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Politik
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16. Oktober 2010

Johannes Paul II.: Eine unselige Verbindung

 Von Kordula Doerfler
2004 ehrte Papst Johannes Paul II. in Rom Ordensgründer Pater Marcial Maciel Degollado. Schon Jahre zuvor hatten mexikanische Seminaristen Maciel sexuelle Misshandlungen vorgeworfen.  Foto: dpa

Eigentlich sollte Johannes Paul II. bald seliggesprochen werden. Aber das Verfahren stockt. Auch weil der verstorbene Papst den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel Degollado, schätzte. Ihm wird Missbrauch von Kindern vorgeworfen.

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Eigentlich sollte Johannes Paul II. bald seliggesprochen werden. Aber das Verfahren stockt. Auch weil der verstorbene Papst den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel Degollado, schätzte. Ihm wird Missbrauch von Kindern vorgeworfen.

Santo Subito“, sofort heilig, skandierten die Anhänger von Johannes Paul II. zu Zehntausenden auf dem Petersplatz. Vorne hielt Kardinal Joseph Ratzinger die Totenmesse für den verstorbenen Papst aus Polen, an diesem 8. April 2005, an dem mehr als drei Millionen Gläubige nach Rom gekommen waren. Dann ging alles ganz schnell. Nur zwei Monate später leitete der neue Papst Benedikt XVI. das Verfahren zur Seligsprechung ein, auch wenn das Kirchenrecht eine Frist von fünf Jahren nach dem Tod vorschreibt. Im Dezember bescheinigte er seinem Vorgänger auch den „heroischen Tugendgrad“, eine wichtige Voraussetzung in dem mehrstufigen Verfahren.

Wäre alles nach Plan verlaufen, dann wäre Karol Wojtyla an diesem Samstag, dem 32. Jahrestag seiner Wahl zum Papst, seliggesprochen worden und hätte in Rekordzeit die Vorstufe zum Heiligen erreicht. Daraus wird nichts, obwohl er vielen Gläubigen schon zu Lebzeiten als Heiliger galt. Weltweit wurde der Pole verehrt wie ein Popstar und brach jeden Superlativ. Er reiste so weit wie kein Papst zuvor und sprach 1338 Menschen selig und 482 heilig, mehr als alle seine Vorgänger zusammen. Sein eigenes Verfahren aber ist ins Stocken geraten.

Segen für den Täter? Johannes Paul II. ehrt den umstrittenen Ordensgründer Maciel.
Segen für den Täter? Johannes Paul II. ehrt den umstrittenen Ordensgründer Maciel.
 Foto: ap/dapd

Unerwartet kompliziert gestaltet sich die vorgeschriebene Anerkennung eines Wunders. Seit dem Frühjahr besteht der Verdacht, dass die französische Nonne Marie Simon-Pierre, die wie Johannes Paul II. an Parkinson erkrankt und auf wundersame Weise zwei Monate nach dessen Tod geheilt worden war, einen Rückfall erlitten hat. Ein Kamerateam im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks wurde kürzlich nicht zu ihr vorgelassen. Der Fall der Nonne muss von Ärzten und Theologen eingehend geprüft werden und taugt womöglich gar nicht als Wunder. „Der Prozess ist jetzt in einer entscheidenden Phase“, sagt der vatikanische „Postulator“ für das Verfahren, der polnische Pater Slavomir Oder.

Wie die italienische Zeitung Il Giornale am Donnerstag berichtete, sollen die Schwierigkeiten jetzt ausgeräumt sein, nachdem ein unabhängiger medizinischer Gutachter seine Meinung zu dem Fall geändert habe. Die medizinische Prüfung solle bis Dezember abgeschlossen sein, mutmaßt das Blatt und hält eine Seligsprechung im nächsten Jahr für „wahrscheinlich“.Weitaus schwerer wiegen ganz andere Bedenken, über die im Vatikan nicht gern gesprochen wird. „Es wäre wohl nicht sehr günstig, die Seligsprechung eines Papstes ungebührlich voranzutreiben, der in der größten Krise der Kirche nicht mehr über jeden Zweifel erhaben ist“, formuliert es ein Geistlicher, der anonym bleiben will. Tunlichst ist man bemüht, Johannes Paul II. aus den Missbrauchs-skandalen, die die Kirche erschüttern, herauszuhalten. Denn „über jeden Zweifel erhaben“ ist die Rolle, die Johannes Paul II. während seines Pontifikats dabei spielte, ganz sicher nicht.

