Herr Rostampour, wie sieht Ihr Leben in Nürnberg aus?
Von Deutschland habe ich noch nicht viel gesehen, ich sitze seit fünf Monaten praktisch die ganze Zeit am Computer, um die Geschehnisse im Iran zu verfolgen. Mit drei weiteren Personen, die ich nicht kenne, bin ich in einen Raum einquartiert und warte sehnsüchtig auf den Ausgang meines Verfahrens. Natürlich bereitet mir auch mein Status Sorgen. Ich bin Vollblutjournalist, darf aber hier nicht arbeiten und kann so meinem Volk nicht beistehen.
Mehdi Rostampour, 30, arbeitete zehn Jahre lang als Sport-Moderator und Reporter für das iranische Staatsfernsehen und andere Medien. Er war eines der bekanntesten Gesichter im iranischen Sportfernsehen.
Im Oktober reiste er als Berichterstatter zur Ringer-WM im dänischen Herning. Dort setzte er sich nach Deutschland ab und beantragte Asyl. Zurzeit lebt er in einem Asylbewerberheim in Nürnberg, ihm droht aber die Überstellung an Dänemark.
Unter anderem arbeitet Rostampour für den persischen Kanal der BBC, der täglich vier Stunden über Satellit sendet - neben Voice of America der Sender, den Iraner hören, wenn sie unabhängige Informationen wollen.
Massive Menschenrechtsverletzungen des Teheraner Regimes seit den Wahlen im Juni listet ein aktueller Bericht von Amnesty International auf. (sha)
Aber Sie sind doch zum Beispiel für die BBC im Einsatz?
Das ist ehrenamtlich. Ich verdiene kein Geld, sondern bin als Experte in Sendungen eingebunden.
Sie kritisieren das Regime in Ihren Berichten?
Auf jeden Fall; wenn ein Journalist die wahren Geschehnisse im Iran wiedergibt, ist das aus Sicht des Regimes ein Verbrechen.
Was hat Sie dazu gebracht, nach einem Aufenthalt in Europa nicht mehr zurückzukehren?
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal gezwungen sehen würde, mein Heimatland zu verlassen. In der jüngsten Geschichte des Iran gab es viele unglückliche Momente, aber die letzten acht Monate waren beispiellos: viele unbegründete Festnahmen und Morde an Protestierenden, die nur ihr Rechte ausgeübt haben. Viele Journalisten und Fotografen wurden verhaftet und gefoltert.
Haben Sie persönlich Repressalien erfahren?
Wenn ich heimkehren würde, wäre mein Leben wegen meiner Publikationen in höchster Gefahr.
Was hat sich denn für Sie persönlich nach der Präsidentschaftswahl im Juni verändert?
Von einem Moment auf den anderen war alles anders. Die Wahlbetrüger um Ahmadinedschad, wie es in der Terminologie der grünen Freiheitsbewegung heißt, haben jetzt das Heft in der Hand. Viele der Inhaftierten waren weder politisch aktiv noch an Demonstrationen beteiligt; sie wurden praktisch im Gesamtpaket verhaftet.
Können gewaltfreie Proteste, wie sie heute geplant sind, zu einer grundsätzlichen Änderung des Systems führen?
Ich bin äußerst besorgt, was die Demonstration anbelangt. Ich kann die letzten Nächte ganz schlecht einschlafen deswegen. Wie ich die Ankündigungen des Regimes und des Geheimdienstes verstehe, muss man leider davon ausgehen, dass Schreckliches passieren wird. Ich hoffe nur, dass es wenig Festnahmen und Tote gibt.
Läuft es auf einen Bürgerkrieg hinaus im Iran?
Nein, denn die Freiheitsbewegung ist auf friedlicher Basis aufgebaut. Bei den bisherigen Demonstrationen von bis zu drei Millionen Menschen gingen nur die Regimevertreter brutal vor.
Zu den innenpolitischen Problemen kommt die zunehmende internationale Isolierung des Iran, Stichwort Atomkonflikt. Was muss die internationale Gemeinschaft Ihrer Meinung nach tun?
Sinnvoll wären Schritte, die das Regime treffen, nicht die Bevölkerung. Irans Regime reagiert am sensibelsten, wenn die Freiheitsstimme des Volkes im Ausland reflektiert wird. Wenn man da ansetzt und die Freiheitsbewegung durch die Berichterstattung stärkt, ist das die größte Hilfe.
Glauben Sie, Sie können eines Tages in den Iran zurückkehren?
Wenn im Iran demokratische Strukturen kreiert werden, kehre ich gern zurück. Aber im Moment wäre das Selbstmord.
(Interview: Sabine Hamacher)
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