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16. Februar 2016

Jesiden im Irak: „Das ist nichts anderes als ein Genozid“

 Von 
Jesiden beim improvisierten Schachspiel in einem Flüchtlingscamp bei Dohuk in der autonomen Region Kurdistan im Irak.  Foto: REUTERS

Irfan Ortac ist Vertreter der jesidischen Gemeinschaft in Deutschland und begleitete kürzlich Thorsten Schäfer-Gümbel im Nordirak. Im Interview spricht er über den Genozid an den Jesiden und was die europäische Politik tun kann, um den Menschen eine Rückkehr zu ermöglichen.

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Herr Ortac, was muss im Nordirak passieren, damit Jesiden dort auf Dauer wieder eine Heimat haben können?
Die Jesiden dort wollen eigentlich in ihrem Heimatland bleiben, wenn man ihnen eine Perspektive bietet, dass sie wieder in ihre Ursprungsdörfer und -städte zurückkehren können. Verbunden damit ist es natürlich, dass man sie beim Wiederaufbau unterstützt. Alleine die Sprüche „Geht in Euer Land zurück“ werden die Jesiden nicht davon abhalten zu fliehen.

Es sind immer noch viele Jesidinnen und Jesiden in den Händen des IS. Was muss geschehen, damit sie befreit werden?
Das ist schwierig, denn wir haben einen Gegner, mit dem man nicht verhandeln kann. Dieser Gegner hat das Ziel, Jesiden physisch zu eliminieren. Immerhin ist es gelungen, mehr als 2000 Sklavinnen und Sklaven aus deren Händen zu befreien oder freizukaufen. Wenn wir die Möglichkeit dazu haben, werden wir in jedem einzelnen Fall alles dafür tun, damit die Menschen frei kommen.

Sprechen Sie von einem Genozid?
Ich spreche nicht nur davon – das ist ein Genozid. Man versucht, systematisch eine Gruppe zu eliminieren. Das ist nichts anderes als ein Genozid. Die Definition eines Genozids bedeutet genau das: dass man versucht, eine Gruppe physisch zu eliminieren.

Welche Rolle spielen die Waffenlieferungen aus Deutschland für die Befreiung der Jesiden und ihrer Gebiete?
Es fällt mir als Pazifist schwer, mich für Waffengewalt auszusprechen. Aber in diesem Fall haben wir keine andere Möglichkeit, als den IS mit Waffengewalt zu bekämpfen. Ich finde es richtig, dass die Einheiten der kurdischen Regionalregierung diesen Kampf führen. Ich wünsche mir, dass jesidische Einheiten daran beteiligt werden und dass die Bundesregierung Druck auf die kurdische Regionalregierung macht, damit das geschieht.

Was können Sie als Jesiden in Deutschland dazu beitragen, die Lebenschancen der Menschen vor Ort zu verbessern?
Jesiden müssen sich in erster Linie dafür einsetzen, dass die Jesiden in Irak nicht entwurzelt werden. Wir sind dabei, ein Waisenhaus zu bauen, denn viele jesidische Kinder haben durch den Terror des IS ihre Väter und Mütter verloren. Außerdem müssen wir auf politischer Ebene Druck auf die internationale Gemeinschaft ausüben, damit die Jesiden nicht vergessen werden. Denn sie haben im Irak keine Möglichkeit, selbst für ihre Recht zu kämpfen.

Was kann die deutsche und europäische Politik tun?
Immer wieder die Rechte der Jesiden in ihrem Land einfordern. Das fordern wir seit 18 Monaten ein. Die Europäische Union, aber insbesondere Deutschland, ist sehr sensibilisiert worden, was die Belange der Jesidinnen und Jesiden angeht. Die Reise in die Region, bei der ich den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel begleiten konnte, zeigt, dass diese Botschaft angekommen ist.

Welche Eindrücke nehmen Sie von dieser Reise mit?
Ich habe unglaublich viel mitgenommen. Ich war vorher schon viele Male im Nordirak. Dieses Mal haben wir sehr deutlich gemacht, dass Deutschland insbesondere auf das Schicksal der Jesiden schaut. Das ist den Gesprächspartnern klar geworden. Wir haben den Premierminister Nechirvan Barsani getroffen und hohe Vertreter der Partei PUK. Man hat uns versichert, dass sie intensiver mit uns zusammenarbeiten wollen. Wir werden sie beim Wort nehmen.

Baden-Württemberg hat ein Kontingent von Minderheiten aus dem Nordirak aufgenommen, vor allem Jesidinnen. Ist das der richtige Weg – oder geht es Ihnen um Lebensperspektiven im Irak?
So sehr ich die Initiative von Baden-Württemberg begrüße: Ich bin der Auffassung, dass das mittel- und langfristig nicht das Ziel sein sollte. Natürlich sollten wir die schwer erkrankten Menschen in Deutschland behandeln, weil die Infrastruktur in Kurdistan das einfach nicht hergibt. Aber für die Flüchtlinge insgesamt müssen wir Voraussetzungen schaffen, dass sie dort in ihrer Herkunftsregion bleiben.

Werden die Jesiden jemals wieder in die Regionen zurückkehren können, die von der Terrorgruppe Islamischer Staat eingenommen wurden?
Das hoffe ich und dafür kämpfe ich.

Interview: Pitt von Bebenburg

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