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29. Januar 2015

Israel: Französische Juden zieht es nach Israel

 Von 
Letzte Ruhestätte: Bei den Anschlägen von Paris wurden auch vier jüdische Franzosen getötet. Begraben wurden sie in Jerusalem – ihrer „wahren Heimat“, wie Israels Premier Benjamin Netanjahu sagt.  Foto: reuters

Immer mehr französische Juden zieht es nach Israel, weil sie in Europa für sich keine Zukunft sehen. Die Zahl der französisch sprechenden Einwanderer in Israel scheint sich von Jahr zu Jahr zu verdoppeln.

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Freitagmittag, noch wenige Stunden, bis der Schabbat beginnt. In der Pâtisserie „Franck Delights“ schwirrt es wie in einem Bienenkorb. Die meisten Jerusalemer würden die wahrscheinlich beste französische Konditorei der Stadt nicht unbedingt im Industrieviertel Talpiot vermuten, wo es vor allem Möbelmärkte und Autowerkstätten gibt. Aber für jüdische Einwanderer aus Frankreich ist das schmale Ladencafé schon lange kein Geheimtipp mehr und nicht allein der Petit Fours wegen, wie man sie nicht besser in Paris bekommt. Hier treffen sie sich bei Café au lait, genießen ein Glanzstück der unübertrefflichen Tarte aux pommes und tauschen sich aus über all das, was nützlich zu wissen ist, wenn man „Alija“, den „Aufstieg“ nach Israel, macht.

Fabrice Mamou, 45 Jahre alt, verdient damit sogar sein Geld. Ein Jahr hat er bei „Franck Delights“ gearbeitet, als er mit Frau und drei Kindern vor anderthalb Jahren aus Paris herkam. Danach ist er zu Annatel gewechselt, einer Firma, die ein Rundumpaket anbietet, um zum Billigtarif mit Frankreich zu telefonieren und obendrein auch in Israel alle französischen Fernsehprogramme zu empfangen. Mamous Job hat Zukunft, denn die Zahl französisch sprechender Einwanderer in Israel scheint sich von Jahr zu Jahr zu verdoppeln: 2014 waren es knapp 7000, dieses Jahr werden mindestens 15 000 erwartet. Unter den Olim Chadaschim – hebräisch für Neueinwanderer – sind die Franzosen längst die größte Gruppe.

Erst kürzlich war Mamou, ein gemütlicher Typ, der mit jedem schnell ins Gespräch kommt, mal wieder in Frankreich – gerade als der islamistische Terror in Paris zuschlug. Der Schock über das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und die Geiselnahme in dem koscheren Supermarkt mit insgesamt 17 Todesopfern mobilisierte Millionen Menschen, auf die Straße zu gehen. Andrang wie nie verzeichnete an jenem Sonntag der „Salon Aliya“, eine Messe für Auswanderungsinteressierte in Paris, veranstaltet von der Jewish Agency, wo auch Mamou seinen Stand hatte.

Feindselige Stimmung in Paris

Vor allem die sephardischen Juden, die in den fünfziger und sechziger Jahren aus dem Maghreb nach Frankreich, in die alte Kolonialmacht, übersiedelten, „wollen heute nur noch weg“, sagt Mamou. „Die spielen schon länger mit dem Gedanken, aber nach allem, was geschehen ist, bleibt ihnen keine Wahl.“ Das gelte auch für seine eigene Familie. „Dieses Jahr“, gibt sich Mamou überzeugt, „kommen alle nach, meine Eltern, meine Brüder, meine Schwester.“

Sein Vater hatte Tunesien 1958 verlassen. Nach der israelischen Staatsgründung war den Juden dort eine zunehmend feindselige Stimmung entgegengeschlagen. In Frankreich, wo es damals noch wirtschaftlich aufwärts ging, fühlten sie sich aufgehoben. „In meiner Jugend kam ich auch mit den Arabern in unserer Nachbarschaft klar“, erzählt Mamou. Die Probleme hätten erst mit „den neuen Muslimen“ angefangen. Damit meint er junge Zornige aus den Banlieues, den Pariser Vororten. Sie klauten seinen Kindern auf dem Schulweg die Jacken und riefen „sale juif“, dreckiger Jude. „Die glauben doch“, sagt Mamou, der in Creteil, einem gemischten Viertel im Osten von Paris, einen kleinen Kleiderladen besaß, „alle Juden sind reich“.

Am Ende wollten seine Kinder, inzwischen elf, 17 und 20 Jahre alt, aus Angst nicht mehr in die Synagoge gehen. Auch der Umzug nach La Brie, einem Viertel nahe Disneyland, machte die Sache nicht viel besser. Mit der Schule dort lief es gut. Aber als jüdischer Gemeindevorsteher hatte Mamou wiederholt mit antisemitischen Angriffen zu tun. Zweimal wurde ein Hakenkreuz auf die Synagoge geschmiert, einmal mit einem Stein eine Scheibe eingeschlagen. Nicht mal auf die Champs-Élysées habe er sich noch mit Kippa, dem jüdischen Käppchen, getraut. 2013 packte die Familie endgültig die Koffer und stieg ins Flugzeug nach Tel Aviv. „Der Kinder wegen und weil Israel unser Land ist“, sagt Mamou, der heute im Siedlungsblock Gusch Etzion in der Westbank wohnt.

Fast jeder zweite französische Jude denkt inzwischen an Emigration, besagt eine Statistik des Jewish People Policy Institute (JPPI) in Jerusalem. Bei einer halben Million in Frankreich lebender Juden macht das 250 000 potenzielle Olim – israelische Einwanderer. Die Allermeisten sind orientalische Juden wie die Mamous, die keine tiefen Wurzeln in Frankreich haben und denen es leichter fällt, sich wieder zu verabschieden.

