Vier Tage nach Beginn der schweren Ausschreitungen in Jamaikas Hauptstadt Kingston suchen die Sicherheitskräfte weiter nach Drogenboss Christopher Coke. Einheiten von Polizei und Militär durchkämmten am Mittwoch Haus für Haus in Tivoli Gardens und angrenzenden Stadtteilen auf der Suche nach dem 42 Jahre alten Bandenchef, der in die USA ausgeliefert werden soll. Die Regierung will nun im ganzen Land nach Coke suchen lassen.
Die Behörden bezifferten unterdessen die Zahl der Toten nach den kriegsähnlichen Gefechten zwischen Pistoleros von Cokes Bande "Shower Posse" und den Sicherheitskräften seit Sonntag auf über 70. Die Mehrzahl der Toten sind junge Männer aus Tivoli Gardens, die sich tagelang Schießereien mit den Sicherheitskräften geliefert haben. Rund 210 Menschen wurden festgenommen.
Leichen am Straßenrand
Am Mittwoch glich fast der gesamte Westen der Hauptstadt einer Geisterstadt. Gepanzerte Fahrzeuge patrouillierten die Stadtteile Trenchtown, Spanish Town und Tivoli Gardens. Kaum jemand traute sich auf die Straßen, die meisten Schulen und Geschäfte blieben geschlossen. Mancherorts lagen Leichen am Straßenrand, nur notdürftig mit Laken bedeckt. Leichenschauhäuser laut Zeitungsberichten übervoll.
Coke, der von großen Teilen der Bevölkerung verehrt und beschützt wird, soll mit seiner Bande im großen Stil Rauschgift nach und im Gegenzug Waffen aus New York geschmuggelt haben. In Kingston werden der Bande Tausende von Morden in den vergangenen Jahren zugeschrieben.
"Wir sehen uns einer großen Krise gegenüber", erklärte Premierminister Bruce Golding vor dem Parlament. "Unser Land ist in der Hand Krimineller, und nun ist der Moment des Handelns gekommen." Nach einem Regierungsbericht von 2009 gibt es auf der Insel mit drei Millionen Einwohnern rund 268 Banden. Die meisten sind kleine kriminelle Gruppen, aber andere wie die von Coke sind in der Lage, Tausende von Anhängern und Mitgliedern zu mobilisieren.
Gefährliche "Shower Posse"
Cokes "Shower Posse" gilt als die gefährlichste dieser Banden. Sie wurde in den 80er Jahren von seinem Vater Lester Coke ins Leben gerufen. Coke Senior wurde 1987 festgenommen und starb fünf Jahre später in der Haft unter mysteriösen Umständen, wenige Tage vor der geplanten Auslieferung in die USA.
Christopher Coke alias "Dudus" will diesem Schicksal entgehen. Ihm und seiner Bande werden 1400 Morde in den USA und ungezählte Gewalttaten auf Jamaika zur Last gelegt. Sollte "Dudus" ausgeliefert werden, droht ihm lebenslange Haft in den USA.
Der Aufstieg von Coke war auch maßgeblich mit der zumindest tatenlosen Komplizenschaft der Politik und insbesondere des Premierministers möglich. Golding hat seinen Wahlkreis in Tivoli Gardens, und seine Regierung pflegte nachweisbar Kontakte zu Cokes Bande. Dessen legalen und illegalen Firmen aus dem Bausektor schanzte er millionenschwere Aufträge zu. Als dann im August des vergangenen Jahres das Auslieferungsersuchen der USA kam, versuchte Golding es so lange auszusitzen, bis der innenpolitische Druck zu stark wurde.
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