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14. Januar 2013

Kampf um Mali: Operation Buschkatze

 Von Tom Schimmeck
Islamistische Kämpfer in der Stadt Gao in Nord-Mali.  Foto: AFP

Frankreichs Luftwaffe geht gegen die Islamisten im Norden seiner früheren Kolonie vor. Der Alleingang kommt überraschend. Die Rebellen drohen mit Vergeltung.

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Frankreichs Luftwaffe geht gegen die Islamisten im Norden seiner früheren Kolonie vor. Der Alleingang kommt überraschend. Die Rebellen drohen mit Vergeltung.

Die Hubschrauber des 4. Helikopterregiments der Spezialkräfte starteten am Freitagnachmittag Richtung Nordmali. Um 16 Uhr flogen sie den ersten Angriff auf eine Fahrzeugkolonne islamistischer Kämpfer, die aus ihren Hochburgen Timbuktu und Gao Richtung Süden aufgebrochen waren. Nach französischen Angaben wurden vier Fahrzeuge zerstört und so eine Kolonne feindlicher Elemente auf dem Weg nach Kona gestoppt. Ein französischer Soldat wurde von Gewehrfeuer getroffen und starb auf dem Transport nach Mopti. Auch elf malische Soldaten kamen beim Kampf um die Stadt Kona ums Leben.

Weitere Unterstützer

Großbritannien hat der französischen Regierung logistische Unterstützung zugesagt. Premier David Cameron bot dem französischen Präsidenten Hollande bei einem Telefonat am Samstagabend an, für die Militäroperation zwei großer Transportflugzeuge zu entsenden.

Die USA haben offiziell erklärt, dass sie das französische Ziel teilen, „Terroristen einen sicheren Rückzugsort in der Region zu verwehren“. US-Regierungsvertreter sprachen davon, die französischen Truppen eventuell mit Geheimdienstinformationen, logistischem Beistand und Drohnen unterstützen.

Der Senegal und Nigeria haben nach UN-Angaben bereits Soldaten bereitgestellt. Niger und Burkina Faso kündigten an, jeweils 500 Mann spätestens Anfang der Woche nach Mali zu schicken.

Das afrikanische Regionalbündnis Ecowas will Mali spätestens ab Montag mit 3300 Soldaten zu Hilfe kommen. Für Mittwoch hat es zu einer Dringlichkeitssitzung eingeladen.

„Wir mussten schnell handeln, bevor es zu spät ist“, begründete Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian in Paris den Start der nach einer Buschkatze benannten „Operation Serval“. Es würden nun ständig Angriffe geflogen, erklärte er am Sonntag, „jetzt, heute Nacht und auch morgen wird es welche geben“. Das französische Parlament soll an diesem Montag informiert werden. Außenminister Laurent Fabius ergänzte, es gehe der Regierung lediglich darum, eine weitere Destabilisierung Malis zu stoppen und den Aufbau eines „Terroristenstaates“ zu verhindern.

Als Ziele gelten Stellungen und Treibstofflager der Islamisten. Bereits in der Nacht zum Sonnabend hatten vier Mirage-Kampfjets, begleitet von Tankflugzeugen, Stellungen der Islamisten in Nordmali bombardiert. Transport- und acht weitere Kampfflugzeuge stehen im Tschad zum Einsatz bereit. Etwa 200 zusätzliche französische Soldaten wurden aus N’Djamena im Tschad in die malische Hauptstadt Bamako verlegt.

Bündnis radikaler Islamisten

Der Alleingang Frankreichs acht Monate nach dem Amtsantritt von François Hollande kam überraschend. Der Präsident hatte vielfach angekündigt, die traditionelle Interventionspolitik der ehemaligen Kolonialmacht in Afrika beenden zu wollen. Erst Ende Dezember hatte er einen Hilferuf der Regierung der Zentralafrikanischen Republik mit den Worten beschieden: „Diese Zeiten sind vorbei.“

