Nur die wenigsten katholischen Priester, die sich sexuell an Minderjährigen vergehen, sind im klinischen Sinn pädophil. Das ist das Ergebnis einer Studie des forensischen Psychiaters Norbert Leygraf (Duisburg) im Auftrag der deutschen Bischöfe. Es gebe im Vergleich zwischen Klerus und der männlichen Bevölkerung „keine bedeutsamen Unterschiede“, sagte Leygraf am Freitag in Trier. Die weitaus meisten sexuellen Übergriffe von Priestern geschähen aus Gründen, die sich „dem normalpsychologischen Bereich zuordnen lassen“. Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, sprach von der Hoffnung auf eine „neue Qualität in der Debatte um den Umgang mit Tätern im kirchlichen Bereich“.
Der Skandal um den sexuellen Missbrauch vieler Kinder und Jugendlicher in katholischen Einrichtungen erschütterte im Jahr 2010 die Kirche. Die Misshandlungen lagen teils kurze Zeit, aber teils auch mehr als 60 Jahre zurück. Viele Fälle waren strafrechtlich verjährt.
Erste Verdachtsfälle kamen im Januar 2010 am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten ans Licht. Später kamen unter anderem das Kloster Ettal und die Regensburger Domspatzen hinzu. Eine Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer wurde eingerichtet. Die Kirche bot an, Opfern bis zu 5000 Euro Entschädigung zu zahlen.
Der Gründer und Vorsitzende des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt (netzwerkB), Norbert Denef, forderte am Freitag eine unabhängige Kommission zur Aufklärung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Nur so könne den Opfern Gerechtigkeit widerfahren, sagte Denef. In einem solchen Gremium müssten kirchenunabhängige Mitglieder den Missbrauch in der Kirche systematisch aufarbeiten. „Man würde auch nicht die Mafia bitten, ihre eigenen Verbrechen aufzuklären“, sagte Denef. Man brauche eine Melde- und Anzeigepflicht bei Missbrauchstaten von Priestern.
Für die nicht repräsentative Erhebung wertete Leygraf mit zwei Kollegen 78 psychiatrische Gutachten aus den Jahren 2000 bis 2010. Die sexuellen Übergriffe selbst, derer die Geistlichen beschuldigt waren, lagen meist vor dieser Zeit, die Mehrzahl in den 1960er bis 1990er Jahren. Das Spektrum der Vergehen umfasste zum einen den Besitz und die Nutzung kinderpornografischen Materials (zwölf Fälle). Zum anderen ging es um Vergehen mit und an Minderjährigen – angefangen von Umarmungen bis zum vollzogenen Geschlechtsverkehr.
Opfer sind überwiegend jugendliche Jungen
Die Opfer waren überwiegend Jungen im jugendlichen Alter. Dies steht im Einklang mit internationalen Befunden. Leygraf erklärte die deutlich geringere Zahl betroffener Mädchen unter anderem damit, dass Priester in der Seelsorge und Jugendarbeit (zum Beispiel über Messdienergruppen) viel leichter Zugang zu Jungen gehabt hätten als zu Mädchen. Die Täter seien zur Hälfte heterosexuell orientiert, zu einem guten Drittel homosexuell. Ungefähr jeder zehnte Täter weise eine bisexuelle Orientierung auf.
Das in der Öffentlichkeit vorherrschende Täterprofil vom „pädophil veranlagten, sexuell unreifen Priester“ habe sich nicht bestätigt, betonte Leygraf. Meist komme es vor dem Hintergrund einer persönlichen Krise zu den sexuellen Übergriffen. Dazu werde ein bestehendes Vertrauensverhältnis ausgenutzt. „Schwerer“ sexueller Missbrauch wurde laut Leygraf nur von einer Minderheit der begutachteten Geistlichen begangen. Kinder seien hiervon gar nicht betroffen gewesen.
Mehr als 80 Prozent der Gutachten empfahlen einen weiteren Gemeinde-Einsatz der jeweiligen Priester. Bei etwa der Hälfte von ihnen hielten die Gutachter einen eingeschränkten Einsatz für angezeigt. Nur zwölf Geistliche (15 Prozent) sollten aus dem Gemeindedienst entfernt werden.
Reformbewegung vom Ergebnis schockiert
Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ zeigte sich insbesondere von diesem Ergebnis schockiert. „Das entspricht in keiner Weise der Nulltoleranz-Strategie etwa der US-Bischöfe und auch des Papstes“, sagte „Wir sind Kirche“-Vorstand Christian Weisner dieser Zeitung. „Leygrafs Studie beseitigt nicht unsere Skepsis in puncto Aufarbeitung. Der Missbrauchsskandal wird definitorisch kleingerechnet.“ Das pastorale Problem des Glaubwürdigkeitsverlusts von Kirche und Klerus komme ebenso wenig in den Blick wie eine Analyse der Ursachen, die Priester zu Tätern werden ließen. „Welche Männer werden Priester? Und wie werden sie in der katholischen Kirche sexuell sozialisiert?“ Diese Fragen lasse Leygraf völlig offen, sagte Weisner, der die Studie als „McKinsey auf katholisch“ kritisierte. Er bemängelte zudem, dass Leygraf als Gutachter beauftragt worden sei, obwohl er zuvor bei Tätern aus dem kirchlichen Raum auch therapeutisch gewirkt habe. „Behandler und Gutachter in einer Person, das kommt einem Zirkelschluss gleich“, so Weisner.
Bischof Ackermann kündigte Bemühungen um eine verstärkte oder präzisierte Prävention sexuellen Missbrauchs auf Basis von Leygrafs Erhebung an. Dem Thema „neue Medien und Internetpornografie“ müssten die Bischöfe sicher noch mehr Aufmerksamkeit widmen.
Aufruf zur Ursachenforschung
Darüber hinausgehend forderte der Augsburger Pastoraltheologe Hanspeter Heinz in dieser Zeitung eine schonungslose Analyse der Ursachen, die zu sexuellem Missbrauch durch Kleriker führten. Er begrüßte den Forschungsauftrag an Leygraf und dessen Arbeit als Beitrag zur Transparenz und Aufarbeitung des Missbrauchs. Gerade die Rückführung der allermeisten Fälle auf nicht pathologische Ursachen erfordere es aber, nach den Strukturen und Mechanismen in der Kirche zu fragen, die möglicherweise sexuellen Missbrauch begünstigen. „Es gibt den katholischen Stallgeruch des Missbrauchs“, sagte Heinz unter Verweis auf den Jesuitenpater Klaus Mertes. „Die Kirche darf das nicht länger ignorieren.“ Fast die Hälfte der Täter ist nach den Ergebnissen von Leygrafs Studie heterosexuell. Dies zeigt nach Heinz‘ Ansicht, dass die Entscheidung des Vatikans von 2005, homosexuell Veranlagte vom Priesteramt auszuschließen, ein Fehler gewesen sei. Für falsch hält der Theologe auch die Nulltoleranz-Strategie im Umgang mit den Tätern. Nur fünf Prozent der Betroffenen, die sich in therapeutische Behandlung begeben hätten, sei rückfällig geworden. Über die übrigen 95 Prozent dürfe die Kirche nicht vorschnell und übereifrig den Stab brechen.
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