Netanjahu: „Israel ist eure Heimat“

Dem jüdischen Staat, dessen Zukunft nicht zuletzt von seiner demografischen Mehrheit abhängt, sind sie überaus willkommen. „Israel ist eure Heimat“, hat Premier Benjamin Netanjahu gleich nach dem ersten Schock über die Anschläge in Paris die Juden dort umworben. Nicht alle in der jüdischen Diaspora waren über Netanjahus Aufruf glücklich. Man solle sich das Auswandern lieber zweimal überlegen und nicht so leicht Europa aufgeben, riet Mosche Kantor, Präsident des European Jewish Congress.

Trauernde haben sich auf dem Givat Shaul Friedhof in Jerusalem versammelt, auf dem die vier Opfer der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt in Paris beigesetzt wurden.  Foto: imago/David Vaaknin

Doch die Regierung in Jerusalem setzt auf Bevölkerungszuwachs. Ein Aktionsplan, dem das Kabinett bereits zugestimmt hat, soll jetzt dafür sorgen, dass die französischen Juden, sofern sie ihr bisheriges Zuhause verlassen, tatsächlich Israel und nicht etwa Kanada zur neuen Wahlheimat küren. Speziell für sie soll auch der Sal Klita, der staatliche Hilfskorb mit finanziellen Zuschüssen für Einwanderer in den ersten Monaten, noch mal aufgepolstert werden.

Das Konzept hat Dov Maimon entwickelt. Der 53-jährige quirlige Rabbiner sitzt vor seinem Computer im JPPI-Haus der Hebräischen Universität und führt seine Powerpoint-Präsentation mit den „Puschfaktoren für Massenmigration“ vor: 1200 trainierte Dschihadisten im Schengen-Raum, 800 antisemitische Vorfälle seit dem Jahr 2000, 26 Prozent Arbeitslosigkeit unter jungen Franzosen. Die Zahlen, die Maimon zusammen gestellt hat, lösen in den Köpfen Alarm aus und erlauben eigentlich nur einen Schluss: Wer Jude ist, sollte sich aus Europa schleunigst davon machen. Es sei denn, bemerkt Rabbi Maimon spitz, „man gibt seine jüdische Identität nicht zu erkennen, dann kann einem auch der Antisemitismus nichts anhaben.“

Einwanderer-Stadt in der Negev-Wüste

Maimon, dessen Eltern aus Tunesien stammen und der selber in Frankreich zur Welt kam, hat schon vor über 35 Jahren Alija – den Aufstieg nach Israel – gemacht. „Aber nicht der Puschfaktoren wegen, sondern aus Überzeugung.“ Er versteht sich als Zionist, der nun Pioniertaten auf dem Gebiet der Immigration leisten möchte. Um kühne Einfälle ist er nicht verlegen. Ihm schwebt vor, in der Negev-Wüste eine neue moderne Stadt für die französischen Einwanderer hochzuziehen, „so wie Phoenix in Arizona“. Finanzieren lasse sich das Projekt, indem man damit an die Börse in New York gehe. „Warum nicht“, sagt Maimon. „Einwanderer kurbeln doch die Wirtschaft an.“ Auch ökonomisch habe Israel, zitiert Maimon eine weitere Statistik, Frankreich längst überholt.

Und was ist mit der heiklen Sicherheitslage? Der Angst vor Anschlägen, die jeder Israeli kennt, der öffentliche Verkehrsmittel benutzt? Ist die Terrorgefahr hier nicht größer als dort? Ach was, winkt Maimon ab. „Wir Juden können nicht die Probleme Europas lösen, aber in Israel können wir uns selbst schützen.“ Ähnlich drückt es Mamou aus: In Frankreich kümmere sich niemand, wenn etwas passiert. In Israel hingegen sei immer jemand sofort zur Stelle, so wie neulich, als zwei Männer den palästinensischen Messerstecher aus dem Bus in Tel Aviv überwältigten.

In dieser Art versucht auch Andre Rothschild, der in Jerusalem Geschichte und internationale Beziehungen studiert, seine Eltern am Telefon zu beruhigen. „Ich mache mir mehr Sorgen um euch in Paris, als um mich“, erklärt er ihnen, wenn wie im vergangenen Sommer Raketen aus Gaza Luftalarm auslösen oder wie jetzt die Lage auf dem Golan brenzlig wird. „Hier in Israel haben wir es in der Hand, uns zu verteidigen.“ Vor fünf Jahren, kurz nach seinem Abitur, ist er eingewandert, ganz allein. Seine Familie sei weder religiös noch zionistisch eingestellt, eher sozialistisch, ganz in der Linie seines aus dem Elsass stammenden Urgroßvaters, erzählt Andre Rothschild.

Dass er Jude ist, habe er so richtig erst in seiner Schulzeit begriffen. „Wegen meines jüdischen Namens behandelten sie die mich wie einen Sprecher Israels, dem dauernd das Verhalten der Armee vorgehalten wurde.“ Dann ging er mit einer Jugendgruppe auf einen Trip nach Israel, sah das Land mit neuen Augen und beschloss, es zu seinem Land zu machen. „Um den nationalen Traum des jüdischen Volkes zu erfüllen“, fügt er lächelnd in einer Mischung aus Pathos und Ironie hinzu.

Trotzdem vermisst der 23-Jährige manchmal Frankreich. Über Facebook hält er mit seinen Freunden dort Kontakt. Einige Muslime aus Nordafrika seien darunter, sagt er, gute Kumpels, mit denen er früher Fußball gespielt hat. „Aber wir vermeiden die schwierigen Themen“ – die islamische Radikalisierung, auf die Juden angeblich überreagierten. „Frankreich“, sagt Andre Rothschild, „ist einfach zu spät aufgewacht.“

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