Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

24. September 2012

Kanzler Helmut Kohl: Ein gnädiger Hauch von Vergessen

 Von Daniela Vates
Da war man noch innig beieinander: Angela Merkel im Mädchen-Kleid und Helmut Kohl mit Welterklärer-Miene im Jahr 1992. Foto: dpa

Vor dreißig Jahren ist Helmut Kohl zum ersten Mal Kanzler geworden. Die CDU wird ihn feiern. Angela Merkel, Kohls Bezwingerin, lächelt souverän.

Drucken per Mail

Nun wird Helmut Kohl also eine Briefmarke. Nicht die teuerste, aber die gängigste: die 55-Cent-Variante für Standardbriefe. Als „Kanzler der Einheit – Ehrenbürger Europas“ kann er ab Mitte Oktober verschickt werden, ein riesiger Mann geschrumpft auf ein, zwei Quadratzentimeter.

Ausgedacht hat sich das die CDU oder vielmehr: die Junge Union. Kohl darf wegen der Spendenaffäre nicht mehr Ehrenvorsitzender sein. Jetzt gibt es diese andere Art der Huldigung, und obwohl sie so winzig ist, ist es eine besondere: Lebende Personen haben es bisher kaum auf deutsche Briefmarken geschafft. Nur Papst Benedikt und Jean Monnet ist das gelungen. Und jetzt Helmut Kohl.

Präsentiert wird die neue Marke am Donnerstag. Zwei Wochen vor dem Erscheinungsdatum wird Angela Merkel das erste Exemplar Helmut Kohl überreichen. Die neue CDU trifft auf die alte. Die Kanzlerin auf den Altkanzler. Die Geförderte auf den Gestürzten. Der Euro-Miterfinder auf die Frau, die jetzt mit seinen Geburtsfehlern kämpfen muss.

Hoch soll er leben

Merkel wird eine Rede halten, die CDU wird Kohl hochleben lassen: Vor 30 Jahren ist Helmut Kohl erstmals Bundeskanzler geworden. Nachdem die FDP mitten in der Wahlperiode aus der sozialliberalen Koalition ausgeschieden war, wurde er am 1. Oktober 1982 im Bundestag gewählt. Das geschah durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag gegen den SPD-Mann Helmut Schmidt. Er blieb 16 Jahre im Amt, vier Mal wählten ihn die Deutschen zum Kanzler, das ist immer noch Rekord.

Die CDU feiert also den Beginn der Ära Kohl und sie tut es zwei Tage lang. Am Dienstag nimmt Kohl zum ersten Mal seit seinem Ausscheiden aus dem Parlament vor zehn Jahren an der Sitzung der Bundestagsfraktion teil. Am Donnerstag gibt es Festakt und Briefmarke im Lichthof des Historischen Museums in Berlin.

Es ist ein Innehalten in der Hektik der Finanzkrise, willkommen womöglich, ganz unabhängig von Kohl. Viel hat es ja nicht zu feiern gegeben für die CDU in letzter Zeit. Zwar sind die Umfragewerte nicht schlecht. Aber viele Landtagswahlen sind verloren gegangen, die Koalition läuft so gar nicht rund. Es ist keine schlechte Zeit, um ein kleines Fenster in die Vergangenheit zu öffnen, zurückzublicken auf glorreiche Tage, sich wieder ein bisschen als Familie zu fühlen. Es gibt auch zwei strategische Komponenten: Es ist eine Erinnerung für all jene in der Partei, die den Euro gerade als Problem empfinden – daran, dass die CDU es war, die ihn gewollt hat. Außerdem ist in einem Jahr Bundestagswahl, und unter den Wählern gibt es auch Kohl-Fans.

Einige Kohlianer gibt es noch heute

Für einen gnädigen Moment kann eine Partei auf diese Weise auch ein bisschen was vergessen: das Ende der Ära Kohl 1998 mit einer krachenden Wahlniederlage, die Enthüllungen über die Parteispenden sowie Kohls Weigerung, die Spender zu nennen, die ihm für die CDU unter der Hand Millionen hatten zukommen lassen.

Angela Merkel war damals CDU-Generalsekretärin. Sie tat, was sich sonst keiner traute in der Partei, die Kohl noch länger geführt hatte als das Land, nämlich 25 Jahre: Sie forderte die CDU auf, sich von ihrem Chef, der damals schon ein Ex-Chef war, zu lösen. „Die Partei muss laufen lernen“, schrieb sie. Kohl riet sie, den Ehrenvorsitz der CDU niederzulegen. Merkel hat damals einen Prozess des Erwachsenwerdens beschrieben. Wie in der Pubertät müsse die CDU eigene Wege suchen. Das werde „nicht ohne Wunden, ohne Verletzungen“ gehen. Aber die CDU werde „trotzdem immer zu dem stehen, der sie ganz nachhaltig geprägt hat, vielleicht später sogar wieder mehr als heute“.

