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17. Dezember 2010

Katholische Kirche: Wir sind dann mal weg

 Von Wolfgang Wagner
Zu lange weggesehen: Papst Benedikt XVI.  Foto: REUTERS

Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche nimmt deutlich zu, wie eine Umfrage der Frankfurter Rundschau belegt. Kritiker werfen den Bischöfen vor, die Krise aussitzen zu wollen.

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Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche nimmt deutlich zu, wie eine Umfrage der Frankfurter Rundschau belegt. Kritiker werfen den Bischöfen vor, die Krise aussitzen zu wollen.

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat eine neue Austrittswelle ausgelöst. Eine Umfrage der Frankfurter Rundschau in mehreren Bistümern ergab eine erhebliche Zunahme der Austrittszahlen im Vergleich zum Vorjahr. Besonders dramatisch ist die Situation in den Diözesen Augsburg und Rottenburg-Stuttgart: In Augsburg kehrten bis Mitte Dezember 11.351 Katholiken der Kirche den Rücken. Im ganzen Jahr 2009 waren es gerade einmal 6953. Für erheblichen Wirbel hatte dort der Skandal um den inzwischen abgetretenen Bischof Walter Mixa gesorgt. Er hatte nach anfänglichem Leugnen zugegeben, in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen Heimkinder geschlagen zu haben. Erst nach erheblichem Druck war er abgetreten.

Im Bistum Rottenburg-Stuttgart fallen die Zahlen noch dramatischer aus: 17.169 Menschen traten bis Ende November aus der Kirche aus, 2009 waren es nur 10.619. Dass das Bekanntwerden der Missbrauchs- und Misshandlungsfälle Anlass für den Auszug der Katholiken ist, darauf weisen zeitliche Faktoren hin. Vor allem in den Monaten März, April und Mai entschieden sich die Menschen zum Verlassen der Kirche, wie nicht nur das Bistum Rottenburg-Stuttgart berichtet. Damals zeigte sich, welches Ausmaß der Skandal angenommen hat.

In allen Bistümern, die die Rundschau anfragte und die Zahlen nannten, haben die Kirchenaustritte 2010 zugenommen. So verließen im Bistum Trier bis Ende November 7029 Katholiken ihre Kirche, deutlich mehr als in den zwölf Monaten des Vorjahres mit 4583 Austritten. Höhepunkte waren die Monate März und April. Das Bistum Würzburg verzeichnete bis Oktober 5484 Austritte gegenüber 3788 im ganzen Jahr 2009. Auch hier traten besonders viele Menschen im März (1286) und April (1086) aus, als einige Missbrauchsfälle im Bistum bekannt wurden, wie Sprecher Bernhard Schweßinger berichtet.

Streitthemen

Leitung: Die Kirche wird von geweihten Männern geführt. Das geistliche Amt wird von Papst und Bischöfen verliehen, die Macht liegt bei wenigen.
Priesteramt: Der Ausschluss von Frauen vom Amt ist für viele Katholiken ein Ärgernis, ebenso die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit.
Sexualmoral: Künstliche Verhütung ist verboten, in Europa hält sich kaum ein Katholik daran. Praktizierte Homosexualität gilt als Sünde.
Scheidung: Wer nach einer Scheidung wieder heiratet, wird von den Sakramenten ausgeschlossen. wow

Das Erzbistum Berlin, wo der erste große Skandal am Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg bekanntwurde, verlor bisher 4800 Kirchenmitglieder, dies seien bereits mehr als 2009 mit 4700 Austritten. Die Zahl im vergangenen Jahr sei aber schon deutlich höher gewesen als die Jahre zuvor − wegen des Skandals um den Traditionalistenbischof und Holocaustleugner Richard Williamson, berichtet Sprecher Stefan Förner.

Das Erzbistum Hamburg meldete bis Ende November 4437 Kirchenaustritte. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 3689. Das Erzbistum Köln hingegen, wo es einen Missbrauchsskandal am Aloisius-Kolleg in Bonn gab, nannte keine Zahlen. Auch das Bistum Regensburg mit seinen Domspatzen nicht. Die Stadt Regensburg meldete bis September 768 Austritte, im Vorjahreszeitraum waren es 517.

Wenn im nächsten Jahr Papst Benedikt XVI. Deutschland besucht, trifft er also auf eine immer schneller schrumpfende Schar von Katholiken. Die Deutsche Bischofskonferenz wollte die Zahlen nicht kommentieren. Dies werde sie erst tun, wenn die offizielle Statistik für 2010 vorliege, sagte ihr Sprecher Matthias Kopp.

Hoffen auf Rückkehr

Der Krise wollten die katholischen Bischöfe mit einem umfassenden Dialog auch über strittige Themen begegnen. Dies hatten sie zumindest im Herbst vereinbart. Dabei solle es auch um die Sexualmoral, die Zölibatspflicht für Priester und den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen gehen, hatte der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Erzbischof Robert Zollitsch, angekündigt. Die Gestaltung des Prozesses stehe aber noch „völlig am Anfang“, sagte Sprecher Kopp.

Während der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann die Hoffnung äußerte, „dass so mancher wieder zurückkehrt, wenn sich die Verärgerung über aktuelle Ereignisse gelegt hat“, warf die Bewegung „Wir sind Kirche“ den Bischöfen vor, die Krise auszusitzen. Zunächst hätten sie Aktionismus gezeigt, sagte Sprecher Christian Weisner der Rundschau. Doch die Dialog-Initiative erweise sich als „hohle Nuss“, die Kirchenmänner hätten sich noch nicht einmal auf ein Schreiben an die Gemeinden geeinigt. Im Jahr des Papstbesuchs in Deutschland werde ein offener Dialog ohnehin kaum möglich sein.

Die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Karin Kortmann, nannte die Entwicklung bei den Austrittszahlen „außerordentlich bedauerlich“. Die Kirche müsse dringend an einer „neuen Vertrauenskultur“ arbeiten und mehr Laien in die Verantwortung einbeziehen, sagte sie der FR.

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