierten Festhalle Wahlkampf gemacht. Die Nationalreligiösen haben was zum Feiern.

Naftali Bennett, Shootingstar der israelischen Ultranationalisten, wird erwartet. Die meisten Leute sind seinetwegen da, viele ganz junge sind da. „Bennett sagt, was andere Politiker nicht zu sagen wagen, aber was alle denken“, schwärmt Dvir Ravid. Er ist ein Rabbinatsschüler, der mit den letzten Pubertätspickeln kämpft. Erst in wenigen Monaten wird Ravid 18 Jahre alt. Bei der Wahl der Knesset am nächsten Dienstag darf er selber noch nicht seine Stimme abgeben. Aber Naftali Bennett hat es ihm angetan.

Warum nun genau? Dvir Ravid sucht nach Worten. Die zwanzigjährige Miriam Zvi, die in Beer Scheba ihren Nationaldienst ableistet, springt ein. „Naftali Bennett glaubt an jüdische Werte und versteht uns. Wir haben hier die Raketen aus Gaza abbekommen und genug gelitten. Wir wollen den Palästinensern nicht noch mehr Land überlassen. Es gehört uns, nicht denen.“

Am Einlass wächst die Aufregung. Immer mehr Menschen strömen herein. Und plötzlich ist Bennett da, ein eher kleiner Mann von stämmiger Natur, mit einem Strahlelächeln und einem nahezu kahlen Schädel, auf dem eine bestickte Mini-Kippa sitzt.

Mit Elan erklimmt der Vierzigjährige das Podium, lässt sich nieder zwischen bärtigen Männern, die er zuvor kameradschaftlich an die Brust drückt. Äußerlich sticht er von ihnen ab, mit seiner flotten Windjacke und dem legeren anthrazitfarbenen Hemd. Aber gerade sein modernes Image macht seinen Erfolg aus. Seitdem Bennett im November mit über siebzig Prozent Zustimmung zum neuen Frontmann von Habajit Hajehudi (Das jüdische Heim) gekürt wurde, verzeichnet die bis dahin recht erfolglose Partei der Nationalreligiösen ungeahnte Zuwächse. In den Umfragen hat sie die Zahl ihrer Mandate bereits verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht. Bennett hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, „einflussreichster Partner in Netanjahus nächster Regierung zu werden“.

Militärische Verdienste

Der Mann ist selbstbewusst. Was immer er anpackt, funktioniert. Mit High Tech – einem Softwareprogramm für Bankensicherheit – hat er über 150 Millionen Dollar verdient. Als ehemaliger Kommandeur der Eliteeinheit Sajeret Matkal weist Naftali Bennett zudem das vor, was Israelis ihren Politikern als klare Pluspunkte anrechnen: militärische Verdienste. Er ist das frische Gesicht unter den Altbekannten, an denen sie sich satt gesehen haben. Schon deshalb gilt er als Benjamin Netanjahus Angstgegner. Bei den Wahlen am kommenden Dienstag dürfte er, der Außenseiter im Politbetrieb, auch die Stimmen der Protestwähler bekommen.

In Beer Scheba zeigt sich Naftali Bennet als Ultrarechter. „Das Land Israel gehört allein den Juden“, verkündet er und schwadroniert über die Befreiung von Samaria und Judäa und die Wiedergeburt jüdischer Ideale. Felix Kletzman, ein 63-jähriger Elektroingenieur, gefällt der Auftritt. Bennett sei wirklich charismatisch. Dabei hat der eigentlich recht nichtssagende Sätze von sich gegeben wie: „Wir sind keine Sozialisten, wir sind keine Kapitalisten, wir sind alle Juden.“

Programmatisch deutlicher wird der Hoffnungsträger der israelischen Nationalisten bei einer Wahlveranstaltung in der Hebräischen Universität, die Kandidaten diverser Parteien zur Streitdebatte eingeladen hat. Die ausgestreckten Arme aufs Rednerpult gespreizt, spult Bennett in drei Minuten sein Programm ab, als ob er ein neues IT-Produkt präsentiere. Die erste Hälfte handelt vom „jüdischen Frühling“(eine Analogie zum arabischen), der Israel erfasst habe. Vom „allgemeinen Sehnen, zu jüdischen Werten zurückzukehren“. Das, so Bennett, „ist das Geheimnis, um das es geht“, um dann ohne weitere Umschweife zum zweiten Teil überzugehen: seiner Kampfansage an einen palästinensischen Staat. Man werde nicht zulassen, dass es dazu komme: „Ein palästinensischer Staat würde nur Unfrieden stiften und das Leben miserabel machen, für uns und die Palästinenser.“

