Von leisen Tönen keine Spur. Als Israels Premier in Washington vor 8000 Sympathisanten der Lobbygruppe American Israel Public Affairs Comitee (AIPAC) seine Vorstellungen über die weitere Entwicklung im Nahen Osten entfaltet, heimst er mit den härtesten Tönen den größten Beifall ein. "Jerusalem ist keine Siedlung - es ist die Hauptstadt unserer Nation", sagt Benjamin Netanjahu kurz vor dem Treffen mit US-Präsident Barack Obama.
Juden hätten Jerusalem vor 3000 Jahren gebaut und würden das auch weiter tun, betonte Netanjahu vor Tausenden AIPAC-Delegierten und Gästen. Die jüdischen Viertel Jerusalems seien zusammengehörige Teile der Stadt, die im Fall jeder Friedenslösung im Besitz Israels blieben. Seiner Regierung sei bewusst, dass auch Palästinenser dort lebten. "Wir wollen sie nicht regieren. Wir wollen, dass sie dort als unsere Nachbarn in Würde und Frieden leben", sagte Netanjahu. Vor zwei Wochen hatte die Ankündigung von Neubauten in Ramat Shlomo, einem von Israel beanspruchten Teil Ost-Jerusalems, für Verstimmung mit den USA gesorgt - weil sie just erfolgte, als Vize-Präsident Joe Biden in Nahost weilte.
AIPAC: Der 1944 gegründete Verband hat heute rund 100.000 Mitglieder. Mit einem Jahresbudget von rund 60 Millionen Dollar finanziert er pro-israelische Kampagnen und beeinflusst, welche Politiker pro-israelische Amerikaner wählen. AIPAC steht der Politik des konservativen Likud-Block von Israels Premier Benjamin Netanjahu nahe.
J Street: Im April 2008 gründete sich eine Gruppe, die sich als Alternative zu AIPAC versteht und die USA zu einem stärkeren Engagement im nahöstlichen Friedensprozess drängt. Ihr Jahresbudget beträgt bislang 1,5 Millionen Dollar. Politisch sympathisiert sie mit der liberalen israelischen Kadima-Partei.
Am Dienstagabend wollten Obama und Netanjahu die jüngsten Spannungen abbauen und dabei auch über die von den USA angestrebten schärferen Sanktionen gegenüber dem Iran sprechen. Netanjahu machte vor dem Treffen nicht den Eindruck, als habe er etwas zurückzunehmen.
Israel werde zu Unrecht zum Sündenbock für den stockenden Friedensprozess gemacht, sagte Netanjahu vor der AIPAC-Konferenz: "Es scheint auf der Welt drei Maßstäbe zu geben: einen für Diktaturen, den anderen für Demokratien und den dritten, strengsten für Israel", sagte er.
Von einem Heimspiel zu sprechen, war angesichts des Jubels nach dieser Äußerung noch untertrieben. Bei der jährlichen Tagung von AIPAC geben sich prominente Politiker der beiden großen USParteien die Klinke in die Hand. Dazu gehören einflussreiche Demokraten wie der New Yorker Senator Charles Schumer, der auf der Konferenz scharfe Sanktionen gegen den Iran forderte. Auch US-Außenministerin Hillary Clinton, die vor Netanjahu sprach, dämpfte ihre jüngste Kritik an Israel. Die USA hätten das Recht, die israelische Politik zu kritisieren, sagte sie. Doch ihre Unterstützung für Israel sei "felsenfest, unerschütterlich, dauerhaft und ewig".
AIPAC gilt als eine der mächtigsten Lobbyorganisationen der USA. Zwar war deren Nähe zum Weißen Haus unter Obamas Vorgänger George W. Bush größer. Doch auch der jetzige Präsident kann diese Stimme nicht ignorieren. Für Verschwörungstheorien ist das kein Anlass. Die Israel-Lobby folgt den üblichen Regeln der politischen Einflussnahme in den USA - so wie die Waffen-Lobby oder Wirtschaftsverbände.
Dass die jüdischen Organisationen dabei viel erfolgreicher agieren als pro-arabische Gruppen hat viele Gründe: In den USA gibt es trotz der Einwanderer aus dem arabischen Raum immer noch deutlich mehr Juden als Muslime. In den gesamten USA sind es mit etwa 6,5 Millionen sogar mehr als in Israel selbst, das rund 5,6 Millionen jüdische Einwohner hat. Die familiären Verflechtungen sind eng.
Grundsätzlich empfinden viele Amerikaner zu Israel eine tiefe Verbundenheit. Dessen Verteidigung setzt ihrer Ansicht nach den "Kampf für das Gute" fort, den die USA bereits im Zweiten Weltkrieg führten. Israelis gelten als Pioniere und Verteidiger einer lebendigen Demokratie - so verstehen sich die Amerikaner auch selbst. Seit dem 11. September 2001 und den nuklearen Ambitionen des Iran ist das Bewusstsein, dass Israel und die USA es mit gemeinsamen Feinden zu tun haben, noch stärker geworden.
Netanjahu spielte in Washington ebenso auf der Klaviatur dieses Bedrohungsgefühls: "Wenn Israel mit den USA zusammenarbeitet, dann rettet das auch amerikanische Menschenleben." Das ist auch für Amerikaner, die keiner Lobby nahestehen, ein schlagkräftigeres Argument als vage Hoffnungen auf einen nahöstlichen Frieden.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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