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20. Januar 2014

Israel: Endstation Wüste

 Von 
Das „offene“ Lager Holot im Negev.  Foto: Inge Günther

In einem Internierungslager tief im israelischen Negev warten afrikanische Flüchtlinge auf ihre Abschiebung. Ein Streik gegen das harte Anti-Infiltrationsgesetz hat Betroffenen Sympathien verschafft

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In einem Internierungslager tief im israelischen Negev warten afrikanische Flüchtlinge auf ihre Abschiebung. Ein Streik gegen das harte Anti-Infiltrationsgesetz hat Betroffenen Sympathien verschafft

Holot/Negev –  

Sand und Geröll soweit das Auge reicht. Man braucht Spürsinn, um das Internierungslager für afrikanische Flüchtlinge tief im israelischen Negev überhaupt zu finden. Mitten in der Wüste erstrecken sich lange Reihen flacher Baracken. Einige sind gelb und rot abgesetzt, was an dem uniformen Bild wenig ändert. Der triste Eindruck überwiegt, auch wenn die neuen Wellblechdächer silbern blitzen. Der zweifach eingezäunte und mit Stacheldrahtrollen gesicherte Komplex namens Holot ist erst seit Dezember in Betrieb.

Aber in wenigen Wochen ist Holot schon in Verruf geraten. Zumindest unter den 53 000 Afrikanern, die in Tel Aviv und anderen israelischen Städten untergekommen sind. Denn Holot ist konzipiert als Endstation vor der Abschiebung. Wer hier landet, kommt kaum mehr weg, es sei denn zurück, irgendwohin nach Afrika, womöglich gar in die Militärdiktatur Eritrea oder in den bürgerkriegsgeplagten Sudan.

Eine Gruppe israelischer Ärzte für Menschenrechte hat sich an diesem Morgen auf den langen Weg von Jerusalem und Tel Aviv gemacht, um mit eigenen Augen zu sehen, was in Holot los ist. In Windeseile werden Matten draußen auf dem Pflaster ausgerollt, Medikamentenboxen aufgestellt und Tüten mit Äpfeln und Orangen ausgepackt. Die Helfer sind gewohnt, in improvisierten Behandlungsräumen Patienten medizinisch zu versorgen. Alle haben schon in der „Offenen Klinik“ in Jaffa gearbeitet, wo Flüchtlinge und andere Menschen ohne Versicherung sich ärztlich untersuchen lassen können.

Bibbernd Schlange stehen

Aber das hier findet unter freiem Himmel an einem zugigen, regnerischen Wintertag statt. Bibbernd stehen alsbald die Insassen Schlange. Viele der meist jungen Männer tragen dünne Kapuzenjacken und haben nicht mehr als Flip-Flops an den nackten Füßen. Alle klagen über die Kälte in den Baracken, über zu wenig warme Decken, über schlimmen Husten. Die Ärzte schauen sich jeden Einzelnen an, klopfen keuchende Bronchien ab, verabreichen Medizin. Doch schon entsteht Aufregung am Gittertor. Die Wächter haben ein paar Flüchtlingen bei der Eingangskontrolle die ausgeteilten Grippemittel wieder abgenommen. Man wolle nicht verantwortlich gemacht werden, sollten die Afrikaner das Zeug nicht vertragen, heißt es zur Begründung. Erst auf hartnäckigen Einspruch der Menschenrechts-Doktoren hin werden die konfiszierten und großteils nicht mal verschreibungspflichtigen Medikamente wieder freigegeben. Zumal der Lagerarzt, wie zu hören ist, sich eher selten blicken lasse.

Im Unterschied zu anderen Auffanglagern ist Holot ein „offenes Gefängnis“, ein Widerspruch an sich. Doch der Begriff trifft die Sache. Die Versorgung ist minimal, aber die Vorschriften sind rigide. Drei mal täglich ist Anwesenheitskontrolle. Ab 22 Uhr bis zum nächsten Morgen ist Einschluss auf dem Gelände. Verstöße werden geahndet, im wiederholten Male mit Haft in Saharonim, dem geschlossenen Gefängnis, in das Israel schon seit längerer Zeit Flüchtlinge, im offiziellen Sprachgebrauch „illegale Eindringlinge“ genannt, einsperrt.

Amon aus Eritrea kennt beide Anstalten. Und er behauptet, dass „Holot kein bisschen besser ist als Saharonim“, wo er zwei Jahre lang einsaß. Vor 25 Tagen hat man ihn in die „offene Anstalt“ in Holot gebracht. Jetzt darf er tagsüber raus, aber ringsum ist Wüste. „Das Schlimmste ist“, sagt Amon, „dass ich nichts planen kann“. Dieses Gefühl, keine Zukunft zu haben. „Wohin sollen wir gehen, wie lange müssen wir hier bleiben?“, fragt er bitter. Die israelische Regierung hat darauf nur eine Antwort: Nimm die Rückkehrhilfe von 3500 US-Dollar und begib dich außer Landes. Aber das ist für Amon unmöglich. In seinem Heimatland Eritrea erwarten ihn, der es nach sieben Jahren Armeedienst nicht mehr aushielt und desertiert ist, Verfolgung und Folter.


