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20. Dezember 2012

Kastensystem in Indien: Latrinenputzen ist das Schicksal der Dalits

 Von Carsten Stormer
In Indien gibt es 300 Millionen Dalits. Ein System gnadenloser Segregation schreibt ihnen vor, welche niederen Arbeiten sie zu verrichten haben.  Foto: dapd

In Indien putzen noch immer Hunderttausende aus der Kaste der Unberührbaren die Trockenklos - obwohl ein Gesetz diese Art von Toiletten verbietet. Mittlerweile haben die Latrinenputzer aber Schutzpatrone.

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In Indien putzen noch immer Hunderttausende aus der Kaste der Unberührbaren die Trockenklos - obwohl ein Gesetz diese Art von Toiletten verbietet. Mittlerweile haben die Latrinenputzer aber Schutzpatrone.

Lucknow –  

Leicht gebeugt huscht Naresh Kumar durch die engen Gassen des Slums. In der linken Hand hält er einen Metalleimer, in dem halbflüssiger Kot schwappt. Manchmal spritzt er auf seine Kleider. Naresh Kumar merkt es kaum. Seine Rechte umklammert eine sichelförmige Schaufel, mit der er Exkremente aus Trockenlatrinen kratzt. Um seinen Kopf hat er ein rotes Tuch geschlungen, es ist sein einziger Schutz gegen den Gestank und die Fliegen. Er rennt über Abfallhaufen, springt über stinkende Pfützen, in denen schwarze Flüssigkeit in der Hitze verdunstet, klopft an Haustüren.

Die Menschen, denen er begegnet hier im Gulab-Nagar-Viertel in der indischen Drei-Millionen-Stadt Lucknow, drehen sich weg, halten sich die Nasen zu. Berührt er aus Versehen einen von ihnen, wischt der sich angewidert mit der Hand über die Stelle. Naresh Kumar, der Latrinenputzer, 36 Jahre alt und dünn wie ein Besenstil, gilt als unrein. Doch das liegt nicht am Kot.

Seit 15 Jahren eilt Naresh Kumar von Haus zu Haus, von Latrine zu Latrine, acht Stunden täglich. Schweiß läuft ihm in die Augen, die Kleidung klebt an seinem Körper. Vor einer Mauer kniet er nieder, öffnet eine kleine Luke, fährt mit der Schaufel hinein, löffelt die zähe, braune Masse in seinen Eimer und schippt Asche und Staub hinterher, damit sich der Kot bindet. Es ist sein Dharma, seine Pflicht, sagt er. 2 000 indische Rupien verdient er im Monat, umgerechnet 28 Euro. Und Menschen wie er werden gebraucht in diesem Land, in dem mehr Familien ein Handy als eine Toilette ihr Eigen nennen.

Schicksal bestimmt das Leben vorher

Schon am Tag seiner Geburt stand fest, wo sich Naresh Kumars Leben abspielen würde. Das Schicksal hatte es vorherbestimmt, so wie es zuvor schon das Leben seiner Mutter, seines Bruders, seiner Großeltern, der Urgroßeltern in seine Bahnen gelenkt hatte. Denn in der in Kasten und Unterkasten gegliederten indischen Gesellschaft gehört Naresh Kumar zu den Balmiki, einer Untergruppe der Dalits, der Unberührbaren. Und das bedeutet für ihn, dass er sein Leben lang die Exkremente anderer Leute aus den Trockenlatrinen Indiens zu kratzen hat. So wie es seine Vorfahren schon vor Jahrhunderten taten.

300 Millionen Dalits gibt es in Indien, und ein System gnadenloser Segregation schreibt ihnen vor, welche niederen Arbeiten sie zu verrichten haben. In dieses System wird man hineingeboren ohne Aussicht, ihm jemals zu entkommen. Die Unberührbaren sind die Aussätzigen der Gesellschaft, und ganz unten stehen die Latrinenputzer. Es bedeutet schlechtes Karma, sie zu berühren. Manche Leute waschen sich, wenn nur der Schatten eines Latrinenarbeiters auf sie fällt.

Indien

In Indien, der aufstrebenden Wirtschaftsmacht, verfügen heute 53,2 Prozent der Haushalte über ein Handy, aber nur in 46,9 Prozent der Behausungen können die Menschen eine Toilette nutzen. Das ergab die Volkszählung 2011.

Viele arme Inder müssen ihre Notdurft im Freien verrichten, etwa auf Feldern. Auf dem Land verfügt nicht einmal ein Drittel der Haushalte über eine Toilette.

