Völlig überraschend nutzte die Kanzlerin am Dienstag eine Pressekonferenz in Berlin für eine deutliche Mahnung an Papst Benedikt XVI. Wenn durch eine Entscheidung des Vatikan der Eindruck entstehe, dass der Holocaust geleugnet werden könne, dürfe dies nicht ohne Folgen im Raum stehen bleiben, sagte sie nach einem Treffen mit dem kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Und weiter: "Es geht darum, dass vonseiten des Papstes und des Vatikan sehr eindeutig klargestellt wird, dass es hier keine Leugnung geben kann." Diese Klarstellung sei aus ihrer Sicht "noch nicht ausreichend erfolgt".
Merkel fügte ihrer scharfen Kritik hinzu, es sei normalerweise nicht ihre Aufgabe, innerkirchliche Entscheidungen zu bewerten. Bei Grundsatzfragen sei das aber etwas anderes. In der aktuellen Debatte gehe es um die Leugnung des Holocaust und grundsätzliche Fragen des Umgangs mit dem Judentum. Merkel begrüßte als protestantische Christin, dass auch in der katholischen Kirche "viele Stimmen" eine Klarstellung seitens des Papstes forderten. "Das finde ich sehr ermutigend."
Anlass ist die Debatte über die Rücknahme der Exkommunikation von vier Traditionalisten-Bischöfen der Piusbruderschaft; darunter ist der Holocaust-Leugner Richard Williamson.
Der Vatikan hatte zuvor deutlich gemacht, dass er die Stellungnahme Benedikts zu dem Fall für ausreichend hält. Der Papst selbst habe sich am Mittwoch klar dazu geäußert, "die Angelegenheit ist aus meiner Sicht beigelegt", sagte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, eine Art Regierungschef des Vatikan. Die Pius-Priesterbruderschaft habe sich von Äußerungen ihres Mitbruders Williamson distanziert und den Papst "für diese unerfreuliche Episode um Verzeihung gebeten", sagte Bertone der italienischen katholischen Zeitung Avvenire. Benedikt und allen seinen Mitarbeitern liege auch künftig an guten Beziehungen zum Judentum.
Ein weiterer Vatikan-Vertreter, der deutsche Kardinal Walter Kasper, sprach von "Fehlern im Management der Kurie". Er äußerte sich zutiefst besorgt über die durch die Rücknahme der Kirchenstrafe ausgelöste Debatte und sprach von einem entscheidenden "Mangel an Kommunikation im Vatikan". Am Montag hatte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann eine "Entschuldigung von hoher Stelle" verlangt und von einer Katastrophe für alle Holocaust-Überlebenden gesprochen. fr/dpa/ap
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