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Kaukasus: Neue Angriffe im alten Krieg

Georgier und Südosseten beschießen gegenseitig zivile Wohngebiete. Georgische Falken planen Rückeroberung. Von Florian Hassel

Kinder aus dem südossetischen Avnevi wurden wegen der Kämpfe nach Russland gebracht.
Kinder aus dem südossetischen Avnevi wurden wegen der Kämpfe nach Russland gebracht.
Foto: dpa

Eigentlich sollte am Donnerstag verhandelt werden. In Tschinwali, Zentrum der zu Georgien gehörenden, doch von Russland kontrollierten Region Südossetien wollten Unterhändler beraten, wie ein sich rasant verschärfender Konflikt entschärft werden kann.

Doch statt Gespräche gab es im Kaukasus neue Kämpfe. Südosseten beschießen seit Mittwochabend georgische Dörfer und Stellungen mit Artillerie, Georgier nehmen südossetische Dörfer ins Visier. Wer zuerst schoss, ist umstritten. Nach Mitteilungen beider Seiten gibt es mindestens 20 Verletzte, möglicherweise auch Tote. Schon am 2. August starben mindestens sechs Südosseten bei Gefechten.

Dauerkrise in Südossetien

Die Osseten - Eigenbezeichnung: Alanen - sind ein iranisches Volk und seit dem 5. Jahrhundert im Kaukasus ansässig. Etwa 520 000 leben in Nordossetien (Alanien) und im übrigen Russland, rund 100 000 in Georgien, davon zwei Drittel in Südossetien. Seit 1774 (Norden) bzw. 1801 (Süden) gehörte ihr Siedlungsgebiet zum Russischen Reich, dann zur UdSSR.

Südossetien, seit 1922 autonomer Bezirk in Georgien, erklärte am 20. 9. 1990 die Unabhängigkeit. Organisator war die sowjettreue KP, die Bindungen an Georgien ablehnte. Die Regierung Georgiens hob die Autonomie auf und setzte Militär ein. Der Konflikt kostete rund 1000 Menschenleben.

Eine Friedenstruppe von 1500 Mann - Russen neben Georgiern und Ossetiern - wurde 1992 nach einem Bürgerkrieg (2000 Tote) stationiert.

Eduard Kokoity ist seit 1992 Präsident des international nicht anerkannten Südossetien. Er wurde zuletzt 2002 mit 96 Prozent in einem Referendum bestätigt, an dem georgische Einwohner nicht teilnehmen durften.

Für Georgien stimmten im von Tiflis kontrollierten Gebietsteil in einem Konkurrenz-Referendum 94 Prozent. Dieser Gebietsteil wählte Dimitri Sanakojew zum Präsidenten.

Ein Drei-Stufen-Plan des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili sieht die Wiedereingliederung Südossetiens unter einem Autonomiesystem vor. Er wird von Kokoitys Seite abgelehnt.

Ein Waffenstillstand (2004) wurde von beiden Seiten häufig gebrochen. Schwere Kämpfe gibt es seit Juli 2008.

Die Nato macht Beitrittsgespräche mit Georgien von einer friedlichen Lösung der Südossetien-Frage abhängig.

Neuer Stellvertreterkonflikt

Bisher ist unklar, wie eine weitere Zuspitzung des Konflikts verhindert werden kann. Es ist ein Konflikt ähnlich dem zwischen Georgien und der nominell zu Georgien gehörenden Schwarzmeerregion Abchasien. Und wie jener Konflikt sieht auch der Streit um Südossetien wie ein Stellvertreterstreit zwischen Moskau und dem Westen aus.

Seine Wurzeln liegen in der Sowjetzeit und zur Zeit deren Zerfalls: Als die Georgier 1991 die Unabhängigkeit ausriefen, forderten die Osseten eine autonome Republik. Georgien antwortete mit Tausenden Freischärlern. In eineinhalb Jahren Krieg starben fast 2000 Menschen. Seit der Zeit lehnt sich Südossetien an Russland an. Russland finanziert den Haushalt, bestimmt den Präsidenten, stellt den Premier, Geheimdienstchef und Militärs.

Militärisch blieb es seit den blutigen Kämpfen zwischen den Nachbarn in den 90ern lange ruhig. Doch als 2004 in Georgien Michail Saakaschwili an die Macht kam, gab der junge Präsident der "Wiederherstellung der territorialen Integrität Georgiens" Priorität. Hätte Saakaschwili eine Rückkehr unter Moskaus Oberherrschaft akzeptiert, hätte der Kreml vielleicht seine Schutzherrschaft über Südossetien und Abchasien aufgegeben. Saakaschwili jedoch will Georgien in die Nato führen und als Transitland für Öl und Gas unter Umgehung Russlands etablieren. Er lässt sich einen Großteil seines Haushalts von Washington bezahlen und erklärte im April 2007, er wolle im nur gut vier Millionen Menschen starken Georgien eine 100 000 Mann starke Armee aufbauen. In der Nähe Südossetiens bauen die Georgier eine neue Militärbasis.

Georgiens Innenminister Wano Merabischwili, ein enger Vertrauter des Präsidenten, nannte Südossetiens Führer kürzlich "Banditen", deren Regime hoffentlich "seine Existenz beenden wird". Quellen der FR und der International Crisis Group zufolge sollen georgische "Falken" auf schnelle Kriege zur Rückeroberung Abchasiens, möglicherweise auch Südossetiens drängen.

US-Marines trainieren Georgier

Der Kreml verstärkte seinerseits die Unterstützung Südossetiens und Abchasiens. Fast alle Südosseten haben mittlerweile einen russischen Pass. Für Moskau wäre das der Vorwand, im Kriegsfall zum "Schutz russischer Staatsbürger" einzugreifen.

Verhandlungsversuche blieben bisher erfolglos. Am 14. Juli scheiterte auch ein neuer Vermittlungsversuch der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Russen und Südosseten misstrauen der OSZE schon wegen des dort großen Einfluss der USA, die Georgien als Klientelstaat adoptiert haben.

Vom 15. bis zum 31. Juli trainierten auf der ehemals sowjetischen Militärbasis Wasiani östlich von Tiflis mehr als 1000 US-Marines 600 georgische Soldaten. Russland konterte mit der Übung "Kaukasus 2008": Bei der übten Mitte Juli 8000 Fallschirmspringer und andere Eliteeinheiten in Südrussland einen möglichen Einsatz in Abchasien oder Südossetien.

Russlands Außenministerium warnt nun vor einem neuen Krieg. Georgiens Präsident Michail Saakaschwili rief "alle auf, die Konfrontation unverzüglich zu beenden". Doch die Schuld für die Krise gab er Russland. "Wir werden maximale Zurückhaltung zeigen", sagte Saakaschwili. "Doch wir empfehlen niemandem, mit Provokationen fortzufahren."

Autor:  FLORIAN HASSEL
Datum:  8 | 8 | 2008
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