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19. Februar 2013

Italien: Ein Komiker macht Ernst

 Von Regina Kerner
Komiker Beppe Grillo von der Bewegung 5 Sterne. Foto: REUTERS

Beppe Grillo lehrt die etablierten italienischen Politiker das Fürchten. Bei der Parlamentswahl am Sonntag könnte seine Bewegung drittstärkste Kraft werden.

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ROM –  

„Wir schicken sie alle nach Hause!“ Beppe Grillo ruft nicht, er röhrt seinen Schlachtruf ins Mikrofon. Wild gestikulierend steht er im grünen Parka im Scheinwerferlicht auf der Bühne, die grauen Haare wehen im Wind. Die Zuschauermenge johlt und pfeift. „Sie“, das sind die italienischen Politiker, ganz egal von welcher Partei, ganz egal ob sie Silvio Berlusconi, Mario Monti oder Pier Luigi Bersani heißen. Für Grillo und sein „Movimento 5Stelle“ – zu Deutsch: Bewegung 5 Sterne – sind sie die Ursache allen Übels, das über das Land hereingebrochen ist: sie mit ihrer Raffgier, ihrer Verschwendungssucht, ihren Skandalen, ihrer Verantwortungslosigkeit, ihrer Unfähigkeit. „Sie müssen weg – alle!“, schreit Grillo. „Diese Arschgesichter! Sie sind schon Staub, sie sind schon tot, und sie wissen es! Wir werden uns Italien zurückerobern!“

Grillo ist von Hause aus Komiker und Schauspieler, er ist ein Bühnenprofi. Das merkt man an diesem kalten Abend im norditalienischen Trient, wo er auf der Piazza Dante die Anhänger der von ihm gegründeten „5Stelle“ für die am Sonntag beginnenden Parlamentswahlen in Stimmung bringt. Eine Stunde lang redet der 64-Jährige atemlos und ohne Unterbrechung. Er peitscht sein Publikum auf wie ein fundamentalistischer Prediger, er benutzt Kraftausdrücke, er brüllt. Und viele hundert Zuhörer steigern sich immer mehr hinein in das Happening.

Demokrat und Diktator

Seit einem Monat ist Grillo unterwegs, spricht mit Geschäftsleuten, die in der Krise um ihre Existenz ringen, mit Arbeitslosen, mit Rentnern. Jeden Abend steht er auf einer anderen Piazza zwischen Sizilien und Südtirol. Mal kommen ein paar hundert, mal – wie zuletzt in Turin – 20 000 Menschen. Jeder Auftritt wird live im Internet übertragen. Vor der Regionalwahl in Sizilien im Herbst hat Grillo das genauso gemacht, am Ende bekamen seine „5Stelle“ fast 20 Prozent der Stimmen. Den letzten Umfragen zufolge könnte sich dieser sensationelle Erfolg bei den landesweiten Wahlen nun wiederholen.

Es sind nicht nur reine Protestwähler, die ihm zuströmen. Viele Unentschlossene, Politikverdrossene und Desillusionierte sehen Grillo als letzte Chance, dass sich in Italien doch noch etwas verändert.Von den 18- bis 34-Jährigen wollen bis zu 30 Prozent die „5Stelle“ wählen. Grillos Bewegung wäre drittstärkste Kraft in Italien.

Die etablierten Parteien hatten – ebenso wie die etablierten Medien – bis vor wenigen Tagen noch kaum Notiz von ihm genommen. Jetzt sind sie aufs höchste alarmiert, warnen die Bürger vor Grillo, nennen ihn einen Anti-Politiker, einen Demagogen und Populisten. Berlusconi beschwört eine Gefahr für die Demokratie und zeigt sich entsetzt, dass „Clowns“ in Italiens Parlament einziehen könnten. „Sie haben Angst vor uns“, schreit Grillo auf der Piazza in Trient. „In ganz Europa haben sie Angst vor uns!“

