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01. August 2014

Judenhass: „Dieses Gift ist eine Bedrohung für uns alle“

 Von  und 
Anti-israelische Parolen bei einer Demonstration am 26. Juli in Frankfurt.  Foto: peter-juelich.com

Der Judenhass steckt in wachsenden Teilen der Zivilgesellschaft, sagt der Moderator und Publizist Michel Friedman. Ein Gespräch über Antisemitismus in Deutschland, Kritik an Israel und den Rat, den er seinen Kindern gibt.

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Herr Friedman, Sie sagen, dass es in der augenblicklichen Situation wichtiger ist denn je, sich in Deutschland als Jude zu bekennen. Frankfurts Stadtkämmerer Uwe Becker, ein Christ, trug für einen Tag demonstrativ eine Kippa.
Ich empfand das als eine sehr kreative Solidaritätsaktion. Meine Position war immer und ist auch heute: Der Antisemitismus ist nicht alleine das Problem der jüdischen Gemeinschaft. Wir sind die Leidtragenden des Antisemitismus. Aber das Gift-Potenzial, das Gewalt-Potenzial, das im Judenhass steckt, steckt in Teilen – und leider nicht mehr nur in einem verschwindend kleinen Teil – der Zivilgesellschaft. Die Gesellschaft muss dem Judenhass so begegnen, dass Nichtjuden und Juden es als ihr gemeinsames Problem verstehen. Antisemitismus ist ein Angriff auf den Vertrag in einer modernen demokratischen Gesellschaft zu leben, Menschen nicht zu diskriminieren. Den Vertragsbruch müssen alle als Bedrohung empfinden.

Die Oberfläche in Frankfurt, der fünftgrößten deutschen Stadt, ist überwiegend trügerisch friedlich. Wie ist Ihr persönliches Empfinden?
Alle wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigen, dass in Deutschland zwischen 15 und 22 Prozent der Menschen antisemitische Vorurteile in sich tragen. Jeder Fünfte also. Das kann in Frankfurt nicht anders sein als anderswo. Aus dieser latenten Haltung ist jetzt wieder einmal eine öffentliche geworden: Es gibt eine Enthemmung, eine Schamlosigkeit. Früher habe ich gesagt: Es überrascht mich, dass alle so überrascht sind, wenn so etwas geschieht. Mittlerweile war ich so oft überrascht, dass ich feststellen muss: Offensichtlich interessiert es nur wenige – zu wenige –, dass wir einen strukturellen Antisemitismus in Deutschland haben.

Warum glauben Sie, dass es die Menschen nicht interessiert?
Weil kaum jemand reagiert hat, als in den vergangenen drei Wochen Synagogen beschmiert wurden. Juden angegriffen wurden, wenn sie sichtbar als Juden in Erscheinung traten. Und das Internet geradezu in einer Hass-Explosion erbebte. In München kamen zu einer Demonstration gegen Antisemitismus gerade einmal 800 Menschen. In Frankfurt gab es nur eine kleine Kundgebung. Vor zwanzig Jahren gab es wenigstens noch Demonstrationen mit bis zu 100 000 Menschen in Deutschland. Mein Fazit: Es ist immer noch nicht verstanden worden, dass das Gift Antisemitismus eine Bedrohung für alle darstellt.

Sie sind enttäuscht.
Ich bin zutiefst beunruhigt.

Aber Sie haben es nicht anders erwartet.
Ich bin beunruhigt, dass sich in unserer Gesellschaft der Judenhass so sanktionsfrei ausbreiten kann. In Frankfurt ist es möglich, dass Leute durch die Straßen laufen und skandieren: Juden ins Gas! Die Polizei ist nicht eingeschritten. Das ist ein absolutes Versagen der Polizeiführung in dieser Stadt. Und es gibt keine personellen Konsequenzen. Ich bin es leid, immer diese Sonntagsreden zu hören, die da lauten: Wehret den Anfängen! Wann sind denn die Anfänge, wenn nicht jetzt? Was muss eigentlich noch passieren? Die Sonntagsreden müssen von Montags bis Samstags gelebt werden. Werden sie aber nicht.