 Heilte der Papst sie wirklich? Marie Simon-Pierre, hier 2007, soll weiterhin krank sein.
Heilte der Papst sie wirklich? Marie Simon-Pierre, hier 2007, soll weiterhin krank sein.
 Foto: rtr

Ob in den USA, Österreich oder Irland, immer mehr Fälle von Geistlichen, die sich an ihnen anvertrauten Minderjährigen vergriffen hatten, kamen seit Mitte der 90er Jahre an die Öffentlichkeit und stürzten die Kirchen in schwere Krisen. Rom reagierte nur zögerlich. Der Vatikankritiker und Theologe Hans Küng hält den damaligen Papst für verantwortlich dafür, dass der österreichische Kardinal Hans Hermann Groer und andere hohe Würdenträger nie belangt wurden. Auch in den USA ist, anders als in Europa, selbst in kirchlichen Medien längst eine kritische Debatte um Johannes Paul II. entbrannt. So belohnte er noch 2004 den wegen der Skandale zurückgetretenen Erzbischof von Boston, Bernard Francis Law, mit der Berufung zum Erzpriester der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom.

Erst drei Jahre zuvor hatte der Vatikan endlich strengere Regeln für den Umgang mit sexuellem Missbrauch erlassen, seither muss jeder Fall an die Glaubenskongregation nach Rom gemeldet werden. Deren Präfekt war seit 1982 der bayrische Kardinal Joseph Ratzinger, und in den vergangenen Monaten wurden schwere Vorwürfe gegen seine Amtsführung laut. Im byzantinischen Machtgefüge des Vatikans aber war nicht er allein verantwortlich dafür, dass die Kirche jahrelang schwieg und vertuschte.

Legionäre Christi

1941 gründete der mexikanische Pater Marcial Maciel Degollado den Orden der Legionäre Christi. Heute ist der Orden in 22 Ländern weltweit tätig, zu ihm gehören etwa 800 Priester und 2500 Seminaristen, und er betreibt Universitäten, Schulen und Kindergärten sowie die Nachrichtenagentur Zenit. Ihm angegliedert ist der Laienorden Regnum Christi mit etwa 70 000 Mitgliedern.

Vor allem in Spanien und Italien sind die Legionäre Christi sehr einflussreich und wenden sich gezielt an die Eliten. Das Vermögen des Ordens wird auf etwa 25 Milliarden Euro geschätzt. Auch in Deutschland versuchen die Legionäre Christi über das Rheinland Fuß zu fassen, sie betreiben ein Noviziat in Bad Münstereifel und seit 2006 den Kindergarten „Everest“ in Düsseldorf.

Eine Schlüsselrolle spielte auch der damalige Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, bis heute ein mächtiger vatikanischer Fürst. Sein Wiener Kollege Christoph Schönborn jedenfalls ist überzeugt davon, dass Sodano Groer vor Ermittlungen schützte, und wurde wegen dieser ungeheuerlichen Anklage sogar zum Papst bestellt. Sodanos Name fällt auch immer wieder in einem noch gravierenderen Fall, der den neuen Papst bis heute verfolgt und einen schweren Schatten auf das Seligsprechungsverfahren wirft.

Kurz vor seinem Tod, Ende 2004, empfing Johannes Paul II. noch einmal Padre Marcial Maciel Degollado, um dessen 60-jähriges Priesterjubiläum zu feiern. Ausdrücklich dankte er dem Mexikaner für „einen von den Gaben des Heiligen Geistes erfüllten priesterlichen Dienst“. Maciel war seit Jahrzehnten ein gerngesehener Gast in Rom. 1941 hatte er den stramm konservativen Orden der Legionäre Christi gegründet, der heute als Konkurrenz zum spanischen Opus Dei gilt.

Gäbe es eine innerkirchliche Rangliste der schwersten Sünder, Maciel nähme einen Spitzenplatz ein. Der 2008 verstorbene Ordensgründer war nicht nur jahrzehntelang weltlichen Lastern wie Rauschmitteln zugeneigt. Auch mit dem Zölibat nahm er es nicht sonderlich genau und zeugte mit zwei Frauen drei Kinder, wie der Orden unterdessen selbst zugegeben hat. Am schwersten aber wiegt, dass Maciel zwischen 20 und 100 Jugendliche missbraucht haben soll, darunter auch seine eigenen Kinder. Als Begründung diente ihm nach Aussagen von Opfern ein „Leiden im Unterleib“, das nur mittels „Massage“ gelindert werden konnte.

