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John Demjanjuk: Greis im Blitzlichtgewitter

NS-Prozess gegen John Demjanjuk: Als Kriegsgefangener soll er zum "Fußvolk des Genozids" gehört haben. Binnen Sekunden entschieden SS-Männer in Sobibor, wer leben durfte und wer sterben sollte. Beteiligt dabei auch: Demjanjuk. Von Thomas Schmid

Der 89-Jährige John Demjanjuk wird in einem Rollbett in den Gerichtssaal gefahren - die Augen hält er die meiste Zeit geschlossen.
Der 89-Jährige John Demjanjuk wird in einem Rollbett in den Gerichtssaal gefahren - die Augen hält er die meiste Zeit geschlossen.
Foto: afp

München. Es wird schlagartig still, als sich die Tür öffnet. Endlich. Auf diesen Augenblick haben sie alle gewartet, die Journalisten und vor allem die 21 Nebenkläger, die von weit her angereist sind, aus den USA, aus Israel, viele aus den Niederlanden.

Ein Rollstuhl wird hereingeschoben. Darauf liegt ein Greis mit halboffenem Mund, geschlossenen Augen. Ab und zu zupfen seine ukrainische Übersetzerin oder sein Rechtsanwalt an der hellblauen Decke.

Der 89-jährige Demjanjuk wird ins Landgericht in München gebracht.
Der 89-jährige Demjanjuk wird ins Landgericht in München gebracht.
Foto: Andreas Gebert/dpa

Der Prozess gegen John Demjanjuk, geboren 1920 als Iwan Mykolajowytsch Demjanjuk, hat begonnen. Der staatenlose Ukrainer, der im Mai aus den USA abgeschoben wurde, ist wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 27900 Fällen angeklagt, weil er als Helfer der SS im Vernichtungslager Sobibór gedient haben soll.

Um 4.30 Uhr standen die ersten Journalisten vor dem Landgericht München II. Am Freitag erst hatte die Justizpressestelle bekanntgegeben, die Verhandlungen würden - "aus rechtlichen Gründen" - nun doch nicht über Video in einen weiteren Saal übertragen.

Von den 147 Plätzen im größten Saal des Gerichts stünden 68 für die Medienvertreter zur Verfügung. Mehr als 250 Journalisten waren akkreditiert. Um neun Uhr ging die Tür auf. Ein Hauen und Stechen um die Plätze begann - ohne Regeln.

Hinter den Anwälten, vor den Journalisten sitzen die Nebenkläger. Sie haben Eltern oder Geschwister in Sobibór verloren, im Vernichtungslager, in dem Demjanjuk als "fremdvölkischer Wachmann", als sogenannter Trawniki, Dienst getan haben soll.

Einer steht mit hochgekrempeltem Ärmel vor den Fotografen. Auf dem linken Unterarm ist seine KZ-Nummer eintätowiert: Robert Cohen, geboren 1926, hat Vater, Mutter und Bruder in Sobibór verloren. Er selber hat mehrere Konzentrations- und Arbeitslager überlebt, weil er als erster der Familie verhaftet wurde - noch vor der Zeit, als Juden gleich bei ihrer Ankunft ins Gas geschickt wurden.

"In diesem Prozess geht es nicht mehr um Sühne", sagt er, "nur noch darum, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen."

Drei der Nebenkläger werden - es wird erst im Frühjahr sein - auch als Zeugen aussagen. Sie haben Sobibór überlebt: Jules Schelvis, Thomas Blatt und Philip Bialowicz. Sobibór war ausschließlich für die Vernichtung von Menschen gebaut worden; ein Arbeitslager gab es hier nicht.

Die allermeisten der mehr als 250.000 Juden, die größtenteils aus dem holländischen Durchgangslager Westerbork hier ankamen, wurden am Tag ihrer Ankunft ermordet - in einer Mischung von Kohlenmonoxid und Kohlendioxid, das als Abgas eines Dieselmotors in die Kammern geleitet wurde.

Blatt hatte Glück. Er war damals 15 Jahre alt und wurde einer Gruppe zugeteilt, die im Lager arbeiten musste. "Was für Arbeit?" - "Kleider sortieren, Haare scheren." Er schloss sich im Lager der jüdischen Widerstandsgruppe an.

Von 600 Häftlingen, die im Oktober 1943 den Aufstand wagten, überlebten nur 47. "Können Sie sich dann an Demjanjuk erinnern?" - "Nein, ich erinnere mich nicht einmal an das Gesicht meiner Eltern." Beide starben am Tag ihrer Ankunft in Sobibór.

Ein SS-Mann entschied binnen einer Sekunde über Leben und Tod

Schelvis, geboren 1921 in Amsterdam, hat nur drei Stunden in Sobibór verbracht. "Aber in diesen drei Stunden habe ich gesehen, wie die Juden sich auf dem Platz entkleiden mussten, wie sie unter Schlägen von Gewehrkolben und Peitschen in die Gaskammern getrieben wurden."

Schelvis ging damals auf einen SS-Mann zu. "Der entschied innerhalb einer Sekunde zwischen Leben und Tod. Ich wurde zum Torfstechen abkommandiert." Zehn Lager hat der Niederländer überlebt. Heute arbeitet er als Historiker, doziert an der Universität Amsterdam.

