Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

12. September 2012

Israel: Das Schweigen brechen

 Von Inge Günther
Palästinenserinnen am Kontrollpunkt Hawara. Schikanen, Machtmissbrauch und selbstherrliche Übergriffe israelischer Soldaten sind an den Checkpoints alltäglich. Foto: rtr

Sie taugt zur Modellsoldatin – aber Tal Wasser entscheidet sich wie 850 andere Israelis dafür, offen über den Besatzungsalltag zu reden, die gängige Schikane und Unterdrückung des Militärs anzuprangern.

Drucken per Mail

Sie taugt zur Modellsoldatin – aber Tal Wasser entscheidet sich wie 850 andere Israelis dafür, offen über den Besatzungsalltag zu reden, die gängige Schikane und Unterdrückung des Militärs anzuprangern.

Sich Tal Wasser in schwerer Militärkluft vorzustellen, noch dazu an einem besonders verrufenen Checkpoint im Westjordanland, fällt nicht leicht. Als israelische Modellsoldatin könnte dieses sanfte hübsche Mädchen mit dem umwerfenden Lächeln auf dem Cover einer Werbebroschüre der Armee glatt durchgehen. Aber in Hawara? Dem Kontrollpunkt, der viele Jahre der einzige Ein- und Ausgang der Stadt Nablus war, unter Palästinensern berüchtigt wegen der ewig langen Wartezeiten und der willkürlichen Abfertigung?

Selbst Israelis, die noch nie einen Fuß ins Westjordanland gesetzt haben, haben schon vom Kontrollpunkt Hawara gehört. Während der palästinensischen Intifada hatte sich einmal ein Junge vor diesem Checkpoint in die Luft zu sprengen versucht. An diesem unwirtlichen Ort, bestückt mit Wachturm, Betonblöcken, Gittern und Drehkreuzen, hat Tal Wasser den größten Teil ihrer Dienstzeit bei den IDF, den israelischen Verteidigungsstreitkräften, verbracht.

Tal Wasser.
Tal Wasser.
Foto: BLZ/Inge Günther

In der Armee ist alles Routine

Das ist drei Jahre her. 2009 wurde sie, ganz regulär, aus der Armee entlassen. „Danach wollte ich nur noch weg“, erzählt die heute 25-Jährige beim Treffen in einem Jerusalemer Straßencafé. Sie kaufte sich ein Ticket nach Mexiko und Kalifornien und machte sprichwörtlich den Abflug. Die Entfernung schien ihr ausreichend, um alle ihre schlechten Erfahrungen während des Militärdienstes in den besetzten Gebieten abzuschütteln: Die hämischen Bemerkungen von Einsatzkommandanten, die diensttuenden Frauen sollten nicht so zimperlich sein. Die Panik in den Augen der Insassen palästinensischer Autos, wenn sie mit dem Schnüffelhund im Geschirr zur Fahrzeuguntersuchung kam. „Erst als ich richtig weit weg war“, sagt Tal Wasser, „begann ich nachzudenken“. In der Armee war dafür nie Zeit gewesen. „Um vier Uhr wird man geweckt. Da stellt man keine Fragen. Alles ist Routine. Jeder macht mit.“ Auch sie machte mit, trotz nagender Zweifel.

Unterwegs auf Reisen las Tal Wasser irgendwo im Internet, die Regierung unter Benjamin Netanjahu habe Hawara geschlossen. Es bestehe kein Bedarf mehr, Israels Sicherheit sei auch mit ein paar Dutzend Checkpoints weniger im Westjordanland gewährleistet Die zermürbende Zeit in Hawara schien ihr sinnloser als je zuvor.

Sie fühlte das dringende Bedürfnis, darüber zu sprechen. Noch in Los Angeles knüpfte sie einen ersten Kontakt zu „Breaking the Silence“, hebräisch „shovrim shtika“ – jener Gruppe israelischer Reservisten und ehemaliger Soldaten, die nach der Entlassung das Schweigegebot brechen, um ihre ernüchternden Erfahrungen im Besatzungsalltag öffentlich zu machen. Zwei Tage später, nach ihrer Landung in Tel Aviv, tat es Tal Wasser ihnen nach. Sie ging zu „Breaking the Silence“.

Heute ist sie eine Aktivistin. Sie wird auch dabei sein, wenn an diesem Donnerstag im Berliner Willy-Brandt-Haus eine Ausstellung eröffnet wird, die diese kritische Reservisten-Organisation erstmals in Deutschland vorstellt. 850 israelische Soldaten und Soldatinnen haben seit 2004 bei „Breaking the Silence“ zu Protokoll gegeben, was sie selbst auf Militärpatrouillen, bei Razzien, Ausgangssperren, was sie im täglichen Umgang mit Palästinensern oder auch mit radikalen Siedlern erlebt haben. Das Meiste handelt von überflüssigen Schikanen und von selbstherrlichen Übergriffen beim Einsatz in den besetzten Palästinensergebieten. Es handelt von Machtmissbrauch und der schleichenden Verrohung junger Israelis, wenn sie an Checkpoints Dienst tun.

