Die Tat hat Italien erschüttert. Am Dienstag machte Gianluca Casseri in Florenz Jagd auf Afrikaner, er erschoss zwei senegalesische Straßenhändler auf offener Strasse und verletzte drei weitere schwer, ehe er sich schließlich selbst tötete. Nun fragen sich alle, wie es dazu kommen konnte.
Der moderne Extremismus in Italien beginnt in der populären Imagination gerne mit Gabriele d’Annunzio (1863 - 1938), Poet, Flieger, Frauenheld und politischer Hasardeur. In letzterer Rolle führte einen Trupp Arditi – übermäßig nationalistische Sturmtruppen des Ersten Weltkriegs – in die Adriastadt Fiume, um diese für Italien zu sichern.
Sein kurzes anarchisches Regime dort, von der italienischen Marine gewaltsam beendet, nahm viele Elemente des bald aufziehenden Faschismus vorweg. Der wurde in Italien 1922 als Staatsmacht eingeführt von Benito Mussolini, Weltkriegsteilnehmer und einst sozialistischer Funktionär, mit dem „Marsch auf Rom“ seiner 40.000 „Schwarzhemden“, faschistischen Schlägertrupps, die sich auf die Arditi beriefen.
1943 kapitulierte Italien vor den Alliierten. Die folgenden zwei Jahre bis Kriegsende gerieten zum grausamen Bürgerkrieg, in dem Faschisten, Sozialisten, Demokraten, Christlich-Konservative und Anarchisten um die Zukunft des Landes miteinander rangen.
1945 siegten mit der Anti-Hitler-Koalition auch die linken und demokratischen Kräfte in Italien. Während das Land den Wiederaufbau versuchte, machten die Alliierten einen besonderen Fang: Ezra Pound (1885 - 1972), amerikanischer Dichter und antisemitischer Propagandist in Rom während des Krieges. Pound distanzierte sich zeitlebens nicht vom Faschismus und wird noch heute in Italien von Rechten als einer der Ihren hochgehalten.
Italien brauchte gut 30 Jahre, um die Kriegsschäden zu beseitigen und zu einer modernen Industrienation zu werden. Während dieser Zeit spielten in der Politik vor allem die mächtigen Blöcke der Christdemokraten und Kommunisten die ersten Geigen. Faschisten oder gar Anarchisten hatten keine reellen Chancen auf irgendeinen Einfluss. Aber mit Beginn der 70er-Jahre explodierte Italien. 1970 gründete Renato Curcio in Mailand die Brigate Rosso.
Die Roten Brigaden kann man mit der deutschen Bewegung 2. Juni und ihren Nachfolgern in der Roten Armee-Fraktion vergleichen. Sie verstanden sich als „Stadtguerilla“ und als Nachfolger der Partisanen, die einen gewaltsamen Umsturz der Demokratie wollten.
Ihre Mittel für den Umsturz waren Sabotage, Banküberfälle und Entführungen. Bis zu ihrer Auflösung 1989 konnten 1337 mutmaßliche Aktivisten der Brigaden ermittelt werden, die sich aber grundsätzlich in kleinen und kleinsten Zellen konzentrierten. Bis 1972 genossen die Brigadisten massiven Rückhalt unter Studenten und dem linken Establishment. Dann schlugen Polizei und Staat zurück. Die Brigaden verschwanden endgültig im Untergrund.
1976 verübten die linken Terroristen ihren ersten Mordanschlag. Es folgten „Strafaktionen“ gegen Journalisten und andere Vertreter der „Konterrevolution“. Ihren größten Coup landeten die Brigaden 1978, als sie den christdemokratischen Ex-Ministerpräsidenten Aldo Moro entführten und nach 55 Tagen Haft ermordeten.
Die extreme Rechte war in jenen Jahren keineswegs untätig. Schon 1956 hatte sich die Ordine Nuovo („Neue Ordnung“) gegründet, die am 12. Dezember 1969 in Mailand eine Bombe zündete, der 16 Menschen zum Opfer fielen. 90 wurden verletzt.
Ein Ableger, die Nuclei Armati Rivoluzionari, verübten dann den schweren Terroranschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna am 2. August 1980, bei dem 85 Menschen starben und 200 verletzt wurden. Im Zuge der Ermittlungen wurden mögliche Verbindungen zum Staat, zum Geheimdienst und zur Geheimloge P2 erörtert. Die Mutmaßungen brechen bis heute nicht ab.
Gianfranco Fini schließlich führte zu Beginn der 90er-Jahre die parlamentarischen Neofaschisten weg von der extremen Rechte, hin zum konservativen Lager. Es waren die Jahre der Entideologisierung, die Kommunisten lösten sich auf, Berlusconi und die Regionalisten zogen herauf. Aber die linken wie die rechten Fanatiker waren immer noch da, wenn auch lange nicht aktiv.
Eine Antwort lieferte der linke Bürgermeister Matteo Renzi. „Das war die Tat eines verwirrten, rassistischen Einzelnen“, sagte er in einer ersten Reaktion. Erst gestern pflichtete er seinem Parteifreund Enrico Rossi bei. Der Regionalpräsident der Toscana hatte nach der Tat gewarnt: „Man kommt nicht umhin, das Geschehene mit Kulturen in Verbindung zu bringen, die klar fremdenfeindliche und rassistische Inhalte aufweisen und die wir bisher womöglich unterschätzt haben.“
Casseri lebt unauffällig
Es spricht vieles dafür, dass der 50-Jährige tatsächlich ein Einzeltäter war, doch verkehrte er in einem Milieu, das sein Gedankengut teilt und in Italien kein Nischendasein fristet. Rassismus, vor allem gegen Migranten aus nichteuropäischen Ländern, ist salonfähig geworden. Casseri lebte ein unauffälliges, zurückgezogenes Leben. Scheinbar. Er pflegte seine schwerkranke Mutter, ging nie in die Dorfbar oder zum Fussball, dafür aber regelmäßig zu Schießübungen. Vor ein paar Monaten zog er nach Florenz, warum, ist bisher nicht bekannt.
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