Eigene Waschmöglichkeiten haben nur 58 Prozent der Inder. Lediglich jeder Dritte hat Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Gegen das Gift, das über Jahrtausende in die Köpfe der Dalits geträufelt wurde, gibt es ein Serum, ein Gesetz, das Trockenlatrinen verbietet. Es ist ein gutes Gesetz, aber, wie so häufig in Indien, hält sich niemand daran. Und selbst wenn: Da ist immer noch der Gehorsam gegenüber uralten Traditionen, der stärker ist als alle modernen Errungenschaften und aller Fortschritt. Das gilt für die höheren Kasten, die von diesem System profitieren, und auch für die Dalits, die es in Jahrtausenden gelernt haben, sich in ihr Schicksal zu fügen. Spiritualität ist der Motor ihrer Ausbeutung. Bis heute.

Und doch haben die Latrinenputzer mittlerweile Schutzpatrone. Die landesweite Organisation Safai Karmachari Andolan (SKA) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Teufelskreis zu durchbrechen. Seit fast 20 Jahren kämpft sie gegen die Ausbeutung und für die Menschenwürde der Latrinenputzer, bringt Fälle vor Gericht, organisiert Demonstrationen. Meist sind es Freiwillige und Ehemalige, die in den Slums arbeiten und dort versuchen, das Gift in den Köpfen zu bekämpfen. Durchaus mit Erfolg.

Zehntausende Latrinenputzer hat SKA inzwischen aus der Abhängigkeit befreit. Es gibt staatlich geförderte Umschulungsprogramme, und Indiens Präsident hat versprochen, dass vom kommenden Jahr an kein Dalit mehr Trockenlatrinen putzen wird. Denn das verstoße gegen die Verfassung, deren Vater einst ein Dalit war. Der Kampf ist fast gewonnen, glauben die Mitarbeiter von SKA. Die Frage sei nicht, ob die letzte Trockenlatrine verschwindet, sondern wann.

Einer dieser Kämpfer ist Ajay Prakesh, ein 26-jähriger Dalit. Er trägt ein frisch gewaschenes Hemd und eine gebügelte Bundfaltenhose, als wolle er ein bisschen Eleganz in das Elend tragen. Scheinbar ziellos läuft Prakesh durch die verwinkelten Gassen, fragt Anwohner, ob es hier Latrinenputzer gibt und wo er sie finden kann. Meist erntet er nur verständnisloses Kopfschütteln.

Wer stellt schon einen Dalit an?

Nach drei Stunden trifft er Naresh Kumar, der am Rande eines Müllberges eine Latrine entleert. Prakesh flüstert ihm etwas ins Ohr und zieht ihn unter einen Feigenbaum. In dessen Schatten erzählt Naresh Kumar von den Kopfschmerzen, die ihn plagen; er berichtet, dass er ständig krank ist und sich die Medikamente nicht leisten kann. „Ich habe meinen Appetit verloren. Nach dem Essen muss ich mich oft übergeben“, sagt er.

Ajay Prakesh hört zu, nickt manchmal zustimmend, legt Kumar einen Arm um die Schulter. Um ihm Mut zu machen, zählt er Erfolgsgeschichten ehemaliger Latrinenarbeiter auf, die ein staatliches Darlehen bekommen haben und heute Nähmaschinen reparieren, Schweine züchten, Kleider schneidern. „Naresh, diese Programme sind auch für dich da. Niemand zwingt dich dazu, die Latrinen zu säubern. Du musst nur wollen, Naresh!“ Misstrauen blitzt in Naresh Kumars Gesicht auf.

Er verspricht, darüber nachzudenken, aber noch überwiegen die Zweifel. „Wer würde mich schon anstellen? Ich bin ein Dalit. Wie soll ich meine Familie ernähren? Für uns gibt es nur diese Arbeit.“ Dann verabschiedet er sich, er muss weiter. Die Latrinen warten, ihre Besitzer werden wütend, wenn er nicht rechtzeitig kommt: „Dann bezahlen sie mich vielleicht nicht.“

Am Ende seines Arbeitstages sinkt Naresh Kumar erschöpft auf einen Bürgersteig, faltet die Beine in den Schneidersitz und schüttelt sich angeekelt, als er die Kotspritzer auf seinem Hemd entdeckt. Der ausgewischte Eimer steht neben ihm und verströmt den Geruch der Latrinen. Ein paar Minuten später setzt sich seine Frau Meena zu ihm. Auch sie ist Latrinenarbeiterin, mit erst 38 Jahren hat sie das Gesicht einer alten Frau. Die beiden reden kein Wort, starren einfach nur auf einen unbestimmten Punkt am Ende der Straße. Synchronisiertes Schweigen. Dann gehen sie nach Hause zu ihren vier Kindern.

Hat man noch Träume in so einem Leben? „Ich habe schon lange aufgehört zu träumen“, sagt Naresh Kumar und vergräbt sein Gesicht in den Händen. Ein Wunsch aber treibt ihn an: Dass es seine Kinder einmal besser haben, dass sie die Schule beenden und nicht in den Latrinen enden. Und dass es in jedem Haus in Indien ein Klo mit Spülung gibt. Irgendwann.

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