Direkte Demokratie im Internet

In einigen Punkten ähneln die Grillini, wie seine Anhänger genannt werden, den deutschen Piraten. Sie wollen direkte Demokratie im Internet praktizieren, fordern freien Netzzugang für alle. Sie wollen eine ökologische Energiewende und ein Bürgergeld und keinen Cent für Rüstung ausgeben oder für Großprojekte wie die Schnellbahnstrecke Turin–Lyon. Daneben gibt es im Programm allerdings noch ganz andere Ingredienzien wie die Rückbesinnung auf Produkte „Made in Italy“ zur Stützung der heimischen Wirtschaft etwa und eine EU-Feindlichkeit, wie sie sonst vor allem Berlusconi pflegt: Grillo propagiert ein Referendum über den Verbleib Italiens in der Euro-Zone, die Brüsseler Sparauflagen lehnt er ab.

Was die „5Stelle“ von der Piratenpartei deutlich unterscheidet, ist ihre Führungsstruktur. Grillo selbst kandidiert zwar gar nicht. Doch er allein gibt den Ton an. Er diktiert das Programm, er verbietet den Kandidaten Fernsehauftritte, weil die Medien gegen die „5Stelle“ hetzten, er wirft Leute raus, wenn sie gegen seine Regeln verstoßen. Er schreckt auch nicht davor zurück, am rechten Rand zu werben: Die „5Stelle“ seien für alle offen, selbst für Neonazis, „wenn sie denn unsere Ideen teilen“, sagt Grillo. Und nimmt die Empörung, die er damit auslöst, dankend in Kauf.
Einen Guru nennen ihn seine Gegner, einen selbstgefälligen Diktator. Doch selbst sie räumen ein, dass es an der Basis der Bewegung viele gibt, die ernsthaft und pragmatisch arbeiten wollen – oder es bereits tun. Die Stadt Parma etwa hat seit Mai einen „5Stelle“-Bürgermeister. Er hat bisher vor allem durch Kompromissbereitschaft und strikte Sparmaßnahmen von sich reden gemacht.

Giusy Campo, 55, ist in einer Online-Abstimmung von 120 registrierten Grillini in Rom zur Kandidatin gewählt worden. Die alleinerziehende Mutter, die Literatur studiert hat, arbeitet Vollzeit in einem Verlag. An diesem Vormittag hat sie Urlaub genommen, um Wahlkampf zu machen auf dem Markt von Tor Tre Teste, einem tristen Hochhausviertel an der Peripherie der Hauptstadt, wo jeder Dritte arbeitslos ist. „Seit Monaten bin ich jeden Abend auf Versammlungen oder Fortbildungen“, sagt sie.

Einige Uni-Professoren hätten sich angeboten, die „5Stelle“-Kandidaten zu schulen, ihnen zum Beispiel zu erklären, wie ein Haushalt aufgestellt wird. „Wir kriegen viel Unterstützung von der Intelligenzia“, sagt sie. „Wir sind keine Schwachköpfe, auch wenn man uns so darzustellen versucht. Wir sind bereit zu lernen.“

Sie werden die Parlamente aufmischen

Giusy Campo geht fest davon aus, dass die Grillini die Parlamente aufmischen werden, in den Kommunen, in den Regionen und jetzt auch auf nationaler Ebene. „Wir werden die Kontrolleure sein“, sagt sie, „eine echte Opposition. Wir werden alles durchleuchten – Ausschreibungen, Verträge, die Einkommensverhältnisse der Abgeordneten.“ Sollte sie gewählt werden, wird sie nur die Hälfte der Bezüge behalten dürfen. Der Rest wird in einen Fond fließen, aus dem Existenzgründer und Kleinbetriebe Mikrokredite erhalten sollen. So lautet die Regel für „5Stelle“-Abgeordnete.
Am Freitag wird Beppe Grillo seine Wahlkampftour mit einem Auftritt auf der römischen Piazza San Giovanni vor der Lateranbasilika beenden, dem historischen Ort linker Demonstrationen. Aus ganz Italien wollen seine Anhänger anreisen, mehrere hunderttausend Menschen werden erwartet. Das Spektakel könnte den „5Stelle“ kurz vor der Wahl noch einmal einen ordentlichen Schub geben.

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