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08. Juli 2014

Israel Konflikt: Falken setzen sich durch

 Von 
Qualm und Flammen sind über Gaza-City zu sehen, die israelische Militäraktion "Schutzkante" hat begonnen.  Foto: reuters

Die Operation „Schutzkante“ soll die Hamas zum Feuerstopp zwingen. Zivilisten auf beiden Seiten sind in Panik, während schwere israelische Panzerverbände an der Grenze bereitstehen.

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Jerusalem –  

Schwarze Rauchsäulen über Gaza-City, schwere israelische Panzerverbände vor der Grenze zu dem palästinensischen Küstenstreifen, Zivilisten auf beiden Seiten in Panik. Die Bilder vom ersten Tag der israelischen Militäraktion „Schutzkante“ ähneln der Offensive im November 2012 unter dem Codenamen „Verteidigungssäule“. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies am Dienstag die Armee an, „die Handschuhe auszuziehen“ und kündigte eine „fortgesetzte, harte Militärkampagne“ an, bis das Raketenfeuer aus Gaza eingestellt werde. „Die Hamas hat die Eskalation gewählt und wird dafür einen bitteren Preis bezahlen.“ Selbst wenn zu diesem Zweck, so Netanjahu, eine Bodenoffensive notwendig werden sollte. Das israelische Sicherheitskabinett gab bereits grünes Licht, 40 000 Reservisten zu mobilisieren.

Anders als vor zwanzig Monaten hat Israel allerdings den Überraschungseffekt nicht auf seiner Seite. Damals begann die Offensive mit einem Ablenkungsmanöver. Netanjahu hatte gerade begleitet von hohen Militärs die Nordgrenze auf dem Golan inspiziert, als ein israelisches Präzisionsgeschoss in das Auto von Achmed Jaabari krachte, des Chefs von Issedin al-Kassam, des bewaffneten Flügels der Hamas. Damit hatte in Gaza keiner gerechnet, obwohl in den Tagen zuvor palästinensische Militante vermehrt Raketen in den israelischen Süden gejagt hatten.

Israelische Medien feierten seinerzeit das Attentat als „brillanten Eröffnungszug“ der einwöchigen Operation „Verteidigungssäule“. In deren Verlauf geriet allerdings selbst der Großraum Tel Aviv in die Schussbahn der Hamas-Raketen. Damit muss auch jetzt gerechnet werden. So warnte Hamas-Sprecher Fausi Barhum, man verfüge über eine ganze Palette diverser Geschosse. Um ihnen zu entgehen, werde „jedes israelische Haus einen Eisendom brauchen“. Das ist eine Anspielung auf die von Israel und USA gemeinsam entwickelten Abwehrbatterien, die jetzt wieder vor den Städten im Süden des Landes installiert sind und am Dienstag wiederholt zum Einsatz kamen, um Dutzende der in kurzen Abständen aus Gaza abgefeuerten Raketen vor dem Einschlag in israelischen Wohngebieten noch in der Luft zu zerstören.

2012 besaß die Hamas nach Schätzung von Sicherheitsexperten „nur“ 20 der gefürchteten Fajjar-Raketen, die bei einer Reichweite von 80 Kilometern auch Jerusalem und Tel Aviv treffen könnten. Heute hätten die Radikalislamisten vermutlich das Zwanzigfache dieses Arsenals in Gaza gebunkert.

Zudem hatten die Hamas-Kämpfer wochenlang Zeit, sich für den nächsten großen Schlagabtausch mit Israel zu rüsten. Bereits nachdem am 12. Juni drei jüdische Teenager im Westjordanland mutmaßlich von Hamas-Aktivisten aus Hebron gekidnappt und ermordet worden waren, bahnte sich ein neuer Gaza-Krieg an. Schon früh hatte Netanjahu aggressive Rhetorik ausgepackt und die Hamas-Führung in Gaza für die Tat verantwortlich gemacht, freilich ohne konkrete Beweise vorzulegen.

Allerdings hätte der Premier zuletzt wohl viel darum gegeben, die hochgespannte Lage durch eine Waffenstillstandsvereinbarung zu entschärfen. Nur, die alte Formel „Ruhe gegen Ruhe“, einst von seinem früheren Verteidigungsminister Ehud Barak ersonnen, griff nicht.

