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15. August 2013

Jamel in Mecklenburg: Von Neonazis umzingelt

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Ein Schild am Rande des Dorfes zeigt es an: In Jamel fühlt sich die "Bevölkerungsmehrheit" frei, sozial und national.  Foto: dpa

Birgit und Horst Lohmeyer leben in ihrem Dorf von Rechten umzingelt. Aber aufgeben wollen sie nicht. Vielmehr geben sie ihren Neonazi-Nachbarn mit einem Rockfestival kontra.

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JAMEL –  

Am Wochenende rockt in Jamel wieder der Förster. Sechs Bands werden spielen beim Rockfestival am 16. und 17. August. Und vor allem werden sie und ihr Publikum demonstrieren. Ihr Motto: „Mecklenburg bleibt bunt!“

Jamel liegt etwa zehn Kilometer westlich von Wismar. 40 Menschen leben in dem Dorf, das ein Enddorf ist – sprich: der Endpunkt einer Sackgasse. Veranstalter des Festivals mit dem Namen „Jamel rockt den Förster“ sind Birgit Lohmeyer und ihr Mann Horst. Das Ehepaar ist nahezu ausschließlich von Neonazis umgeben. „Drei Viertel der Dorfbevölkerung zählen zur rechtsextremen Szene“, sagen die Lohmeyers. Gegen diesen Geist möchten sie ein Zeichen setzen. Oder möglichst viele Zeichen.

Früher lebten Birgit und Horst Lohmeyer in Hamburg. Sie schreibt Krimis und jobbt nebenher. Er war mal Gas- und Wasserinstallateur, hängte den Job an den Nagel und macht jetzt hauptberuflich Tanz- und Rockmusik. Vor zehn Jahren beschlossen die beiden, der Großstadt den Rücken zu kehren und aufs Land zu ziehen. Da die Häuser in Niedersachsen und Schleswig-Holstein zu teuer waren, gingen die Lohmeyers nach Mecklenburg. Das alte Backsteinhaus in Jamel war schön und von einem großen Garten umgeben. Ruhig und erschwinglich war es auch.

Im Ort wohnte der Abbruchunternehmer Sven Krüger, ein in der Region bekannter Neonazi. Die Lohmeyers hatten früher unweit der linksalternativen Hamburger Hafenstraße gewohnt, wo es regelmäßig Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und der Polizei gab, ihnen war eine schwierige Nachbarschaft also nicht fremd. Sie dachten: Das mit dem Krüger schaffen wir schon. Vielleicht zieht er ja auch weg.

Dann aber zog der Nachbar für die NPD in den Kreistag ein, kaufte Haus um Haus und holte weitere Neonazis nach Jamel. Diese stellten einen Wegweiser auf, das die Entfernung nach Braunau anzeigt – Hitlers Geburtsort. Mehrmals im Jahr versammeln sich einige Hundert Rechtsextremisten im Ort und grölen ihre Parolen. Krügers Firmenschild zierte einst ein Mann, der mit einem schweren Hammer einen Davidstern zertrümmert.

Die Lohmeyers wehrten sich. 2007 veranstalteten sie zum ersten Mal ihr Rockfestival. Die Neonazis reagierten. Die Lohmeyers fanden eine Ratte in ihrem Briefkasten. Ihr Gartenzaun wurde demoliert. In ihre Auffahrt wurde Mist gekippt. Die Neonazis rieten ihnen, das Haus zu verkaufen, solange sie es noch könnten.

Mit Preisen überhäuft

Im Dorf gab es auch noch zwei neutrale Nachbarn, aber irgendwann gingen die ebenfalls auf Distanz. „Von den Rechtsextremen werden wir gemobbt, von den anderen gemieden“, sagt Birgit Lohmeyer. „Wir leben in Jamel wie in einer Großstadt.“ Anonym.

Anderswo fand ihr Kampf Anerkennung. Die Lohmeyers bekamen den Bürgerpreis des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und den Preis „Helden des Nordens“, den der NDR und einige Regionalzeitungen ausloben. 2011 erhielten sie den Paul-Spiegel-Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland. Dafür, dass sie standhalten und der braunen Brut nicht weichen.

Für ihr Festival übernahm Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) die Schirmherrschaft. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (ebenfalls SPD) war mal zu Besuch, Linksfraktionschef Gregor Gysi auch. Und jede Menge Journalisten, allein 2012 etwa 90 an der Zahl. Vor zwei Jahren waren die Lohmeyers beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten zu Gast. Sie sind jetzt ein bisschen prominent. Das schützt, wenn es eines Tages hart auf hart kommen sollte.

Durch all die Anerkennung in der weiteren Umgebung ist die Situation in der näheren Umgebung bisher allerdings nicht einfacher geworden. Die Lohmeyers wurden verdächtigt, sie hätten auf die Preise regelrecht spekuliert, nicht zuletzt auf die Preisgelder. Die soziale Isolation in der unmittelbaren Nachbarschaft blieb unverändert.

Sie geben nicht auf: Birgit und Horst Lohmeyer.  Foto: picture alliance / dpa

Erst jenseits einer Bannmeile von 15 Kilometern ließen sich wieder Freunde und Bekannte finden, sagen die Lohmeyers. Innerhalb dieser Bannmeile herrschten Ressentiments. Oder Angst.

Auch der Druck der rechtsextremen Szene ist gleich geblieben. Am schlimmsten sei es gewesen, als Krüger, der derzeit im Gefängnis sitzt, heiratete, sagen die Lohmeyers. Da hätten sie im Bett gelegen und befürchtet, die Neonazis könnten rüberkommen und ihnen die Bude abfackeln. Ihr Grundstück verlassen sie nur noch, wenn Freunde oder die Polizei Wache halten.

Doch sie gehen nicht. „Das ist unser Paradiesgarten und unser Lebenstraum“, sagt Birgit Lohmeyer. „Es kommt überhaupt gar nicht infrage, sich das streitig machen zu lassen von politischen Idioten.“ Und sie fügt hinzu: „Natürlich haben wir uns jetzt auch so weit aus dem Fenster gehängt, dass wir nicht einfach wieder zurück können. Das wäre das völlig falsche Signal.“

Also machen sie weiter. Und am Wochenende rockt Jamel wieder den Förster.

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