Nach vollbrachter „Behandlung“ nahm er den Opfern die Beichte ab und erlegte ihnen Schweigen auf, wie es die Ordensregeln vorsahen. Die Vorwürfe gegen Maciel waren im Vatikan seit Jahrzehnten bekannt. Bereits Ende der 70er Jahre hatte ein Opfer seine Qualen geschildert und den Brief, versehen mit den Aussagen weiterer Leidensgefährten, nach Rom geschickt. Nichts geschah. Erst 1997 wagten acht ehemalige mexikanische Seminaristen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Kurz darauf legten sie Beschwerde bei der Glaubenskongregation ein, eine Untersuchung wurde jedoch bald wieder eingestellt – wie üblich ohne Begründung. Nach außen galt das Gebot der Omerta, des Schweigens, und noch immer hielt der Papst seine schützende Hand über Maciel.

Abneigung gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie

Die beiden Männer verband nicht nur glühender Antikommunismus und die Abneigung gegenüber den lateinamerikanischen Befreiungstheologen. Der Mexikaner versorgte Rom mit linientreuem Priesternachwuchs, und er beherrschte die Kunst des Spendensammelns in der High Society perfekt. Nach außen aber predigte Maciel die Tugenden von Keuschheit und Armut und bestritt stets alle Vorwürfe. Erst als Johannes Paul II. im Sterben lag, leitete Ratzinger eine neue Untersuchung ein.

Was der Chefankläger der Glaubenskongregation, Charles Scicluna, von den Opfern Maciels erfuhr, war so erschütternd, dass Rom dem Ordensgründer 2006 „ein zurückgezogenes Leben des Gebets und der Buße“ verordnete. Belangt wurde er nicht mehr. Maciel starb im Alter von 87 Jahren unbehelligt in den USA. Die Ordensspitze gab sich noch ein Jahr später „überrascht“ von dessen Verfehlungen, als Benedikt XVI. eine sogenannte Apostolische Visitation anordnete. Dahinter verbirgt sich nicht einfach ein höflicher Besuch von päpstlichen Gesandten, sondern eher eine Art Misstrauensvotum. Ein Visitator darf vor Ort recherchieren und mit jedem Ordensmitglied reden, darf Akten und Buchführung einsehen.

Weltweit wurden die Legionäre fast ein Jahr von fünf Bischöfen unter die Lupe genommen, und normalerweise hätte die Öffentlichkeit kaum etwas erfahren. Doch nichts war mehr normal im Frühjahr 2010, als sie ihre Mission beendet hatten. Die katholische Kirche stand weltweit in der Kritik, die Gläubigen liefen ihr zu Zehntausenden davon. Der Papst musste handeln und unterstellte den Orden bis auf weiteres einem Delegaten, dem italienischen Erzbischof Velasio de Paolis.

Maciel habe ein „gewissenloses Leben“ geführt und sich „extrem schwer wiegendes und objektiv unmoralisches Verhalten“ zuschulden kommen lassen, räumte Benedikt ein. Sogar von „Straftaten“ ist im offiziellen Dekret die Rede, belegt durch „unbestreitbare Zeugenaussagen“. Ende September benannte er auch einen Visitator für die angegliederte Laienbewegung Regnum Christi. Auflösen mochte Benedikt XVI. den Orden jedoch nicht, vielmehr hält er ihn für einen „Schatz für die Kirche“, die ihn auf dem „Weg der Reinigung begleiten und helfen“ werde. Eine große Zahl seiner Mitglieder habe „aufrichtigen Eifer und die glühende Hingabe im Ordensleben“ bewiesen.

Dass Johannes Paul II. Maciel bis zuletzt gedeckt habe, wird im Vatikan bestritten. Die Vorwürfe seien „objektiv und historisch falsch“, sagt sein früherer Sprecher Joaquin Navarro-Valls, der Prozess der Seligsprechung sei nicht in Gefahr. Schon das ist ein Zeichen der Nervosität. Auch Wojtylas einstiger Sekretär, der Krakauer Kardinal Stanislas Dziwisz, hat mehrfach öffentlich bestritten, dass es Verzögerungen gebe. Die zuständige Behörde jedenfalls musste die vorbildliche Lebensführung des früheren Papstes eingehend prüfen, und es heißt in Rom, Sodano habe die Aussage dazu verweigert. Erwiesen ist auch, dass die Briefe von Maciels Opfern Rom seinerzeit erreicht haben.

Wird Johannes Paul II. seliggesprochen, darf er öffentlich angebetet werden, in einer Region zumindest. Die Entscheidung fällt allein der Papst.

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