Tal Wasser hat keine Kriegsverbrechen oder Aufsehen erregende Skandale zu berichten. Ihr hat gereicht, wie Kameraden zum Beispiel einem palästinensischen Händler böse mitspielten. Den jungen Soldaten war langweilig. Also legten sie beim Durchsuchen des Fahrzeugs ein Munitionsmagazin ins Handschuhfach, um dann nach der vorgeblichen Entdeckung den Besitzer anzuschreien: „Du wolltest uns töten!“ Nachdem sie ihren Spaß hatten, ließen sie den kreidebleichen, völlig verängstigten Mann laufen. „Als einziges Mädchen“, sagt Tal Wasser, „bist du in so einer Situation aufgeschmissen“.

Ausstellung in Berlin

Das Willy-Brandt-Haus in der Stresemannstraße in Berlin-Kreuzberg zeigt vom 14. bis 29. September die Ausstellung „Breaking the Silence. Zeugnisse einer Besatzung – israelische Soldaten berichten.“ Dazu finden Veranstaltungen und Führungen mit Mitgliedern von „Breaking the Silence“ statt.

In deutscher Sprache erscheint in dieser Woche erstmals das Buch „Breaking the Silence“ (Econ-Verlag). Es basiert auf Zeugenberichten von 146 Soldaten, die zwischen den Jahren 2000 und 2010 in Gaza, dem Westjordanland und in Ost-Jerusalem stationiert waren.

Dabei war sie großem Idealismus in die Armee eingetreten. Aufgewachsen mit acht Jungs in einem Kibbuz im Süden Israels, wollte sie zeigen, was sie kann. Wie ihre Freunde meldete sich Tal Wasser mit 18 Jahren freiwillig zum dreijährigen Dienst in einer Kampfeinheit. Die übliche Wehrzeit für Frauen beträgt nur zwei Jahre. „Ich wollte etwas Besonderes leisten, mein Bestes für mein Land geben“, sagt sie.

Vielen gelten sie als Verräter

Es war eine Illusion, die zerplatzte, als Tal Wasser nach der Grundausbildung als Hundeführerin nach Hawara kam. Sie mag Hunde, und als der von ihr abgerichtete Schäferhund wegen Rückenproblemen ausgemustert wurde, holte sie ihn zu sich nach Hause. „Aber ich verstand ziemlich schnell“, sagt sie, „dass man kein guter Soldat und ein guter Mensch zugleich sein kann“.

Zu ihren Aufgaben gehörte es, den Wageninsassen am Kontrollpunkt zu befehlen auszusteigen, damit der Hund die Sitze nach Sprengstoffspuren abschnüffeln konnte. „Die Palästinenser reagierten entsetzt, sobald sie das Tier nur sahen. Gläubige Moslems dürfen Hunde nicht mal anfassen“, sagt sie.

An einen schlimmen Vorfall erinnert sich Tal Wasser noch genau. Ein palästinensischer Fahrer wollte den Spürhund, der doch unrein sei, nicht in sein Auto lassen. „Der erboste Offizier zertrümmerte daraufhin die Frontscheibe mit dem Gewehrkolben. Der Fahrer stand mit auf dem Rücken gefesselten Händen da und schrie die ganze Zeit, nichts getan zu haben.“ Völlig aufgelöst war auch Tals Freundin, ebenfalls Hundeführerin, die anschließend den Wagen durchsuchen sollte. „Sie wagte nicht, den Befehl zu verweigern, aber sie fühlte sich schrecklich, als sie ihn befolgte. Es war so beschämend, dass wir nicht mal miteinander darüber sprechen konnten.“

„Breaking the Silence“ – das ist manchmal auch ein Schritt zur Selbstheilung. Leicht ist er nicht. Tals Familie steht hinter ihr. Aber in vielen israelischen Kreisen gelten die Soldaten, die auspacken, was sie im Dienst erlebt haben, als Nestbeschmutzer – wenn nicht gar als Verräter. Vor ein paar Monaten hat Tal Wassers frühere Kommandantin bei ihr angerufen. Tal möge sich doch klar machen, dass sie mit ihren Aussagen nur die Vorurteile mancher Männer gegen Frauen in der Armee bediene. Tal Wasser streicht sich die brünetten Haare aus dem Gesicht. „Ich habe ihr geantwortet“, sagt sie mit festem Blick, „dass ich wirklich überzeugt bin, jetzt das Richtige zu tun.“

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Umfrage

Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Dabei setzen wir auf Sie, liebe Leserinnen und Leser - und Ihre Beteiligung an einer wissenschaftliche Studie der Universität Köln.

FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

STUDIE! Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Nehmen Sie teil an unserer Umfrage!

Videonachrichten Politik
Meinung