Die ägyptischen Vermittlungsbemühungen schlugen fehl. Zumal die Hamas immer höhere Bedingungen stellte, wie die Öffnung des Rafah-Grenzübergangs in den Sinai sowie die Freilassung ihrer Mitglieder, die Israel im Zuge der Militärrazzien bei der Fahndung nach den Kidnappern festgenommen hat. Als dann noch israelische Truppen einen Tunnel im südlichen Gazastreifen entdeckten, über den sich Hamas-Kämpfer womöglich den Weg für ein Attentat in Israel bahnen wollten, setzte auch im Sicherheitskabinett in Jerusalem ein Umdenken ein. „Die ganze Entwicklung machte dem Premier eine weitere Zurückhaltung unmöglich“, hieß es nahezu unisono unter israelischen Kommentatoren.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei der Trauerfeier für die drei Teenager, deren Tod die Gewalt eskalieren lässt.  Foto: REUTERS

Nicht nur nationalrechte Regierungspartner wie Naftali Bennett und Avigdor Lieberman hatten ihn bis dahin als ängstlichen Zauderer hingestellt, der vor echten Taten zurückschrecke. Auch in der israelischen Bevölkerung wuchs der Druck, endlich den Militanten in Gaza das Handwerk zu legen. Das geballte Raketenfeuer am Montag – mehr als 80 Geschosse an einem Tag – gab den Ausschlag. Kurz nach Mitternacht begann die israelische Luftwaffe die erste schwere Angriffswelle der Operation „Schutzkante“. Neben Tunneln, Bunkern und anderen militanten Stellungen in Gaza wurden erstmals auch Häuser von hochrangigen Hamas-Mitgliedern bombardiert.

Um den Tod unschuldiger Zivilisten möglichst zu vermeiden, erhielten die Bewohner kurz zuvor Warnrufe seitens der israelischen Armee, sofort die Gebäude zu verlassen. Palästinensischen Angaben zufolge gab es trotzdem mindestens acht Tote sowie zahlreiche Verletzte.

Auch mehrere Israelis erlitten bei Raketeneinschlägen Schrapnellwunden. An die 40 000 Bewohner im Süden verbrachten den Tag in oder nahe den Schutzräumen. „Damit können wir uns abfinden, wenn die Regierung nur endlich mit dem Treiben der Hamas Schluss macht“, meinte Noam Bedein aus der Negev-Stadt Sederot.

Trümmer treffen Kreuzfahrtschiff
Die "Aida Diva"

Das Kreuzfahrtunternehmen Aida Cruises lässt nach dem Zwischenfall mit der „Aida Diva“ im israelischen Hafen Aschdod noch offen, ob es die Mittelmeerstadt weiter anlaufen wird. Das deutsche Kreuzfahrtschiff war am Montagabend in den eskalierten Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geraten, als beim Auslaufen aus dem Hafen von Aschdod Raketen-Trümmerteile auf das Deck fielen. „Unsere Sicherheitsexperten werden die Lage nochmals genau prüfen und dann wird es eine Entscheidung geben“, sagte Unternehmenssprecher Hansjörg Kunze am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa.

Aschdod liegt 30 Kilometer nördlich des Gazastreifens. Kunze betonte, dass das Schiff selbst kein Ziel gewesen sei und niemand verletzt wurde. Er räumte aber ein, dass der Vorfall die Passagiere stark beunruhigt habe. Das Auswärtige Amt hat nach dem Vorfall auf dem Kreuzfahrtschiff seine Sicherheitshinweise für Israel geändert. Innerhalb eines Radius von 40 Kilometern um den Gazastreifen werde von nicht notwendigen Aufenthalten abgeraten, erklärte das Ministerium am Dienstag auf seiner Webseite. Reisende sollten sich über Schutzräume und das Verhalten bei Raketenangriffen informieren. Eine Sprecherin sagte, die Aktualisierung sei eine Reaktion auf den Vorfall in Aschdod. (dpa/rtr)

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