Charlotte Knobloch, Ex-Präsidentin des Zentralrats der Juden, hat vorgeschlagen, dass sich in dieser aufgeheizten Situation Juden eher nicht zu erkennen geben.
Jeder muss für sich entscheiden, ob er sich in dieser aggressiven Zeit öffentlich und auch sichtbar zu seiner Identität bekennt. Ich jedenfalls lasse mich von der Gewalt und diesen Menschenhassern nicht einschüchtern. Sie hätten ja schon eines ihrer Ziele erreicht, wenn ich mich als Jude in Deutschland nicht wie andere auch selbstverständlich zu meiner Identität bekennen würde.

Nach der Wende in Deutschland 1989/90 haben wir Ausschreitungen gegen Migranten erlebt. Ist das eine ähnliche Eskalation, was gegenwärtig in Deutschland geschieht?
Ich habe vor etlichen Jahren ein öffentliches Gespräch geführt im Hessischen Rundfunk mit Ignatz Bubis, dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden. Es war Anfang der 1990er Jahre: Die Zeit von Hoyerswerda, Mölln, Solingen. Die Neonazis tobten. Mit das Schlimmste, das ich erlebt habe, war, dass der damalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf die Flüchtlinge aus der Stadt wegbringen ließ. Nur so, argumentierte Biedenkopf, könne er seiner Verpflichtung nachkommen, die Menschen zu schützen. Ich saß vor dem Fernseher und dachte: Jetzt musst du wirklich darüber nachdenken, dass du gehst. Wenn die Opfer evakuiert werden, statt die Täter, nämlich die Nazis, zu evakuieren, dann ist das ein politischer Offenbarungseid. In der Fernsehsendung habe ich dann Bubis gefragt: Was machen wir eigentlich, wenn der braune Mob sich mit seiner Gewalttätigkeit weiter entfaltet?

Und was hat er geantwortet?
Bubis sagte: Wissen Sie, Herr Friedman, das ist doch ganz einfach. Die Türken gehen zurück in die Türkei. Wir Juden gehen nach Israel. Aber wo gehen die restlichen Deutschen hin? Die Fragestellung ist doch heute genauso aktuell. Entweder ist das, was gerade geschieht, ein gesellschaftspolitisches Thema von uns Deutschen – allen Deutschen. Oder es ist nur ein Problem der Juden. Dann stellt sich allerdings die Frage wieder: Wohin gehen eines Tages die restlichen Deutschen?

Wie erklären Sie sich die Gleichgültigkeit der breiten Bevölkerung? Warum kommen so wenige Menschen, wenn zur Kundgebung gegen Antisemitismus aufgerufen wird?
Ich will erst mal feststellen, dass die Kundgebungen organisiert werden von der Jüdischen Gemeinschaft.

Und das ist doch gut so, oder?
Würden wir diese Proteste nicht organisieren, gäbe es sie nicht.

Sie klagen an, dass zu wenig gegen diese geistige Brandstiftung unternommen wird?
Je öfter verbale Gewalt ausgeübt wird, desto eher droht die Gefahr, dass das Wort und die geistige Brandstiftung zu einer furchtbaren realen Gewalttat führen könnte.

Es gibt verschiedene Formen der geistigen Brandstiftung.
Leider haben Sie recht. Am rechten Rand die Nazis. Am linken Rand Antisemiten, die ihren Antisemitismus unter dem Deckmantel des Antizionismus verstecken. Und leider eine weitere Gruppe: eine wachsende Anzahl extremistischer Muslime mit einem hohen Gewaltpotenzial. Das macht mir große Sorge. Das ist vor allen Dingen ein Phänomen in Großstädten wie Frankfurt oder Berlin.

