Auf den Boykott des Angeklagten folgt zum Prozess-Beginn in Den Haag die Vertagung: Wie zuvor angekündigt, hatte sich Karadzic geweigert, vor dem UN-Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag zu erscheinen. Er blieb in seiner Zelle des Untersuchungsgefängnisses. Am Dienstag soll nun die zusammengefasste Anklage wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in elf umfangreichen Fällen verlesen werden.
In verschiedenen Rollen
Im niederländischen Den Haag hat der Prozess vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien ohne den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic begonnen. Er blieb in seiner Zelle. "Ich stelle fest, dass Herr Karadzic nicht anwesend ist", sagte der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon. Der Angeklagte habe sich trotz einer dringenden Aufforderung des Gerichtshofes entschieden, nicht an der Eröffnungssitzung teilzunehmen. Das Verfahren werde dennoch weitergeführt, über Karadzics Vertretung sei später zu entscheiden.
Die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff beantragte im Namen der Anklage, dass Karadzic das Recht entzogen wird, sich selbst zu verteidigen. Das Gericht müsse stattdessen einen Pflichtverteidiger für ihn bestellen. Karadzic versuche mit einer Blockadehaltung, den Prozess gegen ihn massiv zu behindern. Dies dürfe nicht hingenommen werden.
Karadzic muss sich in elf Anklagepunkten vor dem UN-Tribunal verantworten, darunter Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord während des Bosnien-Kriegs (1992-1995). In dem Krieg starben mehr als 100.000 Menschen.
Die Anklage wirft ihm vor, einen Plan zur "ethnischen Säuberung" von Teilen Bosnien-Herzegowinas entwickelt zu haben. Karadzic soll dabei eng mit seinem Armeechef Ratko Mladic und dem ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic zusammengearbeitet haben. Milosevic starb am 11. März 2006 wenige Wochen vor Prozessende in seiner Zelle im UN-Gefängnis von Den Haag. Mladic ist nach wie vor flüchtig.
In der Anklageschrift heißt es, die bosnisch-serbischen Führer hätten mit "Verfolgungen und Terrortaktiken" sowie "der Vertreibung und der Vernichtung hilfloser Menschen" einen großserbischen Staat errichten wollen.
Die Vorwürfe gegen Karadzic beziehen sich unter anderem auf die 44-monatige Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995, während der rund 10.000 Menschen ums Leben kamen, und auf das Massaker an mehr als 7000 muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica im Juli 1995.
Die Inhaftierung tausender bosnischer Muslime und Kroaten in Lagern der Region Prijedor wird ihm außerdem zur Last gelegt. Die dortigen "schrecklichen und unmenschlichen" Bedingungen seien zur "physischen Zerstörung" der Insassen bestimmt gewesen. Verantwortlich gemacht wird er auch für die Geiselnahme von mehr als 200 Blauhelm-Soldaten und UN-Beobachtern im Mai und Juni 1995.
Der 64-Jährige wurde im Juli 2008 nach einem 12 Jahre währenden Versteckspiel in der serbischen Hauptstadt Belgrad gefasst. Im Falle einer Verurteilung muss Karadzic mit lebenslanger Haft rechnen. Da ihm die Völkermord-Anklage zu umfangreich ist, hat Karadzic den Gericht mitgeteilt, dass er das Verfahren boykottieren werde. (afp/dpa)
Interaktive Grafik: Der Prozess gegen Radovan Karadzic
Drei Männer schauten grimmig und ließen minutenlang die Läufe ihrer Maschinenpistolen kreisen. Ein Hauch von Hajdukentum, Revolution und Befreiungskrieg wehte über die schäbige Terrasse seiner Residenz, wenn Radovan Karadzic im Bergdorf Pale auf die Bühne trat. Der "Präsident" liebte den großen Auftritt.
Die Welt durfte ihn in den verschiedensten Rollen erleben: Als ungehaltenen Unterhändler bei den Bosnien-Gesprächen in Genf, wo er oft bis Mittag im Bademantel beim Kartenspiel saß, als charmanten Gastgeber von Ex-US-Präsident Jimmy Carter und dessen Gattin Rosalynn in Pale und zuletzt als weißbärtigen Naturdoktor in Belgrad.
Auf Völkermord lautet die Anklage; die Richter in Den Haag müssen entscheiden, ob sie einen Massenmörder oder doch nur einen Schmierenkomödianten vor sich haben. Gerade fünf Jahre, von 1990 bis 1995 währte die politische Karriere des Tausendsassas aus Sarajewo, der sich zuvor als Mode-Psychiater für die Elite des Landes und als Dichter serbischer Heldenlieder einen Namen gemacht hatte.
Als die Serbische Demokratische Partei in Bosnien einen Vorsitzenden suchte, war der launische Star nur vierte Wahl. Zum Strategen reifte er nie: Die Macht in seiner "Republik Srpska" lag teils bei der Armee unter Ratko Mladic und damit in Belgrad, das sie finanzierte, teils bei den lokalen Parteichefs. Zuletzt hörte nur noch die Bergstation des Skilifts von Jahorina auf Karadzics Kommando.
Geboren 1945 in den Bergen von Montenegro, kam der älteste Sohn eines Schusters 15-jährig nach Sarajewo, die muslimisch geprägte Stadt, wo Serben wie die Karadzics als Landeier galten. Hier schloss er das Gymnasium ab und studierte Medizin.
Nach einem Postgraduate-Aufenthalt in New York und einer ersten Stelle in Zagreb kam er nach Belgrad, wo er den nationalistischen Romancier und Dissidenten Dobrica Cosic kennenlernte. Für die Politik aber, das Bohren dicker Bretter, schien der sprunghafte Bosnier nicht geschaffen. Er kehrte zurück nach Sarajewo, wo er als Psychiater tätig war.
Nach einer Rede während der Studentenproteste 1968, mit der er angeblich ins Visier des Geheimdienstes geriet, blieb Karadzic politisch untätig. Erst als Parteichef stilisierte er sich zum kirchentreuen Konservativen.
Wirklich groß wurde der Laiendarsteller erst, als die ganze Welt mit ihm verhandelte. Zweimal scheiterte ein Friedensplan, dem Karadzic schon zugestimmt hatte, an den wirklich Mächtigen in der Republik. Während er am grünen Tisch pokerte, "säuberten" Armee, Freischärler und zivile Behörden den serbisch gehaltenen Teil Bosniens systematisch von Muslimen und Kroaten. Der "Präsident" war dabei für die Sprüche zuständig.
Berühmt wurde sein Satz, ein gemeinsamer Staat für Serben und Muslime sei so etwas wie ein "gemeinsamer Käfig für Katzen und Hunde". Das Wort von der "ethnischen Säuberung", das ihm zugeschrieben wird, hat er aber nie in den Mund genommen.
Nachdem ihn US-Unterhändler Richard Holbrooke 1996 zum Rückzug aus der Öffentlichkeit zwang, wurde Karadzic zum Mythos. Nicht ohne sein Zutun: Er schrieb Briefe an den Patriarchen in Belgrad und veröffentlichte einen Gedichtband.
Immer wieder tauchten in Bosnien Konterfeis des Gesuchten auf; täppische Suchaktionen machten die internationalen Truppen zum Gespött. 2008 verhaftete ihn die serbische Polizei: Karadzic hatte zuletzt, als Alternativmediziner verkleidet, Vorträge über Naturheilkunde gehalten. Von einer Hauptrolle - wie sie ihm jetzt der Prozess in Den Haag bringen wird - konnte er jahrelang nur träumen.
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