"Keine perfekte Lösung möglich"

Das Dauerlächeln, das sonst in seinen Mundwinkeln nistet, ist verschwunden. Naftali Bennett zeigt einen grimmig entschlossenen Blick. „Jedes Mal, wenn wir den Arabern Land überlassen haben, bekamen wir Elend und Terror zurück.“ Nein, wirklich, sagt er, wieder eine Spur milder, nach seiner Überzeugung gebe es in diesem Konflikt „keine perfekte Lösung, nur unperfekte Wege des Zusammenlebens“.

Zu denen zählt er die Idee, die C-Gebiete – sechzig Prozent des Westjordanlandes, in denen die jüdischen Siedlungen stehen, aber auch versprenkelte palästinensische Dörfer – zu annektieren. Die dort lebenden Palästinenser könnten die israelische Staatsbürgerschaft beantragen, den anderen wolle man zum Ausgleich ihr Dasein in den Autonomiezonen erleichtern. Auf jeden Fall müsse es weniger als ein palästinensischer Staat sein, was ihnen zuzugestehen wäre. „Israel“, betont Benett, „muss den Sicherheitsschirm über hundert Prozent des Areals behalten.“

Die Studenten im Auditorium sind nicht alle Bennett-Fans. Aber jeder, den man fragt, ist beeindruckt. „Naftali bringt die Sache auf den Punkt“, sagen sie. Dabei hat Bennett nur alte nationalistische Positionen soft verpackt. Er ist das zivilisierte Gesicht einer rechtsextremen Parteiliste. Unter den Kandidaten von Habajit Hajehudi gibt es einschlägig bekannte, rassistische Hetzer und schwulenfeindliche Agitatoren wie etwa Ben Dahan, der gleichgeschlechtliche Ehen als „Rezept zum Untergang des jüdischen Volkes“ verteufelt. Zwei sichere Listenplätze nehmen rechtsextreme Siedleraktivisten aus Hebron ein. Eine der beiden ist Orit Struck, deren Sohn wegen tätlicher Gewalt gegen palästinensische Kinder zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Auch Naftali Bennett teilt mitunter hart aus, allerdings rein verbal. Dem arabisch-israelischen Knesset-Abgeordneten Achmed Tibi warf er in einem hitzigen TV-Streitgespräch an den Kopf: „Als ihr noch auf den Bäumen rumgeklettert seid, hatten wir hier schon einen jüdischen Staat“ – sollte wohl heißen vor über 3000 Jahren. Wenn er nicht gerade Terrorängste schürt, gegen die „exzessive Macht“ der Gerichte wettert oder gegen linke Journalisten vom Leder zieht, macht Bennett auf Harmonie. „Wir sind alle Brüder“ propagiert sein Wahlkampf-Spot – ob schläfengelockte Ultraorthodoxe oder eingefleischte Säkulare, ob Westbank-Siedler oder Bohemians aus Tel Aviv. Bennett sucht den Konsens, schon deshalb, um für national denkende Israelis im Kernland, die eigentlich die Siedler nicht ausstehen können, attraktiv zu bleiben.

Das Phänomen Bennett

Gerade seine Wirkung über Parteigrenzen hinweg macht liberalen Israelis Angst. Das Phänomen Bennett sei ohne die fundamentalistischen Tendenzen in der israelischen Gesellschaft nicht zu begreifen, sagt Mosche Zimmermann, der das Koebner-Institut für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität leitet. „Gott spielt heute im Alltag und in der Politik mit“, sagt der kritische Historiker. Nicht etwa, weil mehr und mehr Israelis nach den strengen Geboten und Verboten lebten. Sondern weil es immer populärer werde, sich auf biblisches Land zu berufen, das man niemals hergeben dürfe. „Dort hat Bennett seine Kundschaft gefunden“, konstatiert Zimmerman.
Naftali Bennett gehört auch nur im ideologischen Sinne zur Siedlerschaft. Er ist in Haifa aufgewachsen. Seine Eltern stammen aus San Francisco, besuchten 1967 Israel und blieben aus zionistischer Begeisterung. Zwar hat Bennett als Generalsekretär des Yesha-Rates, ihrer Dachorganisation, die Kampagne gegen den von internationaler Seite geforderten Siedlungsstopp geführt. Aber er selbst lebt mit Frau und vier Kindern – das jüngste ist ein Jahr, das älteste sieben – in Raanana, einer gut betuchten Stadt nordöstlich von Tel Aviv.