Paris begründet die plötzliche Intervention mit einer Bitte der Interimsregierung von Mali. Nach monatelangem Stillstand in dem seit April faktisch geteilten Land hatte die malische Armee Anfang vergangener Woche Fahrzeugkolonnen islamistischer Rebellen gesichtet. Geheimdienste meldeten, mehrere radikale Gruppen hätten sich zu einer mindestens 1 200 starken Truppe zusammengeschlossen, um den Süden anzugreifen. Verbündet haben sich demnach unter anderem Al Kaida im islamischen Maghreb, die Bewegung für die Einzigartigkeit und Jihad in West Afrika, die in Timbuktu herrschende radikale Tuareg-Gruppierung Ansar Dine und womöglich sogar die Boko-Haram-Islamisten aus Nigeria. Gegen das Terrorbündnis kämpfte tagelang die malische Armee auf zunehmend verlorenem Posten. Am Donnerstag eroberten die Islamisten den Ort Kona, nur gut 50 Kilometer von Mopti entfernt, der wichtigsten Stadt vor der Grenze zum islamistisch kontrollierten Territorium. Malis Armee nahm Reißaus. Bedroht waren auch das Armeequartier und die Landebahn nahe des Ortes Sévaré – ein wichtiger Stützpunkt für eine Rückeroberung des Nordens.

Als ein Vormarsch auf die Hauptstadt Bamako nicht mehr ausgeschlossen schien, rief Malis Interimpräsident Dioncounda Traoré die frühere Kolonialmacht zu Hilfe. Diese hörte prompt.


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Am Donnerstag wurden französischen Truppen in Sévaré abgesetzt und französische Hubschrauber aus dem benachbarten Burkina Faso herbeibeordert. Schon am Sonnabend war Kona nach schweren Gefechten wieder in der Hand malischer Truppen. Augenzeugen berichteten von Dutzenden Toten, darunter viele Männer mit Turbanen und arabischen Tuniken. Auch die malische Armee räumte beträchtliche Verluste ein. Präsident Traoré verkündete noch am Freitagabend in einer Fernsehabsprache eine Generalmobilmachung und verhängte den Ausnahmezustand. Er rief Mali zur Einheit auf.

Rückeroberung hat begonnen

Bisher verfolgte die internationale Staatengemeinschaft – darunter auch Frankreich und Deutschland – einen anderen Plan. Im Dezember hatte der UN-Sicherheitsrat eine afrikanisch geführte internationale Unterstützungsmission in Mali, abgekürzt Afisma, beschlossen. Die westafrikanische Staatengemeinschaft soll etwa 3300 Soldaten nach Mali entsenden, die Order haben, den besetzen Norden zurückzuerobern. Die EU sollte lediglich der kampfschwachen, demoralisierten und unterbezahlten malischen Armee mit einer Trainingsmission von etwa 200 Soldaten auf die Füße helfen. Als Kommandeur der EUTM Mali ist der französische General François Lecointre benannt. Eine ähnliche Mission gibt es bereits seit 2010 in Uganda. Dort werden somalische Rekruten für den Kampf gegen die al-Schabaab-Milizen in ihrer Heimat ausgebildet.

Doch die bisher verfolgte Strategie gegen die Islamisten war im UN-Sicherheitsrat stark umstritten. Während Frankreich Druck für einen baldigen Einsatz entfaltete, äußerten etliche Staaten Zweifel an Truppenstärke und Einsatzkonzept der Westafrikaner. Susan Rice, UN-Botschafterin der USA, erklärte den Plan schlicht für „Mist“. „Das wird böse werden und es stehen chaotische Wochen bevor“, warnte ein hochrangiger UN-Sicherheitsratsvertreter am Wochenende in New York. Frankreich hat für Montag eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats zu Mali einberufen. Bei dem Treffen in New York solle über die Lage in dem westafrikanischen Land gesprochen werden, sagte ein Sprecher der französischen UN-Vertretung am Sonntag.

Der Alleingang Frankreichs hat den bislang gemächlichen Vorbereitungen zur Rückeroberung der riesigen Region Nordmali enormen Schub verliehen. Der Exekutivpräsident der Afrikanischen Union (AU), Thomas Boni Yayi aus Benin, appellierte an die Nato, in Mali an der Seite der afrikanischen Brüder zu kämpfen. Aus London kam Lob für den Einsatz und die Zusage militärischer Hilfe mit Transportflugzeugen. Die USA bieten den Einsatz von Drohnen zur Überwachung und Aufklärung in Nordmali an. Die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas kündigte an, die ersten Truppen sofort zu stationieren. Der Senegal und Nigeria sollen nach UN-Angaben bereits Soldaten bereitgestellt haben. Niger und Burkina Faso kündigten an, jeweils 500 Mann spätestens Anfang der Woche nach Mali zu schicken. „Die Sache beschleunigt sich“, verkündete überschwänglich Ally Coulibaly, Minister der Elfenbeinküste, die derzeit den Ecowas-Vorsitz hält. „Die Rückeroberung Nordmalis beginnt.“

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