"Historiker müssen ihre Gefühle hinter sich lassen, sie müssen objektiv sein", sagt der Mann, der 41 Familienangehörige im Holocaust verloren hat. Wäre Demjanjuk erschossen worden, wenn er sich dem Morden verweigert hätte? "Er hätte desertieren können", meint der Historiker, "ich habe Dokumente mitgebracht, die beweisen dass zwei ukrainische Wachmänner mit drei jüdischen Frauen aus dem Lager geflohen sind." Dass ein Drittel der Trawniki geflohen sein soll, wie behauptet wird, hält er für übertrieben.

Jetzt starren alle auf Demjanjuk, den minutenlang die Blitzlichter von einem Dutzend Kameras erhellen. Der Mann, der im Frühjahr 90 Jahre alt wird, schnappt ab und an nach Luft. Er leidet an mehreren Krankheiten, doch er ist verhandlungsfähig, wenn die Ärzte auch die Sitzungen auf zweimal anderthalb Stunden pro Tag begrenzen.

Es ist schwer, in dem Greis, der mit geschlossenen Augen im Rollstuhl sitzt, den 23-jährigen Trawniki zu sehen, der laut Anklage vor 66 Jahren "in gefühlloser und unbarmherziger Gesinnung (...) bereitwillig an der Tötung der Juden mitwirkte".

Demjanuk war Anfang 20, als er in Sobibór gewesen sein soll. Aufgewachsen in der Ukraine, ging der Bauernsohn gerade vier Jahre zur Schule, bevor er als Traktorist in einer Kolchose arbeitete. 1940 wurde er zur Roten Armee eingezogen, geriet zwei Jahre später auf der Krim in deutsche Gefangenschaft. Im Kriegsgefangenenlager in Chelm in Ostpolen wurde er laut Anklage als "Hilfswilliger", als "Hiwi" der SS rekrutiert und im nahen Trawniki zum Wachmann ausgebildet.

Es war der niedrigste Dienstgrad der etwa 5000 Mann starken Truppe, die sich vor allem aus Ukrainern, Balten und wenigen Polen zusammensetzte und zur Räumung der jüdischen Ghettos und als Wachpersonal in Vernichtungslagern, aber auch im Kampf gegen Partisanen eingesetzt wurde. Viele Kriegsgefangene wurden getötet, verhungerten oder starben an Krankheiten.

Demjanjuk überlebte - möglicherweise nur, weil er sich an der Tötung der Juden beteiligte.

In München findet zum ersten Mal in Deutschland ein Prozess gegen ein Mitglied der ausländischen Hilfstruppen der SS statt, die der Historiker Peter Black einst als "Fußvolk des Genozids" bezeichnete. Bis Anfang Mai sind 35 Verhandlungstage geplant, "weitere Termine nach Bedarf".

Es gibt viele Fallstricke. Lebende Zeugen, die sich an Demjanjuk in Sobibór erinnern, gibt es nicht. Hauptbeweisstück ist der Dienstausweis des Angeklagten, der dessen Überstellung nach Sobibór festhält. Experten haben ihn für echt erklärt. Kann aber die individuelle Schuld nachgewiesen werden? Können niedere Beweggründe, kann Mordlust nachgewiesen werden? Hat sich Demjanjuk freiwillig für die Trawniki gemeldet, wurde er zwangsrekrutiert? Wäre er erschossen worden, wenn er die Arbeit in Sobibór verweigert hätte, oder hätte er annehmen müssen, erschossen zu werden?

Kaum hat der Gerichtspräsident der Schwurgerichtskammer am Montag die Dolmetscher für Ukrainisch, Niederländisch und Englisch vereidigt, ergreift Demjanuks Wahlverteidiger Ulrich Busch das Wort. Er wirft dem Gerichtspräsidenten und den beiden Staatsanwälten Befangenheit vor, begründet dies sehr ausführlich mit früheren Urteilen.

Im Hagener Sobibór-Prozess wurden 1966 die Vorgesetzten der Trawniki und weitere SS-Offiziere wegen Befehlsnotstands freigesprochen. Wenn also deutsche SS-Offiziere befürchten mussten, bei Befehlsverweigerung erschossen zu werden, müsste dies doch erst recht ein ausländischer Hilfswilliger, argumentiert Busch.

Die frühere juristische Bewältigung der NS-Verbrechen trägt viele skandalöse Züge. Doch das Gericht ist nicht an frühere Urteile gebunden.

Im Gerichtssaal herrscht Aufregung. Gerade hat Demjanjuks Verteidiger Busch die Notlage des Juden Thomas Blatt, der Mithäftlingen die Haare schor, Kleider sortierte, und des bewaffneten ukrainischen Trawniki John Demjanjuk gleichgesetzt. Beide hätten durch Kollaboration mit den Nazis ihr Leben gerettet, behauptet der Anwalt.

Die Nebenkläger sind entsetzt. Demjanjuk sitzt noch immer regungslos mit geschlossenen Augen in seinem Rollstuhl.

Autor:  Thomas Schmid
Datum:  30 | 11 | 2009
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