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11. Juni 2012

Joyce Banda Malawi: Eine mutige Frau für ein armes Land

 Von Johannes Dieterich
Joyce Banda bei einem Protest gegen Missbrauch von Frauen in Malawi. Foto: dapd

Joyce Banda wagt als Präsidentin des Armenhauses Malawi eine radikal neue Politik. Die 62-Jährige setzt sich für die Gleichberechtigung ein und hat das arme Land bereits wirtschaftlich nach vorne gebracht. Dabei wollten viele nicht, dass sie überhaupt an die Macht kommt.

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Malawi schafft es selten in die Schlagzeilen, sehr selten. Seit zwei Monaten ist das anders. Denn so lange ist Joyce Banda als Präsidentin des südafrikanischen 15-Millionen-Staates im Amt. Und just hat sie für Aufruhr in der Afrikanischen Union gesorgt, die im Juli in der malawischen Hauptstadt Lilongwe ein Gipfeltreffen der Staatschefs des Kontinents organisieren wollte. Der Tagungsort ist nun abgesagt, wahrscheinlich wird nach Äthiopien verlagert.

Der Grund dafür liegt in einer Aussage Bandas zu dem Gipfel: Sie verlautbarte, der sudanesische Präsident Omar al-Baschir sei in Malawi nicht willkommen, sie wollte ihn gar verhaften lassen. Gegen Al-Baschir liegt ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wegen Kriegsverbrechen in der Krisenregion Darfur vor. Ihr Vorgänger, der Ex-Weltbanker Bindgu wa Mutharika, hatte Al-Baschir noch vor einem guten halben Jahr zum Gipfel des regionalen Wirtschaftsverbandes Comesa herzlich willkommen geheißen.

Weg mit den Mercedes

Inländisch ist Banda kein bisschen weniger aktiv. In ihren ersten zwei Monaten hat sie Malawi bereits vorm wirtschaftlichen Kollaps bewahrt. Die erst zweite Präsidentin Afrikas weckt Hoffnungen, dass Frauen die Irrwege der berüchtigten „Big Men“ des Kontinents vermeiden werden: Mit einem Wirbel an Entscheidungen, die andere Staatslenker in einer ganzen Legislaturperiode nicht treffen, hat die 62-jährige Politikerin für Aufmerksamkeit gesorgt. „Banda ist das Beste, was Malawi im vergangenen halben Jahrhundert zugestoßen ist“, sagt ein Diplomat in der Hauptstadt Lilongwe. „Endlich haben auch die Malawier einmal Grund zur Zuversicht.“

Noch vor wenigen Monaten sah es um den bettelarmen Staat ganz finster aus. Bandas Vorgänger Mutharika hatte versucht, eine Familiendynastie in dem nach CIA-Angaben ärmsten Staat der Welt zu errichten. Er hob Ehefrau und Bruder in Schlüsselpositionen, ließ demonstrierende Studenten niederschießen und suchte die Wut des Volkes in Grenzen zu halten, indem er wenigstens die Preise durch die Bindung der Landeswährung Kwacha an den Dollar erträglich hielt. Dafür wurden alsbald die Devisen knapp, in den Krankenhäusern gingen die Medikamente zur Neige und die Tankstellen trockneten aus.

Die Queen empfängt die malawische Präsidentin in London.
Die Queen empfängt die malawische Präsidentin in London.
Foto: Getty Images

In einer ihrer ersten Amtshandlungen hob Banda die Preisbindung auf. Der Kwacha sackte deshalb um ein Drittel seines Wertes in den Keller, dafür gab es wenigstens wieder Benzin. Dem Unmut der Bevölkerung über die steigenden Preise begegnete die Präsidentin mit der Ankündigung, den zehn Millionen Euro teuren Präsidentenjet zu verkaufen, den sich ihr Vorgänger mit dem Argument geleistet hatte, er komme ja eigentlich dem Volk zu Gute. Auch 60 Limousinen aus Stuttgart-Untertürkheim will Banda losschlagen – die Volksvertreter sollen beim Gürtel enger Schnallen mit gutem Beispiel vorangehen. „Ich bin es gewohnt, per Anhalter zu reisen“, scherzte die Staatschefin. Zum 60. Amtsjubiläum der Königin von England flog sie per Linienmaschine nach London.

Hilfe vom Militärchef

Damit nicht genug. Banda söhnte sich mit den Repräsentanten der westlichen Gebernationen aus, die ihr Vorgänger „zur Hölle“ wünschte, nachdem sie es gewagt hatten, seine Exzellenz zu kritisieren. Schließlich kündigte sie an, die Strafgesetze gegen Homosexuelle einer Revision zu unterziehen: Zur Verteidigung dieser archaischen Gesetze hatte Mutharika seinen Streit mit den westlichen Gebernationen begonnen.

Wäre es nach Mutharika gegangen, wäre Banda niemals an die Macht gekommen. Der Präsident hatte sie vor drei Jahren als seine Stellvertreterin berufen – wohl wissend, welcher Beliebtheit sie sich unter den Malawierinnen erfreute, die in dem Land immerhin 70 Prozent der Wählerschaft ausmachen. Doch bereits ein Jahr später schloss er sie aus seiner Partei aus und wollte sie auch als Vizepräsidentin absägen, weil sie sich seinen Plänen zur Errichtung einer Familiendynastie in den Weg stellte. Als der 78-jährige Mutharika im März überraschend an einem Herzinfarkt starb, versuchte auch sein Bruder, die von der Verfassung vorgeschriebene Nachfolge der Stellvertreterin zu verhindern: Banda musste sich die Unterstützung des Militärchefs sichern, um einen Staatsstreich der Mutharika-Familie zu verhindern.

Banda setzte sich durch, wie sie sich bereits gegen ihren ersten Ehemann mit einer Scheidung durchgesetzt hatte, der sie anscheinend regelmäßig verprügelte. Daraus machte sie – in Afrika ist das ganz unüblich – keinen Hehl: Sie ist die erste Präsidentin des Kontinents, die ihre politische Laufbahn dem Kampf für die Rechte der Frauen verdankt. Hält die Präsidentin mit dem zu Beginn ihrer Amtszeit eingehaltenen Tempo durch, könnte ein neues Modell in Afrika Schule machen: Zur Seite „Big Men“! Jetzt sind die Smart Ladies an der Reihe.

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