Dreizehn Jahre sind seitdem vergangen. Es ist fast so gekommen, wie Merkel es beschrieb. Die CDU lädt Kohl inzwischen wieder ein. Dennoch ist da mehr Fremdheit als Nähe. Das liegt an der CDU. Und es liegt auch an Kohl.

Die CDU ist inzwischen Merkels CDU. Zwölf Jahre hält sie sich nun an der Spitze der Partei. Sieben Jahre ist sie Kanzlerin. Sie ist Umfragekönigin, sie sitzt deutlich fester im Sattel als Kohl nach sieben Jahren im Kanzleramt. Als Kohl sieben Jahre regierte, war die Unzufriedenheit in der CDU so groß, dass sich Putschisten zusammenschlossen. Auch in der Partei sagen viele, nur wegen der Wiedervereinigung habe Kohl damals erneut gewinnen können.

Eine Weile hat Kohl noch versucht, gegen seine Erbin zu arbeiten. Aber dazu braucht man Truppen. Inzwischen ist nicht nur Kohl aus dem Bundestag ausgeschieden, auch die meisten seiner politischen Weggefährten. Manche andere sind noch da, haben aber mit Kohl gebrochen wie Wolfgang Schäuble. Oder sie sind, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann oder Kohls Ex-Generalsekretär Peter Hintze, so ins System Merkel eingebunden, dass ihnen deren Fall selbst schaden würde.

Vor zehn Jahren seien im Bundestag noch um die 20 ergebene Kohlianer gewesen, schätzt man im Merkel-Lager. Sie haben 2004 neben der FDP dazu beigetragen, dass Merkel Wolfgang Schäuble nicht als Bundespräsident nominierte. Drei bis fünf Kohlianer gebe es noch heute. Der Junge-Unions-Chef Philipp Mißfelder gehört dazu, der seine Leute schon früh „Mein Idol ist Helmut Kohl“ skandieren ließ. Mißfelder ist gut vernetzt, er ist einer der wenigen, die Kohl noch an sich heran lässt. Aber ein Mißfelder reicht nicht.

Selbst wenn er wollte, könnte der Altkanzler nicht mehr viele Strippen ziehen. Zumindest keine, an denen etwas hängt. Die versprengten Merkel-Kritiker versuchen zudem nicht einmal, sich mit Kohl eine Identifikationsfigur geben. Wenn in der CDU nach jemandem anderen gerufen wird, dann ist es der in die Wirtschaft abgewanderte Bierdeckel-Steuer-Zauberer Friedrich Merz.

Die CDU hat vorsichtig versucht, sich Kohl wieder anzunähern. Oder ihm das Gefühl von Nähe zu geben. Die Partei ist für Kohl wichtig gewesen. In seinen Erinnerungen betont er, wie sehr die CDU für ihn eine Heimat war. Vielleicht war sie es sogar mehr als die eigene Familie.

Spenden anzunehmen war "ein Fehler"

Die Feiern zum 70. Geburtstag kurz nach der Spendenaffäre hatte man noch abgeblasen. Zum 75. gab es einen großen Empfang in Berlin, zum 80. Geburtstag pilgerte man nach Rheinland-Pfalz. Kohl wurde zu Parteitagen eingeladen. Vor zwei Jahren hat Merkel Kohl zu Hause in Oggersheim besucht, es gab Fotos mit den beiden auf der Terrasse, wo sie freundlich schauen.

Kohl ist also wieder dabei, und er ist es doch gleichzeitig nicht. Die Nähe ist eine distanzierte, und das liegt nicht nur an der CDU und Merkel, sondern auch an Kohl selbst. Nachdem sich die Partei von ihm distanziert hat, hat er sich auch von der Partei distanziert. „Ich komme mir manchmal vor wie ein Aussätziger, den man wegen seiner gefährlichen ansteckenden Krankheit fürchtet und meidet“, hat Kohl in seinen Memoiren über seine Gefühle in Zeiten der Spendenaffäre geschrieben. Kriminalisiert habe er sich gefühlt, verleumdet. Dass er illegale Spenden angenommen habe, sei ein Fehler gewesen, das habe er ja eingeräumt.

Kohl hat sich dann mehr und mehr zurückgezogen. Es kam viel zusammen. Der Jobverlust. Die Bitterkeit. Die Enttäuschung. Der Tod seiner Frau Hannelore. Es ist viel zerbrochen in Helmut Kohls Leben.