Anders als der polternde Rechtspopulist Avigdor Lieberman, bis vor Kurzem Israels Außenminister, verlangt Bennett auch nicht von Israels arabischer Minderheit Loyalitätsschwüre, um sie alsdann auszugrenzen. Bennett agiert geschickter und redet gerne von Integration, für die „mehr im vernachlässigten arabischen Sektor“ getan werden müsse. Hauptsache, allen sei klar, dass Israel ein Staat sei, in dem Juden an erster Stelle stehen.

Das moderne Image, das der smarte Geschäftsmann mit dem jugendlichen Lächeln den Nationalreligiösen verpasst hat, zieht vor allem junge Israelis an. Ein Drittel seiner Anhänger sind unter 29 Jahren, mehr als achtzig Prozent definieren sich als klar rechts. Der Meinungsforscher Rafi Smith erklärt das Phänomen Bennett so: „Er kommt unverbraucht und sehr patriotisch daher und strahlt Hoffnung aus. Wie bei Lieberman wissen die Leute bei ihm, woran sie sind. Nicht alle sind wie Bennett für eine Annexion der Gebiete, aber sie teilen seine jüdischen Werte.“

Nur Spott für seinen früheren Chef

Und da ist noch was, von dem Bennett profitiert: Viele Israelis sind nicht gerade enthusiastisch bei der Vorstellung einer dritten Amtszeit für Netanjahu. Die Mehrheit hält „Bibi“, wie er oft beim Spitznamen genannt wird, unter den vorhandenen Bewerbern zwar noch für den geeignetsten Premier. Netanjahus Wiederwahl ist insofern garantiert. Doch viel vollbracht hat er als Regierungschef nicht, nur viel laviert, im Sinne des Machterhalts.

Bestes Beispiel ist sein geächztes Bekenntnis zu einer Zwei-Staaten-Lösung, das Netanjahu alsbald mit neuem Siedlungsbau auf besetztem Gebiet hintertrieb. Naftali Bennett hat in diesem Punkt nur Spott für seinen früheren Chef übrig, dem er zu Oppositionszeiten von 2006 bis 2008 als Rechte Hand diente. „Man kann doch nicht Ja zu einem Palästinenser-Staat sagen und dann überrascht sein, wenn die Welt den tatsächlich verwirklichen will“ – eine Anspielung auf das UN-Votum zur Aufnahme Palästinas als Beobachterstaat.

Netanjahu jedenfalls dürfte es heute bereuen, seinem früheren Vertrauten Bennett seinerzeit Aufstiegschancen im Likud verbaut zu haben. Als Fraktionsmitglied hat er den ambitionierten Nationalreligiösen verhindert. Aber künftig wird er sich womöglich mit Bennett als vor Kraft strotzendem Koalitionspartner herumschlagen müssen. Wer hier wen vor sich hertreibt, zeigt schon, dass Netanjahu derzeit nicht um die Stimmen der Mitte, sondern um die der Rechten buhlt. Um nicht weitere Likud-Wähler an Bennetts „Jüdisches Heim“ zu verlieren, hat der Premier jüngst gar Rechelim, einen isolierten Siedlungsposten im Norden der Westbank, den das Kabinett vor wenigen Monaten legalisierte, beehrt. Bislang hatte Netanjahu sich nur in den großen Siedlungsblöcken blicken lassen, die im Falle eines Abkommens mit den Palästinensern vermutlich per Landtausch Israel einverleibt würden.

Demoskopen vermuten daher, dass die Abwanderungstendenzen hin zu Bennett mit dem Näherrücken des Wahltermins am 22. Januar abflauen. Die Verteidigung der Siedlungsunternehmen brauche einen starken Premier, tönt der Likud-Abgeordnete und Siedlerlobbyist Danny Danon. So oder so, Bennetts Kalkül scheint aufzugehen. Israel driftet in eine gefährliche Richtung.

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