Ich bin Realist, ich kann auch zählen", sagt Joachim Gauck irgendwann an diesem sonnigen Freitagvormittag in der Hauptstadt. Und wenn der Realist die Stimmen zusammenzählt, über die SPD und Grüne in der Bundesversammlung verfügen, weiß er, dass es alles andere als wahrscheinlich ist, dass er am 1. Juli ins Schloss Bellevue einzieht.
CDU, CSU und FDP haben 20 Stimmen mehr als die nötige absolute Mehrheit, Rot-Grün 40 weniger. Der Kandidat müsste unvorstellbare 60 Stimmen aus dem Regierungslager erhalten, um sich gegen Christian Wulff durchzusetzen. Doch Gauck wäre nicht Gauck, wenn er sich davon entmutigen ließe. Er habe, erzählt Gauck, in seinem Leben Ereignisse erlebt, mit denen auch niemand gerechnet habe.
Im Frühjahr hat er seinen 70. Geburtstag gefeiert, die Haare sind deutlich grauer geworden. Doch wenn Joachim Gauck spricht, klingt er noch ganz wie damals, als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, oder noch früher, als Bürgerrechtler in der DDR. Überlegt, unaufgeregt und doch mit der Spur Eindringlichkeit und Sendungsbewusstsein, die ein protestantischer Pastor und früherer Bürgerrechtler eben nur schwer unterdrücken kann.
"Ich bin von weit her." Mit diesen Worten leitet Gauck gewissermaßen den programmatischen Teil ein. Geboren im Zweiten Weltkrieg, aufgewachsen in der DDR, der nächsten Diktatur, die ihre Menschen "entmächtigte", habe ihn vor allem die Wendezeit geprägt; eine friedliche Revolution, von der die wenigsten gedacht hätten, sie mal zu erleben.
"Angst macht kleine Augen", sagt der Theologe und warnt davor, wie einfach es ist, sich in der Ohnmacht einzurichten, auch in der Demokratie. Gauck will "Ermutiger" sein. Anders als Horst Köhler, der sich im Konflikt zwischen Bürgern und Politik lieber an die Seite der Bürger stellte und über die Politik schimpfte, sieht sich Gauck als Brückenbauer, als einer, der vermittelt, dass Politik eben nicht nur eine Angelegenheit der Politiker ist, sondern jeden angeht. Einmischen, lautet sein Rezept.
"Joachim Gauck bringt ein Leben mit, Christian Wulff eine politische Laufbahn", bringt Sigmar Gabriel das Duell um Schloss Bellevue auf eine böse griffige Formel. Der oberste Sozialdemokrat kann seine Zufriedenheit über den Coup, den SPD und Grüne gemeinsam ausgeheckt haben, nur schwer verbergen. Rot-Grün nominiert einen Konservativen für das Amt des Bundespräsidenten. Einen Mann, der weithin Akzeptanz im Land findet, der eher im Lager der Union zuhause ist - und den sogar eine persönliche Freundschaft mit der Kanzlerin verbindet.
"Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich in dieser Rolle einmal neben Jürgen Trittin sitzen würde", gesteht Gauck mit einem verschmitzten Lächeln zu dem grünen Fraktionschef ein. Sich selbst hat er mal als "linken, liberalen Konservativen" beschrieben, was einerseits hübsch klingt, andererseits wohl ausdrücken sollte, dass er zwar politisch, nicht aber parteipolitisch festgelegt ist.
Nun aber sitzt er eingerahmt von einem roten und einem grünen Vorsitzenden-Pärchen in Berlin. Seine Kandidatur soll ganz bewusst keiner parteipolitischen Logik folgen, zumindest nicht auf den ersten Blick - denn Taktik steckt natürlich auch hinter diesem rot-grünen Projekt.
Lässt sich Gauck vor den rot-grünen Karren spannen? "Als Realist muss man in der Lage sein, sich auch solche Fragen zu stellen", entgegnet Gauck. Man dürfe aber nicht alles unter parteipolitischen Gesichtspunkten betrachten. Es wäre doch schön, wenn er diese Logik durchbrechen würde.
SPD und Grüne preisen "ihre" Nominierung nicht als Gegenkandidaten zu Christian Wulff, sondern als Gegenentwurf zum Umgang der Kanzlerin mit dem Amt des Bundespräsidenten. "Gauck ist genau die Person, die dieses Land in dieser Situation braucht."
"Diese Situation" ist nach Ansicht der Opposition eine Staatskrise, die in der aktuellen Finanz- und Haushaltskrise durch den überraschenden Rücktritt Köhlers ausgelöst worden sei. Deshalb, so heben sie noch einmal hervor, hätten sie gebeten, eine überparteiliche Lösung zu suchen, die weder der klassischen Postenlogik folgt noch dem Proporzdenken entspringt. Joachim Gauck wäre ein solch perfekter Kandidat.
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