160 Kilo Brüllen

Und es zerbrach noch mehr. Zwar heiratete er wieder, die einstige Kanzleramtsmitarbeiterin Maike Richter, 35 Jahre jünger als er. Aber er brach mit seinen Söhnen Walter und Peter. Seine Frau entließ seinen Chauffeur Eckhard Seeber, der ihn jahrzehntelang gefahren hatte. Seeber sagt, er könne sich das nicht erklären. Der letzte Rest einer heilen christdemokratischen Helmut-Kohl-Welt schwand dahin, auch das ist ein Grund, warum die CDU weiter fremdelt mit ihrem Altkanzler.

In der CDU geben sie Maike Richter die Schuld. Sie schirmt Kohl ab. Vielleicht ist es wirklich ihre Entscheidung. Vielleicht seine. Kohl hat sich ja auch früher barsch von denen abgewandt, die ihn enttäuscht hatten oder die er nicht mehr brauchte. „Wenn er den Stab über jemanden gebrochen hatte, war Schluss mit lustig“, sagt einer aus der CDU.

Nun ist Kohl außerdem schwer krank. Von einem Schädel-Hirn-Trauma nach einem Sturz war die Rede. Das Sprechen fällt ihm seitdem schwer. Seit einigen Jahren sitzt der heute 82-Jährige im Rollstuhl, er wirkt wie versteinert. Für öffentliche Auftritte, wie sie sein 93-jähriger Vorgänger Helmut Schmidt absolviert, fehlt ihm wohl schlichtweg die Kraft.

„Wenn er sich einmischen würde, würde er erwarten, dass man auch auf ihn hört“, heißt es in der CDU. So war es in der ersten Zeit nach der verlorenen Bundestagswahl, als Kohl den Parteivorsitz an Wolfgang Schäuble übergeben hatte und trotzdem munter weiter bestimmen wollte. In absurder Weise war die Spendenaffäre also vielleicht sogar eine Art Glücksfall für die CDU, weil sie einen klaren Schnitt erlaubte. Patriarchen sind ja nicht immer angenehm.

Merkel hat anders weitergemacht. Das fing bei den Umgangsformen an. Kohl war aufbrausend, Merkel ist kühl. „Kohl hat seinen ganzen Körper eingesetzt für Machtdemonstrationen. 160 Kilo Brüllen – da sagen Sie nichts mehr“, sagt einer, der das erlebt hat.

Merkel ist wendiger

Brüllen, das hat man von Merkel noch nicht gehört. Sie ist nicht so leidenschaftlich wie ihr Vorgänger, das fehlt ihr manchmal, wenn sie ihre Politik begründen muss. Aber sie ist auch nicht so leidenschaftlich feindselig. Wenn sie genervt ist, rettet sie sich in Spott. Sie ist geselliger geworden mit den Jahren, das liegt vermutlich daran, dass sie sicherer geworden ist, dass die Konkurrenten sich erledigt haben und sie nicht mehr nur wachsam sein muss.

Und auch die CDU hat sich geändert. Unter Merkels Führung erweiterte die Partei ihren Familienbegriff, entdeckte ihr Herz für Kitas, trennte sich von Wehrpflicht und Atomenergie. Das wenigste davon war geplant, manches wie die Atomwende kam gar über Nacht. So wendig wäre Kohl wohl nicht gewesen. Manchmal wird Merkel diese Wendigkeit zum Vorwurf gemacht. Genauso wie sie in der CDU manchmal die langen Linien vermissen, an die sie sich bei Kohl zu erinnern glauben. Dafür kennt Merkel die Aktendetails besser.

Ab und zu hat Kohl noch versucht, sich einzumischen. Vor zwei Jahren hat Kohl bei einer Parteiveranstaltung zum 20. Jahrestag der Vereinigung von CDU West und Ost gesprochen. Er hat die Partei gewarnt, sie müsse erkennbar bleiben. Man konnte es als Angriff verstehen. Merkel saß in der ersten Reihe und klatschte. Im vergangenen Jahr beklagte der Altkanzler in einem Interview, der Regierung fehle der politische Kompass. Keiner der Auftritte hat ihr geschadet.

Wie es der Zufall will, feiert die Partei ausgerechnet in dieser Woche Schäubles 70. Geburtstag – einen Tag nach Kohls Auftritt in der Fraktion und einen Tag vor dem Festakt. Kohl ist in der Stadt, aber er hat entschieden, nicht zu erscheinen.

Am nächsten Tag bekommt er seine Briefmarke. Sie wird zwei Monate lang für sich stehen. Ab dem 1. Januar 2013 erhöht sich das Porto der Standardbriefe voraussichtlich auf 58 Cent.

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Umfrage

Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Dabei setzen wir auf Sie, liebe Leserinnen und Leser - und Ihre Beteiligung an einer wissenschaftliche Studie der Universität Köln.

FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

STUDIE! Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Nehmen Sie teil an unserer Umfrage!

Videonachrichten Politik
Meinung