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Außerdem sind da noch seine Frau und die achtjährige Tochter, mit denen er 2008 über den ägyptischen Sinai nach Israel geflohen ist. Die beiden leben nach wie vor in den heruntergekommenen Quartieren im Süden von Tel Aviv. Dort hat sich auch Amon bis zu seiner Festnahme mit dem Job in einer Essenausgabestelle vier Jahre lang durch geschlagen. Bis ihn die Polizei bei einem lautstarken Streit einkassierte. Israel ist seit Jahren darauf aus, die Flüchtlinge aus Afrika loszuwerden. Als einziger Staat mit westlichem Lebensstandard, der über den Landweg vom afrikanischen Kontinent aus zu erreichen ist, fürchtet es, sonst am Ende von Armutsmigranten in Millionenstärke überrollt zu werden.

Tatsächlich schaffen es nur noch ganz Wenige, den Sperrzaun zu überwinden, den Israel inzwischen an der ägyptischen Grenze hochgezogen hat. Zudem haben von den 64 000 Afrikanern, die seit 2006 über die grüne Grenze ins Land kamen, mehr als 10 000 Israel wieder verlassen, wie aus den Zahlen des Außenamtes in Jerusalem hervorgeht. Soweit sie aus Eritrea und Sudan stammen, genießen sie eine Duldung, die monateweise verlängert wird. Als Unterzeichnerstaat der UN-Flüchtlingskonvention respektiert auch Israel die Schutzklausel, dorthin niemand zwangsweise abzuschieben. Allerdings hat das Innenministerium anders als viele europäische Staaten keinen Eriträer oder Sudanesen als Asylbewerber anerkannt. Nur eine kleine Minderheit hat überhaupt Anträge gestellt.

Das eigentliche Problem ist das verschärfte Anti-Infiltrationsgesetz, das eine Inhaftierung von Eindringlingen schon bei geringfügigen Vergehen erlaubt: In der Haftanstalt Saharonim bis zu zwei Jahre und im „offenen Gefängnis“ von Holot sogar unbegrenzt. Abertausende Flüchtlinge sind jüngst dagegen auf die Straße gegangen, zuletzt auch Frauen und Kinder. Viele, die in den Restaurants und Hotels als Küchen- und Putzhilfen schlecht bezahlte Arbeiten verrichten, streikten tagelang. Premier Benjamin Netanjahu zeigte sich zwar unbeeindruckt. „All die Proteste werden nichts nützen.“ Er stehe weiter dazu, alle „Eindringlinge“ auszuweisen, bekannte Netanjahu vor seinen Parteifreunden vom Likud.

Disziplinierter Protest

Doch die disziplinierte Weise, in der Flüchtlinge ihre Massendemonstrationen auf dem Kikar-Platz in Tel Aviv und vor der Knesset in Jerusalem organisierten, hat ihnen ungekannte Sympathien eingebracht. Kaum dass die Kundgebungen beendet waren, rückten schwarzafrikanische Ordner mit Kehrbesen und Müllbeuteln zum Saubermachen an.

In israelischen Zeitungskommentaren wird jetzt jedenfalls daran erinnert, dass die eigenen Eltern auf der Flucht vor Nazis sich oftmals als „Illegale“ durchschlagen mussten. Gerade als Staat der Juden sollte man mehr Verständnis haben und die Asylgründe individuell prüfen, statt die Flüchtlinge pauschal als demografische Gefahr hinzustellen, heißt es.

Von diesen ersten Erfolgen, einen gewissen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung bewirkt zu haben, berichten die Ärzte für Menschenrechte auch den arrestierten Flüchtlingen in Holot. Die blicken skeptisch. Einige ihrer Freunde sind bereits hinter feste Gitter gewandert, weil sie sich im Dezember an einem Protestmarsch in Jerusalem beteiligt hatten – zur Strafe dafür, sich mehr als 48 Stunden außerhalb des Lagers begeben zu haben. Yousef, ein 26-jähriger Sudanese, hat Angst, das ihn das gleiche Schicksal ereilt. Am Vortag sei er nachmittags im Bus nach Beer Scheva gefahren, erzählt er, und zu spät zum Abendappell erschienen. Der Aufseher habe gedroht, jetzt müsse er zurück in die Haftanstalt Saharonim. „Das hier ist kein Leben“, sagt Yousef resigniert. Nur sehe er keine Alternative. „Mein Heimatdorf Wadi Saleh wurde vor Jahren dem Erdboden gleichgemacht. Dort existiert keine Menschenseele mehr.“

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