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20. September 2012

Kalter Krieg: Kulturkampf am Checkpoint Charlie

 Von Uwe Aulich
Düstere Stimmung, hell erleuchteter Todesstreifen. Das Mauer-Panorama des Berliner Künstlers Yadegar Asisi ist ab Sonnabend auf einer Brachfläche an der Friedrichstraße zu sehen. Foto: Yadegar Asisi

Berlin will ein weltweit einzigartiges Museum über den Kalten Krieg aufbauen. Als Erstes eröffnet ein Pavillon. Doch über den Gedenkort gibt es Streit mit dem Bund. Auch ein neues Panorama sucht Publikum.

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Die Fotos sind weltbekannt: Amerikanische und sowjetische Panzer stehen sich am 27. Oktober 1961, kurz nach dem Mauerbau, am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße gegenüber, schussbereit. Eindrücklich erinnerte am Donnerstag Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) an diese dramatische Szene. „Die Welt hielt den Atem an. Der Checkpoint Charlie ist der einzige Ort, an dem sich die Supermächte direkt gegenüberstanden.“

Aus diesem Grund will der Senat den einst legendären Grenzübergang zu einem Museum ausbauen. Das Zentrum Kalter Krieg soll über die Ost-West-Konfrontation informieren und auch erläutern, was die Berliner Mauer mit jetzigen oder früheren Konfliktherden etwa in Afghanistan, Vietnam, Korea und Kuba zu tun hat. Mit der sogenannten Black Box wurde am Donnerstag ein erster Baustein auf dem Weg zu dem in dieser Art weltweit einmaligen Museum fertiggestellt.

Noch gleicht der Checkpoint Charlie eher einem schlechten Rummelplatz. Studenten posieren dort täglich in Militäruniformen und kassieren Geld, wenn sich Touristen mit ihnen fotografieren lassen. An Automaten lassen sich Gedenkmünzen prägen, es gibt Bratwürste. Diesem Rummel und dem privat geführten Mauermuseum Haus am Checkpoint Charlie will die Berliner SPD nun das Museum des Kalten Krieges entgegensetzen. Es gehört zum Gedenkstättenkonzept, das der Senat 2006 verabschiedet hat. Ziel ist es, dass die Erinnerungsorte in der Stadt wie die Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße, der Tränenpalast, die Stasiopfer-Gedenkstätte in Hohenschönhausen und das Alliiertenmuseum einander ergänzen.

Museums-Chefin provoziert

Doch die mitregierende CDU in der Hauptstadt lehnt das Zentrum Kalter Krieg ab. Sie will, dass der Kalte Krieg im Alliiertenmuseum dargestellt wird. Denn sie fühlt sich der umstrittenen Chefin des privaten Mauer-Museums, Alexandra Hildebrandt, eng verbunden.

Doch Hildebrandt provoziert: So stellte sie Ende 2004, getarnt als Kunstaktion, 120 Mauerteile und 1000 Holzkreuze am Checkpoint auf. Kritiker werfen ihr „Effekthascherei“ vor. Als Gegengewicht entstand das Gedenkstättenkonzept.

Berliner Mauer, innerstädtischer Verlauf.
Berliner Mauer, innerstädtischer Verlauf.

In den Berliner Kulturkampf hat sich jetzt auch der Bund eingemischt. In diesem Frühjahr informierte etwa Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) den Regierenden Bürgermeister, dass das Alliiertenmuseum künftig nicht mehr nur eine Einrichtung sein soll, die an die Präsenz der Westalliierten erinnert. Vielmehr soll es mit dem Umzug in das einstige Flughafengebäude in Tempelhof als ein Museum ausgebaut werden, „das den Ost-West-Konflikt, den Kalten Krieg und die deutsche Frage von der Teilung bis zur Wiedervereinigung zum Thema hat“. Der Bund finanziert das Alliiertenmuseum mit jährlich 1,2 Millionen Euro.

Dass in dieser Auseinandersetzung jemand Angst vor einem Zentrum Kalter Krieg hat, dafür hat Wowereit kein Verständnis. Er habe Vertrauen in die Arbeit der Wissenschaftler, die Zeit des Kalten Krieges „in der richtigen Ballance darzustellen“, sagte er am Donnerstag, und schickte diese Botschaft Richtung CDU und Alliiertenmuseum. Der Senat kann auf Unterstützung aus Washington zählen, etwa vom International Cold War Project: Wie dessen Direktor Christian F. Ostermann sagt, biete der Checkpoint Charlie eine einzigartige Möglichkeit, „Sensibilität für und Nachdenken über Geschichte zu entwickeln“.

Schauspiel am Checkpoint Charlie: Zwei Millionen Menschen besuchen jährlich den Ort.
Schauspiel am Checkpoint Charlie: Zwei Millionen Menschen besuchen jährlich den Ort.
Foto: Reuters/Thomas Peter

Das Museum des Kalten Krieges soll auf einem freien Grundstück an der Friedrichstraße entstehen, auf dem der schwarze Pavillon eröffnet hat. Die Brachfläche gehört der irischen Investorengruppe Cannon Kirk. Laut Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) ist mit den Iren vereinbart, dass Berlin für das Museum des Kalten Krieges 3000 Quadratmeter Fläche in dem neuen Gebäude anmietet wird.

Ab 2014 soll es errichtet werden. Solange wird die Black Box stehen bleiben. Wie Schmitz sagte, werde man die CDU von dem Standort durch die Inhalte der Ausstellung überzeugen: „Wenn die Amerikaner keine Ängste haben, dann muss auch die Berliner CDU keine Ängste haben.“

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