Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Es ist ein Samstagabend, in den schicken Mailänder Ausgehvierteln pulsiert das Leben, Restaurants und Trattorien sind voll, junge Leute drängeln sich vor Diskotheken und Bars. Einige der Gäste allerdings benehmen sich ungewöhnlich. Sie postieren sich neben den Kassen und stellen unbequeme Fragen.
Das hat wundersame Folgen: Die insgesamt 115 Restaurants und Vergnügungsbetriebe, die die etwa 400 Steuerfahnder und Polizisten an diesem Abend in Mailand kontrollieren, verzeichnen eine Umsatzsteigerung von fast 44 Prozent. Manche geben sogar mehr als 200 Prozent mehr „scontrini“ aus als gewöhnlich, jene kleinen Kassenzettelchen, die belegen, dass der Kunde bezahlt hat – und dass der Restaurantbesitzer den Umsatz auch dem Finanzamt meldet.
Auch sonst machen die „007 der Steuerfahndung“, wie italienische Medien sie nennen, an diesem Abend reiche Beute. Sie beschlagnahmen 358 Luxusautos und entdecken in fast einem Drittel der Lokale Schwarzarbeiter. Sie kommen dahinter, dass ein unscheinbares kleines Restaurant mit wenigen Tischen über riesige Hinterzimmer verfügt, in denen regelmäßig Hochzeiten und andere Feste gefeiert werden, ohne dass der Fiskus davon erfährt. Oder dass eine angeblich rustikale Pizzeria ausgewählten Stammgästen opulente mehrgängige Menüs serviert. Nur 30 Euro muss der Gast zahlen. Ohne Quittung, versteht sich.
Ein Drittel des Steueraufkommens geht verloren
Die Razzia war ein voller Erfolg. „Wir machen weiter, im ganzen Land wird es in den nächsten Monaten ähnliche Aktionen geben“, kündigt der Chef der nationalen Steuerbehörde, Attilio Befera, an. Der liebenswürdige Herr im Nadelstreifenanzug und mit Intellektuellen-Brille ist in der Sache hart entschlossen. „Wichtig ist, eine gesunde Angst zu verbreiten“, sagt er.
„Evasione“, Steuerhinterziehung, ist in Italien schon lange ein Volkssport. Wie viel Geld dem Staat so entgeht, vermögen auch Experten nur zu schätzen. Vermutlich sind es zwischen 120 und 150 Milliarden Euro im Jahr. Das entspricht fast einem Drittel des gesamten Steueraufkommens – eine enorme Summe für einen Staat, der mit 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet ist.
„Italien ist ein Land, in dem es viel zu lange keine Kultur der Steuerlegalität gegeben hat“, formuliert es Befera. Man könnte auch sagen: Mit einem Politiker wie Silvio Berlusconi hatte diese Haltung ihren Idealtypus gefunden – auch deswegen wählten ihn viele Italiener immer wieder. Der bekannte Journalist Beppe Severgnini drückt es so aus: „In Italien fordert man nicht, und schon gar nicht mit Nachdruck, ein neues, gerechteres Steuersystem. Man zieht es vor, das bestehende zu umgehen.“
Mit oder ohne Quittung?
Die neue Regierung unter Mario Monti hat dem Land nun ein 24 Milliarden Euro umfassendes Sparprogramm auferlegt, um die Schuldenkrise zu bewältigen und Italiens Staatsfinanzen ins Lot zu bringen. Dafür müssen auch die Steuereinnahmen steigen.
Zu Hunderten rückten die Agenten der Steuerfahndung in den Weihnachtstagen im noblen Südtiroler Wintersportort Cortina d’Ampezzo an und verlangten, oft zur Empörung des betuchten Publikums, Nachweise über Einkäufe in Luxusboutiquen und Hotelrechnungen. Denn als Kunde ist man verpflichtet, sich einen Kassenbeleg geben zu lassen. Auch die vielen Ferraris und Lamborghinis weckten ihr Interesse. Sie stießen auch hier auf Wundersames: Viele Besitzer können sich solch edle Wagen eigentlich gar nicht leisten, jedenfalls wenn man ihrer Steuererklärung glaubt. Wie etwa der Unternehmer, der händeringend beteuerte, schwer mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen und deshalb leider nur über ein Jahreseinkommen von 20 000 Euro zu verfügen. Wie er ein Auto finanzieren kann, das ein Vielfaches davon kostet, konnte er nicht so recht erklären. Der Wagen wurde, zusammen mit Hunderten anderen, konfisziert.
Vollkommen untätig waren die Behörden auch in den vergangenen Jahren unter Berlusconi nicht. Allein 2011 wurden Betrügereien in zweistelliger Milliardenhöhe aufgedeckt. Im Sommer vergangenen Jahres lancierte die damalige Regierung eine Werbekampagne gegen die „evasori“ genannten Steuerhinterzieher, die als „Parasiten der Gesellschaft“ gebrandmarkt wurden. Aber erst dem Wirtschaftsprofessor Mario Monti nehmen es viele Italiener ab, dass es ihm Ernst ist mit dem Kampf gegen Steuerhinterziehung. Und dass er, wenn er von sozialer Gerechtigkeit spricht, vielleicht auch mehr Steuergerechtigkeit meint.
Lesen Sie weiter über die größten Steuerhinterzieher des Landes - die Millionäre.
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