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01. September 2015

Israel: Palästinenserkind im Schwitzkasten

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Die Szene beim Ort Nabi Saleh in der Nähe von Ramallah.  Foto: Mohamad Torokman/rtr

In Israel entzweit ein Video vom Einsatz eines Soldaten gegen einen zwölfjährigen Jungen die Gemüter. Viele Israelis indes sind empört, wie besagter Soldat und mit ihm die ganze Armee sich hätten vorführen lassen.

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Die Geschichte von David und Goliath ist nicht eben geeignet, Mitgefühl für Riesen zu wecken. Die Sympathien fliegen in solchen Auseinandersetzungen fast immer den Schwächeren zu. Das gilt ebenso für einen Vorfall im Westbank-Dorf Nabi Saleh, festgehalten in einem Video, das seit vorigem Freitag millionenfach angeklickt wurde. Es beginnt mit einem israelischen, bewaffneten Soldaten, der über einen felsigen Abhang einem eher schmächtigen palästinensischen Jungen hinterher setzt.

Man muss dazu wissen: In Nabi Saleh finden jeden Freitag Proteste statt, weil jüdische Siedler sich eine Wasserstelle nahe des Dorfes angeeignet haben. Jedenfalls fängt der Soldat den Zwölfjährigen, der einen bandagierten, gebrochenen Arm hat, aber dennoch einen Stein geworfen haben soll, schnell ein, packt ihn, und drückt ihn gegen einen Felsbrocken. Der Junge, der Mohammed Tamimi heißt, schreit wie am Spieß und reckt seinen Gipsarm aus der Umklammerung. Der Soldat hält mit einer Hand den Gewehrlauf und mit der anderen den hochroten Kopf des Kindes im Schwitzkasten.

Alarmiert stürzen alsbald Palästinenserinnen herbei, die versuchen, den Soldaten von dem Jungen weg zu ziehen. Es handelt sich um Mutter und Schwester des zwölfjährigen Mohammed sowie um eine weitere Frau. Sie zerren an seiner Uniform, reißen dem Soldaten die Gesichtsmaske runter. Das Mädchen beißt ihm gar in die Hand. Der Soldat macht dabei nicht gerade eine gute Figur, lässt allerdings erst von seinem „Gefangenen“ ab, als der Einsatzleiter ihm das befiehlt. Wer in diesen, von Bilal Tamimi, einem Demonstranten und Hobbyfilmer, dokumentierten Szenen als „Underdog“ anzusehen sei, wird von den Konfliktpartnern höchst verschieden interpretiert. Für die Palästinenser ist zunächst das arme Kind das Opfer. Zumal es, was von einem Friedensaktivisten aus Tel Aviv bezeugt wird, gar keinen Stein geworfen habe. In ihren Augen sind die beherzt eingreifenden Frauen die Heldinnen.

David oder Goliath

Viele Israelis indes sind empört, wie besagter Soldat und mit ihm die ganze Armee sich hätten vorführen lassen. Miri Regev, strammrechte Kulturministerin, machte sich sogleich dafür stark, dass Soldaten im ähnlichen Fall besser schießen sollten. Wohlgemerkt, zu keinem Moment bestand für den Soldaten Lebensgefahr. Ohnehin ist die Liste palästinensischer Zivilisten, die bei anderen Zusammenstößen erschossen wurden, erschreckend lang.

Aber das Bedürfnis, nach der Schmach von Nabi Saleh ein Exempel zu statuieren, ist groß. Einige israelische Eltern forderten, wenigsten einen linken Lehrer, der mit den Palästinensern demonstrierte, zu suspendieren. Die Frage, warum Soldaten überhaupt Kindern hinterher jagen, stellten nur wenige. Vielleicht aus Scham, vielleicht auch, weil die Antwort mit der seit bald fünf Jahrzehnten währenden Besetzung der palästinensischen Gebiete zu tun hat Und die, so „Haaretz“-Kommentator Anshel Pfeffer, „zerfrisst unsere Armee und unsere Gesellschaft“. Man möchte sich gerne als tapferer David sehen und ähnelt doch immer mehr Goliath.

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