Er hat seine römisch-katholische Kirche wieder vereinen wollen durch die Aufnahme der spalterischen, 1988 illegitim geweihten Traditionalistenbischöfe der Pius-Bruderschaft. Doch Benedikt XVI. erreicht exakt das Gegenteil: Dieser Papst spaltet die Kirche. Dies ist die Tragik seiner Person und seines Pontifikats: Der Pontifex aus Deutschland, dem bei seiner Wahl im April 2005 Millionen zujubelten, erweist sich als ein Zerstörer - wider Willen.
Er beschädigt das nach Jahrhunderten amtskirchlicher Judenfeindschaft seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962-65 aufgebaute gute Verhältnis zu den Juden. Sie seien "unsere älteren Brüder", so hatte der charismatische Vorgängerpapst aus Polen, Johannes Paul II., wieder und wieder erklärt - und Juden wie Christen hatten dem warmherzigen Ökumeniker Karol Wojtyla dies abgenommen. Doch wer nimmt die von Benedikt XVI. nun nach dem SuperGau vorgetragenen Erklärungen zum katholisch-jüdischen Verhältnis ernst?
Das Feindbild der Juden als "Christus- mörder" bestimmte jahrhundertelang das Denken katholischer Amtsträger. Theologisch ist es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) obsolet.
In der Erklärung "Nostra Aetate" über das Verhältnis zu den nichtchrist- lichen Religionen verurteilte das Konzil alle Formen der Judenverfolgung. Papst Johannes Paul II. würdigte die Juden in den 80er Jahren als die "älteren Brüder" der Christen. Laut biblischem Zeugnis war Jesus selber Jude, wurde beschnitten und feierte das jüdische Passahfest. Und nicht Juden töteten haben Jesus, son- dern heidnische römische Soldaten.
Die neutestamentlichen Autoren, vor allem der von Papst Benedikt geschätzte Evangelist Johannes, über- zeichneten den Anteil "der Juden" beim Prozess gegen Jesus unhistorisch. Auch Martin Luther war gefangen in diesem Denken, wie seine Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" zeigt.
Der Papst wollte um jeden Preis die Traditionalistenbischöfe in die römische Hierarchie zurückholen - um der formalen Einheit der katholischen Institution willen. Er bereitete diesen Akt insgeheim vor, mit Hilfe einer kleinen und erzkonservativen Kommission namens Ecclesia Dei unter dem kolumbianischen Alt-Kardinal Dario Castrillón Hoyos. Sie befasst sich im Vatikan mit nichts anderem als mit der erstrebten Heimkehr der Traditionalisten. Die gescheiten Fachleute in den Politikabteilungen des Vatikanstaats, die klugen Kardinäle Walter Kasper und Jean-Louis Tauran im päpstlichen Ökumene- und Dialog-Rat, wurden nicht einbezogen.
Wer ist dieser Papst, der als menschenscheu gilt? Joseph Alois Ratzinger stammt von weit her, aus einer längst versunkenen, ländlich-niederbayerischen Welt, in der die katholische Kirche in Moral- und Glaubensfragen die unangefochtene Autorität war. Geboren und getauft am Karsamstag des Jahres 1927, wächst Joseph im Dritten Reich auf. Die Nazis provozieren die katholisch-kleinbürgerliche Lebenswelt der Familie Ratzinger. Der Vater, Joseph, arbeitet als bayerischer Gendarmeriemeister, die Mutter, Maria, ist Köchin. Der heutige Papst hat zwei Geschwister: die von den Brüdern verehrte Schwester Maria und den Bruder Georg, der später als konservativer Polemiker und als Leiter des Knabenchores der "Regensburger Domspatzen" bekannt geworden ist. Keines der Geschwister hat je geheiratet. Die Lebensform "Familie mit Kindern" kommt in der Lebenswelt der Ratzingers vornehmlich in idealisierter Weise vor. Das Umfeld, in dem Joseph Ratzinger aufwächst, ist tief religiös geprägt und während der NS-Diktatur äußerst kirchentreu. Der verehrte "Führer" wirkt für Menschen wie die Familie Ratzinger nicht in Berlin, sondern in Rom, und heißt Pius XII.
Joseph Ratzinger wird 1941 mit 14 Jahren - wie alle Seminaristen, die den Priesterberuf anstrebten - zwangsweise in die Hitlerjugend aufgenommen. 1945 kommt er kurzzeitig in US-Kriegsgefangenschaft in das Lager Neu-Ulm. Dort begegnet er dem Altersgenossen Günter Grass. Die beiden diskutieren. Grass hatte sich, anders als Ratzinger, gegen Ende des Krieges zur Waffen-SS gemeldet.
Ratzinger hat nicht wie sein späterer Kollege und Gegner Hans Küng an den päpstlich-theologischen Eliteausbildungsstätten in Rom, etwa am Germanicum, studiert. Seine Studienorte von 1946 bis 1951 sind Freising und München. Heimatnahe, bayerische Provinz. Und zu dieser selbstbewussten Provinzialität trägt auch ein berühmter Großonkel bei: Der 1899 verstorbene Georg Ratzinger, Priester, Reichstagsabgeordneter und aufgefallen durch antijüdische Reden. Zu ihm hat sich der Theologieprofessor Joseph Ratzinger in einer Rede feierlich bekannt, weil der Ahne den einfachen Glauben der Menschen in der Kirche verteidigt hatte.
In den 1980er Jahren weist Ratzinger als Präfekt der päpstlichen Glaubenskongregation im Vatikan wiederholt auf diese Denkfigur und Glaubensform hin. Mehrfach erklärt Kardinal Ratzinger in seinem damaligen Kampf gegen Befreiungstheologen und die linksverdächtige Kirche der Armen, sein Amt und Auftrag sei nichts anderes, als den Glauben der einfachen Leute gegen die neunmalklugen Theologieprofessoren und liberalen Glaubenszerstörer zu verteidigen.
Berühmt wird Joseph Ratzinger Ende der 1950er Jahre. Eine frühe Karriere als katholischer Glaubenslehrer beginnt. Der aufstrebende Theologe gilt als ein exzellenter Kenner der antiken Kirchenväter. Insbesondere mit dem spätrömischen Kirchenlehrer Augustinus und dem mittelalterlichen Theologen Bonaventura verbindet Ratzinger bis heute ein intellektuell-theologisches Gespräch, ungeachtet des Zeitabstandes von vielen hundert Jahren.
1958 tritt der damals 31-Jährige eine Professur für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der kirchlichen Hochschule in Freising an. Bereits ein Jahr später folgt er dem Ruf an die angesehene Theologische Fakultät an der Universität Bonn. Der junge Startheologe ist kein Reaktionär. Als Papst Johannes XXIII. der katholischen Weltkirche einen "Sprung nach vorne" verordnet und das Zweite Vatikanische Konzil einberuft, macht der beliebte Kölner Kardinal Frings Ratzinger zu seinem Konzilsberater. Während des Konzils kämpft Ratzinger für eine tiefgreifende Reform der seit Jahrhunderten byzantinisch verkrusteten katholischen Kirche.
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