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Politik
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09. Januar 2013

Journalismus: Aufstand gegen die Zensur in China

 Von Bernhard Bartsch
Nicht nur Tageszeitungen auch das Internet wird in China von der Regierung zensiert. Foto: dpa

Chinas Chefzensor Tuo Zhen ist zum Feindbild liberaler Medien geworden. Nun wollen die Journalisten ihn stürzen.

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Chinas Chefzensor Tuo Zhen ist zum Feindbild liberaler Medien geworden. Nun wollen die Journalisten ihn stürzen.

Nach der Logik chinesischer Propaganda hat Tuo Zhen alles richtig gemacht. Als der Chefzensor der Provinz Guangdong in den Fahnen für die Neujahrsausgabe der einflussreichen Wochenzeitung Nanfang Zhoumo einen Leitartikel entdeckte, der politische Reformen forderte, ließ Tuo den Text kurzerhand aus dem Blatt werfen.

Den Platz füllte er mit einem Meinungsstück aus eigener Feder, einer Lobeshymne auf die Errungenschaften der Kommunistischen Partei. Den Redakteuren wollte er damit eine Lektion erteilen. Sie sollten nicht glauben, die Regeln politischer Korrektheit außer Acht lassen zu können.

Der Eingriff in die Pressefreit war eine Alltäglichkeit, doch für die Journalisten der Nanfang Zhoumo war das Maß voll. Zu häufig hatte Tuo ihnen schon ins Handwerk gepfuscht und die harten Realitäten, die sie beschrieben, gegen die Wunschwirklichkeit der Partei ausgetauscht. In Internetforen machten sie den Vorgang öffentlich und stellten den Originaltext online. Chinas kritische Netzgemeinde solidarisierte sich umgehend. Zehntausende machten das Logo der Zeitung zu ihrem Profilbild. Eine Gruppe ehemaliger Redakteure forderte in einem Protestbrief sogar offen Tuos Rücktritt. Seitdem ist sein Name der Inbegriff von Zensur und linientreuer Schönfärberei geworden.

Streik, um Tuos Rücktritt zu erzwingen

Dabei galt der 52-Jährige selbst einmal als streitbarer Journalist. Anfang der Achtziger begann er seine Karriere als Reporter der Zeitung Economic Daily und gewann Auszeichnungen für Sozialreportagen. Doch je höher Tuo auf der Karriereleiter kletterte, umso angepasster wurde er. 2005 stieg er zum Chefredakteur der Economic Daily auf und schliff der einst ambitionierten Zeitung ihre letzten Ecken und Kanten ab.

Seinen Job machte er so gut, dass er 2011 Vize-Präsident von Chinas zentralem Presseorgan, der Nachrichtenagentur Xinhua, wurde. Zwar vertrat er in der Öffentlichkeit gerne liberale Positionen, etwa vom Wert einer objektiven, kritischen Presse. Doch hinter den Kulissen profilierte er sich, indem er widerspenstige Redaktionen auf Kurs zwang. Wohl deshalb wurde Tuo im Mai vergangenen Jahres als Propagandachef ins südchinesische Guangdong entsandt, wo Zeitungen wie die Nanfang Zhoumo mehr Spielraum haben als in der Hauptstadt. Tuo ahnte nicht, wie sehr sich die Gegängelten wehren würden.

Um Tuos Rücktritt zu erzwingen, wird bei der Nanfang Zhoumo seit Montag gestreikt. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Journalisten einen Ausstand wagen. Am gleichen Tag versandte die Pekinger Führung eine Direktive, wie die Medien über den Fall zu berichten haben. Sie umfasst drei Punkte: Erstens habe die Partei nach wie vor die absolute Kontrolle über alle Medien. Zweitens gebe es keinen Zusammenhang zwischen dem „Publikationsvorfall“ bei der Nanfang Zhoumo und der Personalie Tuo Zhen. Und drittens stehe die Zeitung wohl unter dem Einfluss „feindlicher ausländischer Kräfte“.

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