Michel Friedman fragt: „Warum lernen die Menschen nicht?“.  Foto: Imago

Unternimmt die Politik genug oder ist die Reaktion von oben nur pflichtschuldigst?
Ich bin kein Zyniker. Das unterstelle ich niemandem. Ich bin überzeugt davon, dass Angela Merkel oder der Bundespräsident und andere ihre Statements nicht als Pflichterklärungen abgegeben haben. Aber den Worten müssen Taten folgen. Stattdessen kürzen Regierungen das Geld für Projekte, die den Ausstieg von Neonazis begleiten. Und wo die Summen nicht gekürzt werden, sind sie einfach lächerlich gering. Es gibt sehr wenige Projekte, um die Radikalisierung junger Muslime zu verhindern. Jetzt hören wir von der hessischen Landesregierung, dass sie ein paar hunderttausend Euro in die Hand nimmt gegen das Salafisten-Problem. Wir schaffen es aber nicht in problematischen Vierteln, die Kinder in die Bildungssysteme zu integrieren.

Das ist leider kein neuer Befund.
Stimmt. Ich habe schon 1969, als Schulsprecher des Goethe-Gymnasiums, für Integrationskurse demonstriert.

Es gibt Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, die jetzt den Vergleich ziehen zur Situation in Deutschland 1938.
Den Vergleich halte ich für falsch. 1938 war Deutschland bereits ein Unrechtsstaat. Und der Staat hat Antisemitismus und Gewalt selbst organisiert. Polizei und Gerichte waren Mittäter bei der Entrechtung des Judentums.

Wird das in anderen europäischen Ländern anders diskutiert?
In Frankreich wird seit Jahren mit einer Dramatik diskutiert, die ich mir in Deutschland nicht vorstellen will, die aber gerade beginnt. Es sind Zigtausende französischer Juden aus Frankreich weggegangen, weil sie den täglichen verbalen, aber auch physischen Gewaltakt nicht mehr ausgehalten haben. Auch in Deutschland gibt es Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die sagen: Ich habe Angst, mit einem Davidstern durch die Straßen zu gehen. In Berlin sind körperliche Angriffe mehr als nur einmal passiert. In Frankfurt gab es Gebäude, die beschädigt worden sind, und Drohungen gegen Personen.

Viele Deutsche haben den Eindruck, man dürfe Israel nicht kritisieren.
Bitte nicht schon wieder diese abgedroschene Pseudofrage. Da wird ein Tabu konstruiert, damit sich als Held fühlt, wer das Tabu bricht. Obwohl es dieses Tabu nur in der Fantasie der sogenannten Tabubrecher gibt. Es gab, seit ich in Deutschland lebe, hier immer Kritik an israelischen Regierungen. Warum auch nicht. Wo wird mehr eine Regierung kritisiert als in Israel selbst. Das Ob der Kritik ist doch nicht streitig. Streitig ist das Wie. Tun wir nicht so, als ob wir nicht wüssten, wann Israelkritik als Vorwand für Antisemitismus missbraucht wird. Ein Beispiel: Wenn skandiert wird, Juden sind Kindermörder, ist das eines der ältesten antisemitischen Stereotypen.

Gibt es Menschen in der Jüdischen Gemeinde, die darüber sprechen, Deutschland zu verlassen?
Ja.

Wie ist es bei Ihnen?
Wenn ich mit meinen Kindern die Fernsehnachrichten schaue und darüber berichtet wird, dass auf deutschen Straßen Sprüche wie ,Juden ins Gas‘ skandiert werden, und meine Kinder mich fragen, was haben wir getan, Papa, warum sind die Menschen so böse auf uns, dann antworte ich ihnen: Ihr habt nichts getan. Die, die das sagen, sind Menschenhasser. Lasst euch davon nicht beeinflussen. Dabei denke ich: Was für ein furchtbares Déjà-vu. Als ich in deren Alter war, haben alte und neue Nazis dieselben Sprüche ausgekotzt. Und ich frage mich: Warum lernen Menschen nicht?

Interview: Arnd Festerling und Claus-Jürgen Göpfert

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