kalaydo.de Anzeigen

Kampf gegen Kinderpornografie: Der Teufel steckt in der Datei

Die Bundesregierung will Internetseiten sperren lassen - doch Experten sind überzeugt: Das Vorhaben der Koalition richtet gegen den Kinderporno-Markt im Web nichts aus. Von Jörg Schindler

Ein Fahnder des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt in
Magdeburg sitzt vor einem Computerschirm mit Kinderpornos
Ein Fahnder des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt in Magdeburg sitzt vor einem Computerschirm mit Kinderpornos
Foto: dpa

An starken Worten ließ es Ursula von der Leyen (CDU) zuletzt nicht mangeln. Die Regierung, prophezeite die Familienministerin, werde "die Datenautobahn für Kinderpornografie schließen" und einen millionenschweren Markt torpedieren. Hektisch bastelte ihr Ressort seit Jahresbeginn an einem Gesetzentwurf, am Mittwoch meldete von der Leyen stolz Vollzug: Sieben Eckpunkte für ein Paragrafenwerk haben nun das Bundeskabinett passiert. Das klingt beeindruckend. Ist es aber nicht.

So sehr sich alle wünschen, einen Sumpf trocken zu legen, der sich rapide ausbreitet: Experten bezweifeln, dass man Kinderpornografie mit technischen Sperren im Internet beikommt. Von der Leyen behauptet zwar, "es ist machbar". Aber es dürfte kein Zufall sein, dass die Gesetzes-Eckpunkte die entscheidende Frage nicht beantworten: das Wie. Der Teufel nämlich steckt in der Datei.

Kurzfristig umsetzbar, heißt es bei Internet-Dienstleistern, sei im Grunde nur der Zugriff über DNS-Server - DNS steht für "domain name system". Ein solcher Server funktioniert wie ein Telefonbuch: Gibt ein Nutzer die (fiktive) Internetadresse www.kinderporno.ru ein, "übersetzt" der Server den Namen in Ziffern - die so genannte IP-Adresse - und stellt den Kontakt zur Seite her. Eine Sperre könnte so funktionieren, dass automatisch auf der von der Familienministerin gewünschten Stopp-Seite landet, wer www.kinderporno.ru eintippt (sofern diese Seite zuvor als illegal erkannt und auf dem jeweiligen DNS-Server indiziert wurde). Das klingt einfach, ist aber genauso einfach zu umgehen.

Wer etwa gleich die IP-Adresse wählt und damit das Telefonbuch umschifft, landet sofort wieder auf "Preteen"- oder "Lolita"-Seiten. Man könnte auch einfach einen anderen DNS-Server wählen, rund eine Million gibt es davon weltweit - nur ein winziger Bruchteil davon ist in Deutschland ansässig und damit der hiesigen Rechtsprechung unterworfen. Unzählige andere befinden sich in Staaten, wo Kinderpornografie nicht strafbar ist. Kurzum, sagt der Dresdener Informatik-Professor Andres Pfitzmann: "Wer auf so eine Seite will, findet ganz einfach Wege an jeder Sperre vorbei." Zigtausende Pädophile tauschten ihre Schmuddeldateien ohnehin über "Peer-to-Peer-Netzwerke", die zu blocken unmöglich sei. Wenn überhaupt, werde man mit dem Gesetz die wenigen Unbedarften und Zufalls-Surfer erreichen - "aber wie viele mögen das sein?"

Dazu kommt, dass auch Anbieter von Kinderpornografie, die längst mafiös organisiert sind, nicht schlafen. Deren Server zögen "ständig und automatisiert um", sagt Maritta Strasser vom Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco). Über so genannte Botnetze können sich die Anbieter zudem in Rechner von Kunden einloggen und diese fernsteuern, ohne dass der Benutzer etwas ahnt. "Dahinter steckt eine gewaltige kriminelle Infrastruktur", so Strasser. "Das ist eine Hydra, der ständig neue Köpfe nachwachsen."

Technisch machbar sind zwar auch komplexere Sperren. Je dichter das Netz, desto größer jedoch die Gefahr, dass auch Web-Seiten betroffen wären, die nichts mit Kinderpornografie zu tun haben. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass das häufiger passiert, als es Regierenden und Regierten lieb ist. Wer ist haftbar für womöglich schwer wiegende Eingriffe in Grundrechte? Wo beginnt die Überwachung des Netzes? Wo hört sie auf? Vor allem: Selbst wenn es eine perfekte technische Sperre gäbe, blieben die indizierten Seiten und damit die Vergewaltigung von Kindern bittere Realität.

"Hier wird gerade Wahlkampf gemacht", sagte Professor Pfitzmann der FR. Es sei seltsam: Während nun ein vergleichsweise billiges Gesetz entstehe, kürze der Staat seit Jahren bei der Jugendhilfe, bei der Aufklärung, beim realen Schutz von Kindern. Andere, wie der Hallesche Oberstaatsanwalt Peter Vogt, wundern sich, wieso der Gesetzgeber den bloßen Besitz von Kinderpornografie (maximal zwei Jahre Haft) für lässlicher hält als manch Ladendiebstahl. Wollte man zynisch sein, so Vogt, könnte man den Schluss ziehen, "dass uns eine Tafel Schokolade wichtiger ist als das körperliche Wohl unserer Kinder".

Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  26 | 3 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!