"Where is my vote?" - Wo ist meine Stimme? Das war auf vielen Plakaten der Demonstranten in Teheran zu sehen. Doch die Gründe für die Proteste sind liegen tiefer als die Empörung über die umstrittene Wahl. Sie könnten das religiöse Staatskonzept des Irans ernsthaft bedrohen.
Der Frankfurter Rundschau liegt exklusiv eine repräsentative Studie zu städtischen iranischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor. Wegen der Brisanz der Ergebnisse konnten die Forscher die Arbeit bisher nicht veröffentlichen, zum Schutz der europäischen Wissenschaftler kann auch der Name des Instituts nicht veröffentlicht weden. Für die Studie wurden im Jahr 2006 etwa 2000 Iraner zwischen 14 und 29 Jahren in zehn iranischen Großstädten befragt. Die Resultate hätten sich seither "im Großen und Ganzen sich bewahrheitet und in der Tendenz verstärkt", erläutert ein verantwortlicher Studien-Beteiligter. Die FR fasst die wichtigsten Ergbnisse zusammen.
Pessimismus:Eine Mehrheit der iranischen Jugend sieht die eigene Zukunft sehr pessimistisch und hat eine deutlich negative Lebenseinstellung. Es herrscht ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Institutionen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die junge Generation, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht, fühlt sich nicht verstanden. Die Kommunikation konzentriert sich auf Gleichaltrige und auf Blogs im Internet.
Perspektivlosigkeit: Erhebliches Konfliktpotential fanden die Forscher in der hohen Jugendarbeitslosigkeit und fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven. Das betrifft alle sozialen Schichten. Eine Hochschulbildung bietet nicht unbedingt bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt: "Entgegen der verbreiteten Annahme im Westen ist das Hauptanliegen der iranischen Jugend wirtschaftlicher Natur und betrifft nicht primär bürgerliche und politische Rechte."
Korruption:Die meisten jungen Iraner glauben, dass sie fast nur dank Beziehungen und Wohlstand im Leben vorwärts kommen können. 70 Prozent der Befragten glauben, dass die Korruption ein epidemisches Ausmaß einnimmt. "Diejenigen, die sich das leisten können, fügen sich in das korrupte System ein. Sie bestechen, um selbst vorwärts zu kommen. Nur eine kleine Minderheit meint, sie würde dies unter keinen Umständen tun. Jene die nicht über genügend Ressourcen verfügen, um zu bestechen oder Beziehungen zu nutzen, haben das Nachsehen und kämpfen mit drei Jobs gleichzeitig ums Überleben", sagt der Studienbegleiter: "Diese unterprivilegierten Schichten haben auch keine Zeit für die Demonstrationen."
Orientierungslosigkeit:Deutlich und klar stellen die Forscher fest: Das gesellschaftliche Legitimationssystem ist zusammengebrochen. Die große Masse der urbanen Jugend hegt gegenüber allen, die zu Macht und Wohlstand gelangt sind, ein tiefes Ungerechtigkeitsempfinden. Ein Orientierungssystem scheint die Jugend nicht mehr zu haben. "Stattdessen herrscht eine weit verbreitete Frustration. Und genau die entlädt sich nun in diesen Demonstrationen", sagt der Forscher.
Flucht in Drogen: Die Studie stellt einen Zusammenhang zum verbreiteten Drogenmissbrauch her. Nach Schätzungen der staatlichen Stellen hat der Iran rund zwei Millionen Drogensüchtige, für die Zukunft wird ein weiterer Anstieg erwartet. Zum Vergleich: Großbritannien meldet mit einer ähnlich großen Einwohnerzahl rund 200000 Drogensüchtige.
Ablehnung religiöser Führer: Obwohl sich die meisten jungen Iraner als religiös sehen und ihren Glauben im Privaten leben, lehnen sie die offiziellen religiösen Autoritäten deutlich ab. Ganz besonders stößt ihnen die aufoktroyierte Dominanz der Religion im öffentlichen Raum auf. Die Folge ist, dass der Klerus immer mehr an Einfluss verliert. "Seit dem Wahlsieg von Ahmadineschad findet eine Militarisierung der Gesellschaft statt", sagt der Forscher. Die außenpolitischen Konflikte der vergangenen Jahre haben diese Entwicklung begünstigt. "Wenn Präsident Mahmud Ahmadineschad vom Recht auf zivile Nutzung der Atomenergie spricht, hat er schnell die Mehrheit der Iraner hinter sich. Das können dieselben sein, die nun aus innenpolitischen oder wirtschaftlichen Überlegungen gegen ihn demonstrieren. Das muss man im Westen akzeptieren", betont der Forscher. FR
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