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22. Juni 2012

Israel-Palästina-Konflikt: Das palästinensische Sussia soll weg

 Von Inge Günther
Lehrer Jabir Nawaje soll aus Sussia wegziehen. In der Händen hält er eine Skizze zur Abrissverfügung. Foto: I. Günther

Sussia ist seit 1200 jüdisch, behaupten die Israelis. Die Palästinenser wurden in den Nachbarort, das palästinensische Sussia, vertrieben. Der Ort, in dem Deutschland sich mit Entwicklungshilfe engagiert, soll jetzt verschwinden. Kann Westerwelle helfen?

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SUSSIA –  

Fast hätte man die Hinweistafel zur Ausgrabungsstätte Sussia, die „antike jüdische Stadt“, wie es im Prospekt heißt, übersehen. Es ist auch eher ein Ausflugsziel für Insider: israelische Siedler, deren nationalreligiöse Gefühle ins Schwelgen geraten, wenn sie heiligen Boden unter ihren Füßen wähnen. Drei von ihnen hocken in flirrender Mittagshitze beim Imbiss im Eingangslokal. Bärtige Gestalten mit gehäkeltem Kopfkäppchen, die schnell klar machen, dass sie lieber unter sich bleiben. Wer zu fragen wagt, ob nicht auch Moslems zu Sussias wechselvoller Geschichte gehören, erntet finstere Blicke.

Für Hardcore-Siedler war und ist Sussia jüdisch und nichts sonst. Von der antiken Stadt in Judäa, die in Römische Zeit zurückreicht und bis zum Aufkommen des Islam florierte, zeugen tatsächlich imposante Relikte, die nach dem Sechs-Tage-Krieg freigelegt wurden: Ruinen einer Synagoge aus dem 4. Jahrhundert, im Vorhof eine Menorah aus Mosaiksteinen und sogar Reste einer Mikveh, eines jüdischen Ritualbades.

Ein Kilometer weiter befindet sich das neue Sussia, gegründet 1983, wo über 800 israelische Sieder in genormten Fertighäusern leben. Die 1200 Jahre dazwischen sind keiner Rede wert. Auch nicht in dem „historischen“ Film, der in einer der Felshöhlen auf dem Ausgrabungsgelände für Besucher abgespielt wird. „Stellen Sie sich vor“, suggeriert eine Bassstimme aus dem Off, „wie einst Menschen und Tiere die Wege in Sussia bevölkerten.“ Und schon tauchen im Bild, das auf die Felswand projiziert wird, Schäfer mit ihren Herden und Markthändler mit ihren Waren auf, dazu Frauen, die an Feuerstellen Brei rühren: „Unsere jüdischen Vorfahren.“

Soldaten händigen Abrissbefehle aus

Ausgeblendet wird, dass Palästinenser genau hier, nach nahezu gleicher, uralter Lebensweise, noch vor wenigen Jahren hausten. Genauer gesagt bis 1985, als Israel die Antikenstätte Sussia zum Nationalpark erklärte und die Alteingesessenen weichen mussten. Die Meisten zogen samt ihren Schafen hunderte Meter weiter und schlugen dort, auf steinigem Weideland, das seit Ottomanischer Zeit als ihr Privatbesitz registriert sind, Hütten und Zelte auf. Immer wieder machte die israelische Militärverwaltung Probleme, die „ungenehmigte bauliche Strukturen“ bemängelte. Doch jetzt soll das palästinensische Sussia weg, ein ganzes Dorf, das sich über sechs Flecken erstreckt, Existenzgrundlage für 320 Bewohner, die meisten im Kindesalter.

Fünf, sechs israelische Jeeps mit Soldaten und Grenzpolizisten fuhren am 12. Juni vor, um mehr als vierzig Abrissbefehle auszuhändigen. „Sie haben diese gelben Zettel an unsere Zelte geheftet oder einfach unter einen Stein gelegt“, berichtet Lehrer Mohammed Jabir Nawaje (50). Sogar seine Grundschule hat so eine Verfügung bekommen. Alles soll verschwinden, was innerhalb der roten Linien einer beigefügten Skizze liegt: ob Stall oder Außenklo, Wohnzelt oder gemauerte Unterkunft.

Auch dutzende Solarpaletten und das Windrad zur Energieerzeugung – finanziert mit deutscher Entwicklungshilfe und Spendengeldern – liegen in dem rot eingekringelten Gebiet. Es sei nicht als Bauland ausgewiesen, lautet die Begründung. Außerhalb allerdings gedeihen israelische Siedlungen und ihre illegalen Vorposten ungehindert.

Deutschland hilft mit Solarstrom

„Mein Dank gilt Deutschland“, sagt Ahmad Nawaje, ein traditionell gekleideter Mann. „Der Solarstrom hat uns den Fortschritt gebracht.“ Seitdem besitzt seine Familie einen Kühlschrank – ein unschätzbarer Wert im heißen Nahost-Klima. „Aber jetzt sollten die Deutschen etwas unternehmen, um das Erreichte zu bewahren.“ Der 66-Jährige klopft wie zur Bekräftigung seiner Worte mit dem Stock auf den Boden.

Berlin versucht das bislang mit stiller Diplomatie. Man stehe in Kontakt mit den israelischen Behörden, um das von Guido Westerwelle hochgelobte Vorzeigeprojekt samt der Dörfer, die davon profitieren, zu erhalten, heißt es im Auswärtigen Amt.

Deutlicher wird Tsafrir Cohen, Referent von Medico International. Er wirft Israel „eine Politik der gezielten Rückentwicklung“ vor, die den Palästinensern das Leben in den nichtautonomen C-Zonen, immerhin sechzig Prozent der Westbank, unmöglich mache. „Ohne diesen ländlichen Raum ist kein palästinensischer Staat möglich.“

„Wir haben kein anderes Land, es ist karg, aber wir leben davon“, seufzt Lehrer Nawaje und weist auf die Feigen- und Olivenbäume. „Alles gewachsen auf unserem Boden.“ Die Dörfler wollen jetzt unterstützt von den Rabbinern für Menschenrechte vor Gericht ziehen und einen alternativen Bauplan präsentieren. Ob mit Erfolg steht dahin. Er habe sich immer gefragt, was Israel mit diesem steinigen Stück Land auf den südlichen Hügeln von Hebron anfangen wolle, sinniert Rabbi Arik Ascherman. „Offenbar will man einen Keil vom Negev in die Westbank treiben, ein Areal ohne Palästinenser, um künftige Grenzen entsprechend anzupassen.“ Eine Idee, die jüdische Siedler insgeheim nicht erst seit gestern verfolgen.

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