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Politik
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29. September 2012

Kanzlerkandidat Steinbrück: Ein Duellant namens Peer Steinbrück

 Von Steffen Hebestreit und Markus Sievers
Vom Beelzebub der SPD zum Hoffnungsträger: Steinbrück ist in seinem Leben viel gewesen.  Foto: dpa/Sebastian Kahnert

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kommt bei den Bürgern deshalb gut an, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt. Dieser Mangel an Diplomatie galt lange als Hindernis für seine Kandidatur.

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Berlin –  

Es ist Freitagnachmittag, die September-Sonne taucht Berliner-Kreuzberg in ein angenehm mildes Licht, eine hektische Parlamentswoche geht zu Ende. Die Hauptstadt will eigentlich in die Herbstferien starten. Doch vorher ist noch was, die Kür von Peer Steinbrück.

Der Kandidat steht im Scheinwerferlicht, sein Gesicht ist angespannt, die Lippen fest aufeinandergepresst. Ganz so, als wolle sich Peer Steinbrück seine Genugtuung verkneifen, als müsse er weiterhin so tun, als wäre er noch Kandidatenkandidat. Aber nun ist das Versteckspiel vorüber. Drei Jahre und einen Tag nach jener desaströsen Wahlniederlage der Sozialdemokratischen Partei Deutschland hat die SPD wieder einen Kanzlerkandidaten, der die Partei in ziemlich genau einem Jahr zurück an die Regierung führen soll.

Es wird ein langes Jahr, das weiß Steinbrück. „Man darf einen Kandidaten nicht zu lange laufen lassen“, hat er vorige Woche dem Magazin Spiegel gesagt. „Der wird an der Wand entlanggezogen, der wird zersägt, wieder zusammengeklebt, wieder auseinandergenommen, und zwar von den politischen Kontrahenten und Ihrer Branche.“ Zu diesem Zeitpunkt weiß Steinbrück bereits, dass er gewonnen hat. Dass er eben jener Kandidat sein wird. Zersägen, zusammenkleben, auseinandernehmen − Steinbrück genießt das Spiel mit der Sprache, und er mag auch Duell-Situationen. Im Sport ist er kein Teamspieler, er bevorzugt Tennis und Schach, er braucht ein direktes Gegenüber, an dem er sich messen, das er übertrumpfen kann.

Etwas eitel und immer eigenständig

Sein Gegenüber heißt künftig Angela Merkel. Die Kanzlerin, die vier Jahre lang von seinem finanzpolitischen Sachverstand, seinem Pragmatismus und seiner Verlässlichkeit profitiert hat. Die ihn schätzte als klugen, wenn auch etwas eitlen, aber immer eigenständigen Kopf im Finanzressort. Eine Kanzlerin, die sich selten in Duelle zwingen lässt, sondern ihre Gegner eher durch Nichtbeachtung auflaufen lässt. Oder, wenn das nicht geht, ihnen durch Umarmung die Luft abschnürt.

Steinbrück hat dieses Duell gewollt, unbedingt gewollt. Mehr als Frank-Walter Steinmeier oder Sigmar Gabriel. Er, der eigentlich schon abgeschrieben war, der nach der Wahlniederlage von 2009 schonungslos mit seiner Partei und der dortigen Funktionärsschicht abrechnete, der Jüngeren Platz machen und aus der ersten Reihe der Politik ausscheiden wollte, fängt mit knapp 66 Jahren neu an.

Im Leben ist er schon viel gewesen: Bundesfinanzminister, Ministerpräsident, Landesminister und Staatssekretär in Düsseldorf und Kiel, er hat das Büro von Johannes Rau geleitet, als Referent im Bundesforschungsministerium gearbeitet, zwei Jahre bei der Bundeswehr verbracht. Jetzt greift der Vater dreier erwachsener Kinder nach dem Kanzleramt.

Dabei ist dieser Kandidat eigentlich die Erfindung eines Journalisten. Im Jahr 2010 wirft Christoph Schwennicke im Spiegel die Frage auf: „Warum nicht Steinbrück?“ Zum damaligen Zeitpunkt eine kühne Frage. Dass Steinbrück der Kandidat der SPD werde, sei etwa so wahrscheinlich wie Thilo Sarrazins Berufung zum Integrationsbeauftragten von Neukölln, schrieb diese Zeitung. So aberwitzig, so unwahrscheinlich erschien diese Idee damals.

Steinbrück war so etwas wie der Beelzebub der SPD, der Nörgler und Agenda-Mann, obwohl er gar nicht an der Agenda beteiligt war. Und so einen als Kanzlerkandidaten? Niemals. Steinmeier war viel beliebter im Volk, Gabriel in der Partei. Und doch steht der Finanzfachmann Peer Steinbrück zwei Jahre später, an diesem 28. September 2012, im Willy-Brandt-Haus und verspricht „das Maximum für die SPD“ im Wahlkampf. Er spricht von der Herausforderung, die eine Kandidatur bedeute, und davon, diese Bundesregierung ablösen zu wollen. Nicht nur teilweise abzulösen, sondern durch eine rot-grüne Regierung zu ersetzen.

