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07. September 2015

Israel: Palästinensische Christen wehren sich

 Von 
Der Pope kämpft mit: Ein palästinensischer Priester nimmt mit seinen Nachbarn israelische Zäune auseinander.  Foto: REUTERS

Der israelische Landraub erfährt ungeahnten Widerstand. Den sonntäglichen Protesten schließen sich auch kirchliche Würdenträger an. Nonnen machen in vorderster Reihe mit - trotz des beißenden Tränengases, mit denen die Soldaten die Protestmenge zurückdrängt.

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BEIT DSCHALA. –  

Nachbarn hatten ihn alarmiert. Auf seinem Olivenhain tummelten sich israelische Soldaten, und Bulldozer hätten mit Planierarbeiten für den Mauerbau begonnen. Aufgeregt raste Walid al-Schatle los, um die Soldaten zur Rede zu stellen. Eine schriftliche Genehmigung hatten sie nicht. Aber um 30 uralte Olivenbäume war es bereits geschehen. Samt ihrem knorrigen Wurzelwerk lagen sie auf der Erde, fertig zum Abtransport. Ein halbes Dutzend dieser Olivenbäume hätten sie da gelassen, berichtet Al-Schatle. „Den Rest“, so nimmt er an, „haben sie in israelischen Siedlungen wieder eingepflanzt.“

Der 52-Jährige arbeitet als Sportlehrer an der deutsch-palästinensischen Talitha-Kumi-Schule in Beit Dschala, einem Städtchen bei Bethlehem. Er ist ein besonnener Mann, außerdem herzkrank. Aber als er den arabischen Arbeitern, die auf Geheiß der Armee die Bäume ausrissen, sagte, sie sollten damit aufhören, er zahle ihnen den Ausfall, wurde aus dem Wortwechsel ein Gerangel. Ein Soldat stieß ihm den Gewehrkolben vor die Brust. Al-Schatle verlor das Bewusstsein und musste mehrere Tage ins Krankenhaus.

Das war vor drei Wochen. Doch am darauffolgenden Sonntag war er, noch auf schwachen Beinen, mit dabei, als die Leute von Beit Dschala, mehrheitlich palästinensische Christen, gegen die Landnahme demonstrierten. Seitdem setzt sich sonntags nach dem Kirchgang regelmäßig ein Protestzug Richtung Cremisan-Tal in Bewegung. Nicht nur Al-Schatle besitzt dort Land. Insgesamt 58 palästinensische Familien haben in dem Naturgebiet Gärten und Olivenhaine, die nach Fertigstellung der Mauer auf israelischer Seite liegen werden. Vor allem aber ist Cremisan bekannt für seinen Wein, den das gleichnamige Salesianer-Kloster dort seit 150 Jahren anbaut und keltert. Die Salesianer-Nonnen aus dem benachbarten Konvent unterhalten zudem eine Schule für die Kinder aus Beit Dschala.

Brandbrief an den Vatikan

Diese beiden katholischen Institutionen, die durch den ursprünglich geplanten Verlauf des Westbank-Sperrwalls getrennt werden sollten, haben Beit Dschala zu Prominenz verholfen. Auf den Einspruch ihrer Anwälte hin gebot das Oberste Gericht in Jerusalem im April nach langem Prozess dem Mauerbau auch Einhalt. Nachdem das Verteidigungsministerium sich jedoch bereiterklärte, aus Rücksicht auf Kloster und Konvent eine 220 Meter breite Lücke offen zu lassen, gaben die Richter jüngst grünes Licht für den Weiterbau der angrenzenden, über einen Kilometer langen Mauerteile. Dies sei zum Schutz Israels vonnöten.

Alles in allem verlieren die Palästinenser dadurch 210 Hektar Agrarland, rechnet Nicola Khamis, der Bürgermeister von Beit Dschala, vor. Um Hilfe ringend wandte er sich in einem Brandbrief an den Vatikan. Der Salesianer-Orden versicherte seinen Beistand. Den sonntäglichen Protesten schlossen sich alsbald kirchliche Würdenträger an. Couragierte Nonnen machten sogar in vorderster Reihe mit, trotz des beißenden Tränengases, mit denen die Soldaten die Protestmenge, unter ihnen uneingeladene Steinewerfer, zurückdrängte.

Auch der Oberbürgermeister von Jena, Albrecht Schröter, solidarisierte sich mit der Partnerstadt Beit Dschala und schrieb an Kanzlerin Angela Merkel sowie den israelischen Botschafter in Berlin. Wenn es doch angeblich nur um die Sicherheit Israels gehe, frage er, warum die Mauer nicht grundsätzlich auf völkerrechtlich anerkanntem israelischem Gebiet errichtet werde, statt auf besetztem Land. Das israelische Außenministerium liefert keine klare Antwort, verweist nur darauf, der Sicherheitszaun habe sich als „hocheffizient in der Terrorabwehr“ erwiesen.


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Kritikern bleiben Zweifel. Zumal der 2002 begonnene Sperrwall, angelegt auf 525 Kilometer, bis heute Einfallschneisen lässt. Über 60 Kilometer wurden nicht fertig gestellt, aber mehr als neun Prozent der Westbank konfisziert. Allein Beit Dschala hat seit den 90ern 1400 Hektar an die israelischen Siedlungen Gilo und Har Gilo hergeben müssen. Das Cremisan-Tal liegt dazwischen. „Die Israelis behaupten immer, alles geschehe nur aus Sicherheitsgründen“, meint Bürgermeister Khamis. „Am Ende bebauen sie das Land für sich selbst.“

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