Tschüss, sagt Joachim Gauck eilig in sein Festnetztelefon, denn das Handy bimmelt zu Hause bei ihm in Berlin, alle wollen plötzlich wieder etwas wissen von ihm, dem ehemaligen "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik" (1990-2000) und dem soeben von SPD und Grünen gekürten Bundespräsidenten-Gegenkandidaten.
Gauck sagt natürlich nichts zur Sache, der frühere DDR-Bürgerrechtler und heutige "linke konservative Liberale" ist parteilos, aber mitnichten ein unerfahrener politischer "Seiteneinsteiger", der zum falschen Zeitpunkt öffentlich vor sich hin redet.
Nach der Vereinigung, in seinem früheren Amt, hat der 1940 in Rostock geborene Kapitänssohn, der spätere Pfarrer (seit 1990 ist er es nicht mehr) und DDR-Bürgerrechtler Gauck gelernt, sich in der hiesigen Parteienlandschaft zu bewegen.
Als Chef der Gauck-Behörde musste er zehn Jahre lang einen fraktionsübergreifenden Konsens für die praktische Umsetzung des Stasi-Unterlagengesetzes herstellen. Das ist ihm, mit Ausnahme der Stasi-affinen PDS/Linkspartei, leidlich gelungen, auch wenn alle Parteien irgendwann ein Problem mit den geöffneten Akten der DDR-Diktatur bekamen. Helmut Kohl erwirkte ein Urteil gegen den Zugang zu seinen Stasi-Akten, die SPD schäumte, wenn Gauck ihr Blauäugigkeit bei ihrer Ostpolitik vorwarf.
Umso bemerkenswerter ist, dass SPD und Grüne Gauck als Präsidenten-Kandidaten aufstellen. In seiner Amtszeit wurde er, obwohl Bündnis-90-Mitglied, selten von den Grünen und so gut wie nie von der SPD zu Vorträgen eingeladen. Meist war es die CDU, die sich ihm im antikommunistischen Konsens verbunden fühlte.
Nun stehen einige kurze Wochen des "Wahlkampfes" der Kandidaten Gauck und Wulff an. Geht es um die "Kraft des Wortes", das als wesentliches Handwerkszeug eines Bundespräsidenten beschrieben wird, so dürfte Gauck der überzeugendere Kandidat sein. Wenn er über die Vorzüge der Demokratie redet, die er erst seit 1990 kennt, über seinen 1951 von den Sowjets nach Sibirien verschleppten Vater, über seine wegen der unerträglichen DDR-Verhältnisse in den Westen ausgereisten Söhne, dann glauben ihm die Leute, dass er sich "täglich freut, dass er in Freiheit leben darf".
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