Das hört sich ganz nach dem Comeback-Kid an, als das ihn einer seiner Biografen beschreibt. Als einer, der aus schier ausweglosen Situationen zurückgekehrt ist. 2005 fährt Steinbrück als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen eine historische Niederlage ein, die nicht nur fast vier Jahrzehnte SPD-Herrschaft an Rhein und Ruhr beendet, sondern zugleich das Ende der rot-grünen Koalition im Bund einläutet. Nach den vorgezogenen Neuwahlen nimmt ihn der damalige SPD-Chef Franz Müntefering am Rande einer Vorstandssitzung beiseite.

„Peer“, sagt Müntefering, „du musst das jetzt machen: Finanzminister.“ Vorbereitet auf diese Aufforderung war Steinbrück nicht. Behauptet er. Doch er sagt zu, bespricht sich nicht mal mit seiner Frau, einer Biologie-Lehrerin aus Bad Godesberg, die nicht begeistert davon gewesen sein soll, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Egal, die Wahlschlappe in Düsseldorf erweist sich als Sprungbrett für eine bundespolitische Karriere.

Als Bundesfinanzminister fällt der hanseatische Bürgersohn zunächst mit seiner Schnoddrigkeit, seinem beißenden Spott auf, Und mit seinen klaren Worten. Wie 2007 in einem jener Zeitungsinterviews, wie sie Minister üblicherweise in den ruhigen Sommermonaten geben. Steinbrück ist frisch aus dem Urlaub zurückgekehrt, verteidigt ein bisschen seine Sparpolitik und zieht über die politischen Gegner her.

Plötzlich fällt das Stichwort SPD. Jetzt verzieht sich sein Mund zu einem dünnen Strich, der ganze Körper lehnt sich vor, Steinbrück in Angriffsmodus: Er ledert in der Frankfurter Rundschau los gegen die eigene Partei, die sich den Sommer über fetzt um die Zweifel an der Agenda 2010 und das Erbe Gerhard Schröders. „Den Leuten kommen mir im Moment wie Heulsusen vor“, zischt Steinbrück. „Wir ziehen einen Flunsch wegen der Popularität der Kanzlerin. Wir gucken verkniffen auf das Phänomen der Linkspartei.“ Und die Partei heule ein bisschen über Hartz IV.

Mit Kavallerie und Philippika

Sätze wie Stockschläge für die Parteifreunde. Sätze, die ankommen bei den Bürgern, weil da eben einer kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern offen und ehrlich ausspricht, was er denkt. Die Philippika ist in der Partei unvergessen – und gilt lange als großes Hindernis für eine Kanzlerkandidatur. Es mag manches über die Leidensfähigkeit der SPD aussagen, dass sie nun Steinbrück auf den Schild hebt. Und man mag bang fragen, ob das funktionieren kann, ein Kanzler ohne Sprechblasen, so offen und geradeheraus, dass es schnell undiplomatisch werden kann.

Denn auch auf internationalem Parkett hält sich der Minister Steinbrück nicht immer an die Etikette. Der Schweiz droht er im Kampf gegen deutsche Steuerhinterzieher schon mal mit der Kavallerie, ohne jede Sensibilität gegenüber dem kleinen Nachbarland. Als Steinbrück bei einem Treffen mit der französischen Regierung deren lasche Haushaltspolitik kritisiert, springt Präsident Nicolas Sarkozy auf: „Was fällt Ihnen ein, in diesem Ton mit mir zu reden?“ Sarkozy beschwert sich bei der Kanzlerin und will mit Steinbrück nie wieder zusammentreffen.

Für seine Kanzlerkandidatur hat Steinbrück zuletzt hart an sich gearbeitet und seine Themenpalette verbreitet. Er spricht nicht nur über den Euro und die Finanzkrise, sondern liefert neuerdings eine größere sozialdemokratische Erzählung, in der viel von Gerechtigkeit die Rede ist, von Teilhabe und Mitbestimmung, von Mindestlohn und Gleichberechtigung. Zugleich verkneift er sich manche Spitze gegen innerparteiliche Gegner.

In Helmut Schmidt und Gerhard Schröder findet er prominente Fürsprecher. Sie halten den kantigen Mann, der eine Schwäche für Nashörner hat, für die beste Besetzung, eben weil er über das enge sozialdemokratische Milieu hinaus Wähler der Mitte ansprechen könnte. „Es hat sich wieder einmal bewahrheitet“, sagt Sigmar Gabriel bei der Kür Steinbrücks am Freitag, „am Ende behält in der SPD Helmut Schmidt eben immer recht.“

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